"Mohamed war für uns alle ein Vorbild"

Rosenheim - Momo kämpft mit vielen Unterstützern um seinen Verbleib in Deutschland. Nun liegt uns ein schriftliches Plädoyer seines ehemaligen Lehrers Reinhard Schober vor:

Die Stellungnahme von Reinhard Schober (Momos Ex-Lehrer aus Bad Feilnbach):

"Mohamed Kamara war von 2008 bis 2011 einer meiner Schüler an der St. Georg Volksschule in Bad Aibling. Ich betreute die Mädchen und Jungen von der 7. bis zur 9. Klasse und führte sie zum Hauptschulabschluss, den auch Mohamed zusammen mit dem qualifizierenden Hauptschulabschluss erreichte.

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Eine Zukunft ohne Freunde, Familie und Job

Nachdem er erfolgreich den integrativen Deutschkurs für Ausländer in Rosenheim absolviert hatte, kam Mohamed im Dezember 2oo8 in unsere Klasse. Er beeindruckte von Anfang an durch seine große Leistungsbereitschaft und sein vorbildliches Verhalten. Mohamed zeigte sich äußerst interessiert an allen Bereichen des Unterrichts und bemühte sich unermüdlich, alles Neue aufzunehmen und seine Wissenslücken zu schließen. Dass ihm das vielfach gelang und er weitgehend bald Anschluss an das jeweils geforderte Niveau der einzelnen Unterrichtsfächer erreichte, war sehr erstaunlich, wenn man bedenkt, dass er wohl wenig schulische Bildung in seiner Heimat erhielt und ihm viele europäische Kulturinhalte, besonders in Geschichte, Literatur, Geographie, Sozialkunde usw., bis dahin völlig fremd waren.

Zusätzlich zu den Lehrbüchern lieh ich ihm häufig die verschiedensten Bücher, die er mit großem Eifer las, oft mehrere in der Woche. Mohamed war schnell in der Klasse integriert und fand darüber hinaus viele Freunde an der Schule. Der tägliche Unterricht bereitete ihm tatsächlich große Freude, und er bedauerte immer die freien Wochenende oder gar Ferien, da er dann nicht zur Schule gehen konnte, um zu lernen.

Vorbild für Mitschüler

Für die Klassengemeinschaft war er in vieler Hinsicht eine Bereicherung, und zwar für die Mitschüler und auch für mich als Lehrer, für den so hochmotivierte Schüler wie Mohamed stets die Ausnahme waren. Durch seine beständige Mitarbeit und sein häufiges Nachfragen bei schwierigen Sachverhalten regte er auch andere zur Aktivität an und nahm manchem die Scheu, eigenes Nichtverstehen zu artikulieren. Außerdem war er durch sein ruhiges Wesen und seine auffallende charakterliche Reife Vorbild für viele in der Klasse und trug damit zu dem guten sozialen Klima bei und dem Entstehen einer starken Gemeinschaft.

Diese zeigte sich darin, dass wir in den drei Jahren vielfach freiwillige Projekte außerhalb des Unterrichts durchführten, wobei sich Mohamed stets als guter Kamerad zeigte. Gerade in Hauptschulklassen, wo pubertierende Jugendliche oft nur wenig Interesse für die Schule aufbringen und im Umgang miteinander und gegenüber Lehrern vielfach angemessenes Betragen und höflichen Umgangston vermissen lassen, wirkte Mohamed beispielhaft auf seine Mitschüler/innen. Höflichkeit, Fleiß, Bescheidenheit, Fairness waren selbstverständlicher Teil seines Wesens und beeindruckten jeden, der mit ihm zu tun hatte.

Auch ich selbst, obwohl bereits kurz vor der Pensionierung, lernte durch Mohamed immer noch Wesentliches dazu, wenn er sich zum Beispiel beharrlich für Mitschüler einsetzte und mich veranlasste, mein eigenes Lehrerverhalten zu überdenken und Gelassenheit statt Strenge gegen Schüler zu zeigen. Mohamed war für uns alle Vorbild im schulischen wie im privaten Leben. Er machte vielen durch seine außergewöhnliche Lernbereitschaft Mut, eigene Schwächen zu überwinden und machte uns deutlich, wie gleich wir Menschen trotz unterschiedlicher Herkunft doch sind und dass wir jeweils viel voneinander lernen und profitieren können.

Integration täglich erlebt und verstanden

In unserer Klasse, in der Schüler/innen aus allen Teilen Europas und der Welt zusammen lernten, haben alle, auch und besonders durch Mohameds Mitwirken Integration und friedliches Miteinander täglich erlebt und verstanden. Keiner seiner Mitschüler/innen, mit denen ich seit der Veröffentlichung der drohenden Abschiebung für Mohamed sprach, können eine solche staatliche Entscheidung verstehen. Toleranz und Mitmenschlichkeit sind wesentliche Ziele unserer schulischen Erziehungsarbeit und die Jugendlichen erwarten deren Einhaltung und Vorbild gerade auch von uns Erwachsenen und staatlichen Institutionen.

Nicht Opfer der Bürokratie werden

Mohamed, der einen kaum vorstellbaren Leidensweg in seinem jungen Leben bereits hinter sich und von Anfang an bis heute gezeigt hat, dass er die Chance auf eine bessere Zukunft und ein eigengestaltetes, verantwortungsvolles Leben in unserer Gesellschaft nutzen will und kann, soll und darf nicht Opfer einer bürokratischen Verordnung werden. Welchen Sinn macht die bisherige staatliche Unterstützung und Förderung durch Schule und Berufsausbildung (die noch nicht abgeschlossen ist), wenn man ihn nun abschieben würde? Ein junger Mensch, der trotz schwierigster Lebensverhältnisse, erfolgreich und fleißig bemüht ist, seinen Lebensunterhalt hier selbst zu bestreiten, der dem Staat durch seine Arbeit und Steuern dann wieder zurückgibt, was in ihn investiert wurde, ist doch ein Gewinn für unsere Gesellschaft. Mohamed ist weder kriminell, noch in irgendeiner Weise negativ auffällig, dass eine Abschiebung nach Sierra Leone zu rechtfertigen wäre.

Statt dessen geht es darum, einem jungen Menschen ein dem Grundgesetz entsprechendes Leben in unserer Gesellschaft zu gewähren."

Quelle: rosenheim24.de

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