Bürgerinitiative gegen geplanten A8-Ausbau

Verkehrsexperte: "Kein Grund, die heimische Autobahn zu erweitern"

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Verkehrsexperte Ditmar Hunger (links) mit den Vorständen der Bürgerinitiative "A8-Ausbau - Bürger setzen Grenzen", Marlis Neuhierl-Huber und Josef Fortner.
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Rohrdorf - Ingenieur Ditmar Hunger findet klare Worte für den geplanten Ausbau der A8 zwischen München und Salzburg. Die Gesetzgebung zum Thema nennt er schizophren.

Die Kritiker des sechsspurigen Ausbaus der A8 in der Region sind sich einig: Wenn der Querschnitt der Hauptverkehrsader in den Landkreisen Rosenheim, Traunstein und Berchtesgadener Land erweitert wird, gibt es keine Entlastung für Anwohner in Sachen Lärmschutz. Sie befürchten eine erhöhte Abgas- und Geräuschbelästigung sowie steigenden Flächenverbrauch und Schaden für die Tourismusregion. Rückendeckung erhält die Bürgerinitiative "Ausbau A8 - Bürger setzen Grenzen" vom Verkehrsexperten Dr. Ditmar Hunger, der am Donnerstag unter anderem von einem Besuch der zuständigen Autobahndirektion Südbayern und einem Blick in die Planungsunterlagen berichtete. Von ihm ist 2009 ein Gutachten erstellt worden, das prognostiziert, dass ein sechsspuriger Ausbau der A8 nicht notwendig ist und der Anbau von Standstreifen ausreichend wäre. Die Prognosen für 2030 zum Verkehr auf der A8 bestätigen nun seine Aussagen.

Tempolimit oder keine Beschränkung?

Zuvor verdeutlichte Marlis Neuhierl-Huber, der 1. Vorstand der Bürgerinitiative, die Folgen, die ein Ausbau der A8 zwischen Rosenheim und der Bundesgrenze nach sich ziehen könnte. Am Beispiel der A8-West von München nach Augsburg seien beunruhigende Entwicklungen zu beobachten. "Es muss jedem klar sein, dass das Tempolimit wegfällt, wenn die Autobahn auf jeder Seite dreispurig mit Standstreifen ausgebaut wird", erklärt Marlis Neuhierl-Huber. Die Anwohner an der A8-West litten bereits jetzt unter den Folgen, wie zum Beispiel einem gestiegenen Lärmpegel. "Die haben sich einlullen lassen, die haben geschlafen. Sowas darf uns nicht passieren", sagt der 1. Vorstand der Initiative.

"Gesetzgebung ist so schizophren"

Ditmar Hunger, Verkehrsexperte aus Dresden, stellte anschließend die "eigentlich vorbildliche Lärmgesetzgebung" und die Verordnungen im Straßenbau gegenüber, "ein schizophrenes System." 

So werde auf der einen Seite beim Neubau von Straßen darauf geachtet, dass sich der Lärmschutz im gesetzlichen Rahmen bewege. "Die Richtlinie sagt, dass hier 65 Dezibel am Tag und 55 Dezibel in der Nacht an Emissionen nicht überschritten werden dürfen", erklärt Ditmar Hunger. In Bayern gelten hier jedoch Ausnahmen. Im Freistaat dürfen es laut des Verkehrsexperten zwei Dezibel mehr sein. Eine Steigerung um drei Dezibel bedeute dabei bereits eine Verdoppelung der Lautstärke.

Auf der anderen Seite werde bei der Bestandssanierung kein zusätzlicher Lärmschutz aufgebaut. Aufgrund der mangelnden Standstreifen an der A8 sei das Tempo im Bereich auf 120 Kilometer pro Stunde reduziert. Laut Richtlinie könnte diese Beschränkung dann beim Ausbau auf vier plus zwei Streifen wegfallen. Das Resultat: Mehr Lärm durch schneller fahrende Autos. Eine Tatsache, die in den Betrachtungen der Planer aber keine Berücksichtigung finde. Den zur Anwendung kommenden Prognosen werde stets eine Geschwindigkeit von 120 Kilometern pro Stunde zugrunde gelegt. Ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten, erklärt Ditmar Hunger.

Prognosen aus den 1990er Jahren überholt und überzogen

Auch die Schätzungen der anderen Verkehrsexperten, was das Verkehrsaufkommen auf der A8 angeht, kann Ditmar Hunger nicht nachvollziehen. Ging man Anfang der 1990er Jahre, nach der deutschen Wiedervereinigung, noch von einer langfristigen Steigerung der Autos auf den Straßen aus, sei bereits um die Jahrtausendwende eine Stabilisierung und Stagnation eingetreten. Aktuellere Prognosen gingen maximal von einer fünfprozentigen Steigerung bis zum Jahr 2030 aus.

Kein Grund also, die heimische Autobahn groß zu erweitern. Lediglich an Steigungen sollte über eine sogenannte "Kriechspur" nachgedacht werden. Ansonsten könne auch eine temporäre Öffnung der Standspur nach Münchener Vorbild den gewünschten Erfolg erzielen. Spitzen zu Urlaubs- und Ferienzeiten könnten so komfortabel abgefangen werden.

Ein weiterer Punkt, welcher der Bürgerinitiative und auch dem Verkehrsexperten sauer aufstößt, ist der Flächenverbrauch. In den Planungsunterlagen der zuständigen Autobahndirektion seien "Schneisen mit Teilweise 80 bis 110 Metern Breite" erkennbar. Diesen Umstand führte Ditmar Hunger auf gesetzliche Vorgaben zurück, welche die Steigung auf Autobahnen und die Kurvenradien reglementierten. Der tatsächliche Flächenverbrauch gehe also zum Teil weit über die wie bisher angenommenen rund 35 Meter in der Breite hinaus. Ein Unding und ein harter Schlag für die Tourismusregion nach Ansicht der Bürgerinitiative.

Wie können sich Anwohner und Betroffene wehren?

Der erste Bauabschnitt von Rosenheim bis zum Bernauer Berg könne nicht oder nur noch mit extremer Mühe verhindert werden, erklärt Verkehrsexperte Ditmar Hunger abschließend. Anders jedoch ist es beim weiteren Verlauf der Autobahn bis zur Staatsgrenze. In der kommenden Öffentlichkeitsbeteiligung zur Aufstellung des Bundesverkehrswegeplans hätten Bürger die Möglichkeit, ihre Bedenken kund zu tun

Sollten sich genug Menschen zusammenfinden, die das Projekt negativ bewerten, könne eine Herabstufung im Ranking erreicht werden, ergänzte Marlis Neuhierl-Huber. Ein Leitfaden zur Eingabe der Beschwerden soll dazu zeitnah vom Bund Naturschutz erarbeitet und zur Verfügung gestellt werden.

Quelle: rosenheim24.de

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