Experte bei KiTa-Pädagogen-Kongress in Rosenheim kritisch

"Die Hälfte hat nach ihrem Schulabschluss keine Arbeitshaltung"

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Gesellschaftliche Realität: Landrat Wolfgang Berthaler begrüßte rund 400 Frauen zum ersten Fachkongress für pädagogische Mitarbeitende in Kindertageseinrichtungen. Dazu kamen noch genau zwei Männer, die sich um die tägliche Betreuung der Kinder kümmern.

Rosenheim - Wie kann ich Kinder in Krippen, Kindergärten und Horten ernst gemeint und altersgemäß beteiligen? Diese Frage stand im Mittelpunkt des ersten Fachkongresses für pädagogische Mitarbeitende in Kindertageseinrichtungen im Kuko in Rosenheim. 

Nach der Eröffnung durch die Veranstaltungsmoderatorinnen Sabine Stelzmann und Christine Blindert, sagte Landrat Wolfgang Berthaler in seiner Begrüßung: "Sie sind hier, weil sie uns wichtig sind. Mütter und Väter vertrauen ihnen ihre Kinder an in der Hoffnung, dass sie mithelfen, dass aus ihnen einmal gestandene Persönlichkeiten werden. Sie haben im wahrsten Sinne des Wortes unsere Zukunft unter ihren Fittichen."

Der Leiter des Kreisjugendamtes Rosenheim Johannes Fischer verwies auf den quantitativen Ausbau der Kindertagesbetreuung in den vergangenen Jahren, "dem ein qualitativer Ausbau folgen muss." Fischer warb für Partizipation: "Wenn es uns gelingt, Prozesse auf den Weg zu bringen, Kinder zu beteiligen, dann werden sie sich in ihrem Umfeld besser einbringen. Wenn die demokratische Gesellschaft die einzige ist, die erlernt werden muss, dann können wir nicht früh genug beginnen."

"Keinen Sinn für Pünktlichkeit"

Der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Michael Winterhoff aus Bonn, zudem Autor mehrerer Fachbücher, begann seinen Einführungsvortrag mit Satz: "Was mich umtreibt, sind die vielen Auffälligen in unserer Gesellschaft." Winterhoff zeichnete ein düsteres Bild der jungen Generationen und vertrat die These, dass die Zeiten, in denen Dreijährige kindergartenreif, Sechsjährige schulreif und 16-Jährige ausbildungsreif sind, nahezu vorbei sind: "Die Hälfte aller Heranwachsenden haben nach dem Schulabschluss keine Arbeitshaltung, keinen Sinn für Pünktlichkeit und das Handy ist ihnen wichtiger als der Kunde, der vor ihnen steht.“

Die "Schuld" für diese Entwicklung gab Winterhoff den Eltern. Mitte der 1990er Jahren mussten sich Erwachsene erstmals mit der Digitalisierung beschäftigen. Sie investierten viel Zeit und stellten die Kindererziehung ein. Die Konfrontation mit dem Internet um das Jahr 2000 und der Siegeszug des Smartphones trugen aus Sicht von Winterhoff nicht zu einer Verbesserung der Lage bei. Die Kinder wurden zu Partnern gemacht und damit wurde viel Zeit eingespart.

"Wir brauchen mehr Personal"

"Partizipation kann nur funktionieren, wenn sich Kinder entwickeln können und sie Kinder bleiben können und nicht Partner sind." Winterhoff forderte ein kindbezogenes Arbeiten in den Kindertagesstätten. Für seine Aussage: „Wir brauchen dazu kleinere Gruppen und wir brauchen mehr Personal“, gab es großen Applaus.

An die Adresse der Eltern meinte der Kinder- und Jugendpsychiater „Ruhe bitte, das ist die Voraussetzung, damit etwas im Hirn passiert. Eltern, die in sich ruhen, übertragen dies auf die Kinder.“ Weiter meinte er, Kinder sollten begleitet und angeleitet werden und Eltern sollten ihr Tempo verzögern, wenn Kinder etwas wollen. Ab wann und wie können Kinder ernstgemeint mitwirken? Professor Dr. Susanne Viernickl von der Universität Leipzig beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit der Alltagstauglichkeit von Partizipation. "Kinder treffen sehr früh Entscheidungen. Ab dem dritten Lebensjahr können sie sich in andere hineinversetzen", sagte Professorin Viernickl. Aus ihrer Sicht lautet die Frage nicht ob, sondern wie Kinder partizipieren.

Verantwortliche müssen Entscheidungsmacht abgeben

Die Fachfrau stellte verschiedene Prinzipien vor, die Voraussetzungen sind für eine Einbindung der Kinder. So müssen sie wissen, worum es geht, wie sie als Kind ihre Meinung äußern können und dass kein Zwang zur Partizipation besteht. Zudem ist Kindern Verlässlichkeit wichtig, das heißt, Vereinbarungen dürfen nicht missachtet werden.

Für Professorin Viernickl ist damit auch klar, dass ein ernstgemeintes Mitwirken der Kinder bedeutet, dass die Verantwortlichen einer Kindertagesstätte, also Träger und Team Entscheidungsmacht abgeben müssen. Viernickel schränkte ein, "das bedeutet nicht, Kinder an die Macht zu lassen."

Etwa 10.000 Kinder werden im Landkreis betreut

Die rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den Kindertagesstätten im Landkreis Rosenheim hatten bei dem Fachkongress die Möglichkeit, sich in einem knappen Dutzend Vorträgen und Gesprächsforen zu unterschiedlichen Aspekten von Partizipation wie Bildungspartnerschaft mit Eltern oder Inklusion zu informieren. Zu den hochkarätigen Referenten gehörten zudem vom Staatsinstitut für Frühpädagogik Professor Dr. Fabienne Becker-Stoll und Dr. Monika Wertfein, Dr. Norbert Kober von der Goldmund-Erzählakademie München, der Familientherapeut Christoph Bomhard, die Fachwirtin für Erziehungswesen Christl Eiler, der Ergotherapeut Ralf Möller, Karola Kellner von der Kommunalen Jugendarbeit, der Soziologe Niko Lederle sowie die Leiterin einer reggio-zertifizierten Kindertagesstätte Maria Förster. In einem Markt der Möglichkeiten präsentierten sich zudem Fachbehörden, Verbände und Verlage mit ihren Angeboten.

Im Landkreis Rosenheim gibt es 163 Kindertagesstätten. Dort werden 1.700 Kinder unter drei Jahren, 7.500 Kindergartenkinder und 1.000 Hortkinder betreut. Insgesamt mehr als 10.000 Kinder. 2020 soll es den nächsten Fachkongress für Mitarbeitende in Kindertageseinrichtungen geben.

Pressemitteilung Landratsamt Rosenheim

Quelle: rosenheim24.de

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