Stephanskirchener Arzt zu geforderten Altersgutachten bei Asylbewerbern

"Konkrete Altersbestimmung ist nicht möglich"

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Dr. Thomas Nowotny, Kinder- und Jugendarzt Arzt aus Stephanskirchen
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Stephanskirchen/Rosenheim - Nach dem tödlichen Messerangriff im pfälzischen Kandel fordern Unionspolitiker eine obligatorische Altersfeststellung von Asylbewerbern. Die Bundesärztekammer lehnt das ab. Kinder- und Jugendarzt Dr. Thomas Nowotny aus Stephanskirchen sagt im ZDF Morgenmagazin eine konkrete Altersbestimmung sei nicht möglich.

Schon erwachsen oder noch minderjährig? Für viele Flüchtlinge entscheidet sich damit, welche gesetzlichen Leistungen sie bekommen oder ob sie im Straffall nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden. In jüngsten Debatten wird von Unionspolitikern eine verbindliche Altersfeststellung gefordert. Die Bundesärztekammer sowie viele Kinder- und Jugendärzte selber lehnen das ab. Eine Altersbestimmung sei schwierig, das Alter nicht eindeutig festzustellen. Auch würde es zu Engpässen in den Praxen kommen. Darüber hinaus stellen sich ethische Fragen, die diese Behandlung aufwirft.

Nun äußerte sich auch Kinder- und Jugendarzt Dr. Thomas Nowotny aus Stephanskirchen am Schlossberg im ZDF Morgenmagazin zu den geforderten Altersfeststellungen von Asylbewerbern. 

"Altersgutachten unsicher"

Nowotny untersucht als Kinder- und Jugendarzt viele in Rosenheim neu ankommende unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Er selber macht keine Altersgutachten, weil er, zusammen mit vielen Kollegen der Meinung sei, dass man das Alter nicht feststellen könne, sondern nur grob schätzen. Dies sagen auch die Rechtsmediziner, die diese Gutachten durchführen. Gerade in dem Altersraum um den es gehe, 16 bis 20 Jahre, gebe es eine große Abweichung. "Die Rechtsmediziner und Radiologen, die diese Untersuchungen durchführen, messen das Knochenalter und das kann vom tatsächlichen Alter um mehr als zwei Jahre abweichen", sagt Nowotny gegenüber dem ZDF.

Zum Fall aus Kandel sagt Nowotny, dass er fürchte, dass man durch egal welches Verfahren, solche schrecklichen Taten nicht verhindern könne. "Das Mitgefühl von uns allen ist natürlich bei der Familie und bei den Freunden des Opfers."

Das Verfahren sei einfach nicht tauglich. "Ich kann die Politiker verstehen, die sagen, sie wollen jetzt irgendwas versprechen, damit sowas nicht wieder passiert, aber das können wir Ärzte leider nicht einhalten. Und wir können auch nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, ob jemand volljährig ist der nicht."

Altersbestimmung auch am Landgericht Traunstein bereits Thema

Dass die Feststellung des Alters in der Praxis durchaus schwierig ist, zeigt auch der Fall von Flüchtling Issa T., der verurteilt wurde, weil er auf eine Flüchtlingspatin in Wasserburg einstach. Die Frage, wie alt Issa T. eigentlich ist, beschäftigte das Gericht lange. Bei seiner Ankunft in Europa behauptete er, er sei Jahrgang 1984. Als er seinen Asylantrag in Deutschland stellte, gab er als Geburtsdatum den 1. Januar 1993 an.

Das Gericht wollte es genauer wissen und schickte den Angeklagten zu einer rechtsmedizinischen Untersuchung: Zähne und Knochen wurden dort unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Der Gutachter schätzte das Alter des Verurteilten damals auf 25 bis 30 Jahre.

Aus dem Archiv

Nowotny ist nicht nur Kinder- und Jugendarzt sondern auch Gründer der "Bayerischen Ärzteinitiative für Flüchtlingsrechte" und setzt sich gegen Abschiebungen nach Afghanistan ein. Wir haben mit ihm im März ein Interview zu dem Thema geführt:

Quelle: rosenheim24.de

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