Kampf dem Organnotstand

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Im Einsatz für eine höhere Organspendebereitschaft: Landespolitikerin Annemarie Biechl, die einen Spenderausweis führt, und Bayerns erste Lebendspenderin Irmi Hobmaier aus Höslwang.

Rosenheim - Organe spenden und Leben retten - ein neues Gesetz sollte ab 1. November genau diesen Vorgang fördern. Nun aber werfen die Vergabeskandale lange Schatten über den Fortschritt.

Täglich sterben in Deutschland drei Menschen, weil kein passendes Spenderorgan für sie zur Verfügung steht. Die Organspendebereitschaft sollte das neue Transplantationsgesetz fördern, das am 1. November in Kraft tritt. Die Umsetzung wird jedoch durch die aktuellen Skandale um Manipulationen bei der Organvergabe überschattet. Die Diskussionen um bessere Kontrollmechanismen verdrängen, worum es eigentlich geht: um die Rettung schwer kranker Menschen.

"Ich bin ein ganz normales Mädel", sagt Tina Menzel, obwohl ihr Leben in den vergangenen drei Jahren alles andere als "normal" verlaufen ist. Denn die 19-jährige Schechenerin lebt mit einem fremden Herzen. Hätte sie es 2009 nicht erhalten, könnte sie heute nicht all das tun, was "normale Mädels" ihres Alters tun: arbeiten, ausgehen, Hobbys pflegen.

Tina Menzel lebt mit einem neuen Herzen. Einzige Einschränkungen: kein Alkohol, täglich Medikamente und regelmäßige Kontrollen.

Tina Menzels schwere Herzmuskelerkrankung wurde im Januar 2009 nach einer Grippe mit Lungenentzündung diagnostiziert. Bei der sofort anberaumten Operation kam es zum Herzstillstand. Es folgten zehn Tage künstliches Koma, aus dem Tina Menzel ohne bleibende Schäden erwachte, nach denen jedoch feststand: Sie benötigt ein neues Herz. Die damals 16-Jährige wurde in der höchsten Dringlichkeitsstufe für ein Spenderorgan einkategoriert, doch das erste Herz überstand den Transport ins Klinikum Großhadern nicht. Erneut begann eine Zeit des Wartens und Bangens, bis endlich die erlösende Botschaft, dass ein zweites Spenderherz gefunden ist, eintraf. Die sechsstündige Operation verlief erfolgreich, ein halbes Jahr nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus kehrte Tina Menzel nach Haus zurück. Zwei Monate später begann sie bereits ihre Ausbildung im Autohaus Freilinger und Geisler in Rosenheim, die sie mittlerweile mit Erfolg abgeschlossen hat. Geschäftsführer Georg Rohrmoser freut sich nicht nur darüber, eine engagierte Mitarbeiterin übernommen zu haben, sondern auch über "ihre fröhliche und optimistische Art".

Diese Lebensfreude hat Tina Menzel einem unbekannten Spender und seiner Familie zu verdanken. Mit Nachdruck setzt sie sich deshalb für die Organspende ein - und ist zutiefst enttäuscht darüber, dass die aktuellen Skandale um Manipulationen bei der Vergabe das Bemühen um eine größere Spendebereitschaft zurückgeworfen haben.

Diesem Ziel hatte sich auch das neue Transplantationsgesetz verschrieben, das am 1. November in Kraft tritt. Im Mittelpunkt steht die sogenannte freiwillige Entscheidungsregelung. Alle Bürger ab 16 Jahren werden von ihren Krankenkassen zur Organspende aufgeklärt und aufgefordert, sich schriftlich zu ihrer Spendebereitschaft zu äußern. Dieser Schritt bleibt jedoch freiwillig. Die Versicherten können den Aufruf ignorieren und den mitgeschickten Spenderausweis in den Papierkorb werfen. Wer sich für die Spende entscheidet, soll dies nicht nur auf den Ausweisen, sondern auch auf den neuen elektronischen Gesundheitskarten der Krankenkasse dokumentieren können.

Flankiert wird das Gesetz von einer Informationskampagne, deren Start zahlreiche Krankenkassen aufgrund der aktuellen Skandale aber verschoben haben. Deren Ziel: intensive Aufklärung über die Organspende. Diese Aufklärung ist nach Überzeugung der CSU-Landtagsabgeordneten Annemarie Biechl dringend von Nöten. Sie bekennt offen, dass auch sie sich mit ihrer Entscheidung, einen Spendeausweis auszufüllen, nicht leicht getan und sie sich vorher umfangreich informiert habe. Die ehemalige Landesbäuerin, für die die Förderung der Organspende mittlerweile zur Herzensangelegenheit geworden ist, hätte es nach eigenen Angaben sogar begrüßt, "wenn die Politik noch ein Stück weiter gegangen wäre." Denn diskutiert wurde auch eine Widerspruchslösung. Diese fordert alle Bürger - so wie in Österreich - auf, sich zu positionieren. Wer sich nicht äußert, hat damit automatisch der Spende seiner Organe im Fall des Hirntodes zugestimmt.

"Wir können von den Bürgern verlangen, dass sie sich entscheiden", ist Irmi Hobmaier überzeugt, die auf "die positiven Erfahrungen vieler europäischer Länder" mit der Widerspruchsregelung hinweist. Die Höslwangerin, die 1985 ihrer Tochter eine Niere spendete, ärgert sich ebenso wie Annemarie Biechl und Organspendeempfängerin Tina Menzel über die aktuellen Skandale bei der Organzuteilung. "Zwei korrupte Ärzte bringen den ganzen Berufsstand der Transplantationsmedizin in Verruf", sieht sich Hobmaier um die Früchte einer jahrzehntelangen Informationsarbeit pro Organspende gebracht. "Lumpen wird es immer geben", ist Bayerns erste Lebendspenderin überzeugt, "die Kontrollmechanismen und Regelungen reichen eigentlich bereits heute aus, wenn sie nur ausreichend angewandt würden", ärgert sie sich.

Annemarie Biechl sieht noch großen weiteren Bedarf an Aufklärung - etwa rund um das Thema Patientenverfügungen. Dokumentieren Kranke den Wunsch auf Einstellung lebensverlängernder Maßnahmen, birgt die daraus folgende Abstellung der medizinischen Geräte die Gefahr, dass eine saubere Entnahme von Organen nicht mehr möglich ist, erläuterte sie.

Irmi Hobmaier ist grundsätzlich mit dem neuen Transplantationsgesetz unzufrieden. Denn nach wie vor müssen, wenn ein möglicher Spender seinen Willen nicht freiwillig dokumentiert hat, die Angehörigen in den schweren Stunden des Todes die Entscheidung treffen. Dieser emotional kaum zu bewältigenden Antwort am Todesbett müssten sie sich nicht stellen, wenn es eine Widerspruchsregelung mit dokumentiertem Widerspruchsregister gäbe.

Heike Duczek/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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