Prozess um Bauernmord: Ermittlungen ein "Skandal"

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Die Angeklagten schwiegen heute vor Gericht.

Landshut/Neuburg - Ein erschlagener Bauer, verfüttert an Dobermänner: Mit dieser Anklage beschäftigt sich seit Mittwoch das Landgericht Landshut erneut- obwohl völlig klar ist: Die Anklageschrift ist weitgehend falsch.

Im neuen Prozess um den vor neun Jahren in Neuburg an der Donau verschwundenen Bauern haben die vier Angeklagten am Mittwoch vor dem Landgericht Landshut keine Aussagen gemacht. Die 55 Jahre alte Witwe, ihre beiden Töchter und der Freund der älteren Tochter waren 2005 verurteilt worden, weil sie den 52-Jährigen erschlagen, die Leiche zerstückelt und teils den sieben Hofhunden zum Fraß vorgeworfen haben sollen.

Als im März 2009 die vollständige Leiche des Mannes nahe der Donau-Staustufe beim oberbayerischen Bergheim geborgen wurde, war klar, dass die früheren Annahmen und auch die einstigen Geständnisse zum großen Teil völlig aus der Luft gegriffen waren. Daher wollen die Verteidiger der Beschuldigten in dem Wiederaufnahmeprozess nun Freisprüche erreichen.

Bereits nach rund einer halben Stunde wurde der Prozess auf diesen Donnerstag vertagt. Die Ehefrau und die drei zur angenommen Tatzeit noch jugendlichen Mitangeklagten, heute 24 bis 27 Jahre alt, waren 2005 vom Landgericht Ingolstadt zu Haftstrafen zwischen zweieinhalb und achteinhalb Jahren verurteilt worden. “Das Urteil ist obsolet“, betonte der Vorsitzende Richter der Jugendkammer, Theo Ziegler, zum Auftakt des neuen Prozesses. Die Beschuldigten, inzwischen alle frei, könnten auch keinesfalls zu härteren Strafen als vor fünf Jahren verurteilt werden.

Den Verteidigern geht es insbesondere auch darum, dass in dem Verfahren aufgedeckt wird, unter welchen Umständen ihre Mandanten den Totschlag des Bauern samt der brutalen Entsorgung bei der Kripo zugegeben haben. “Ohne erheblichen Druck kommt so was nicht zustande“, sagte Anwältin Regina Rick. “Es ist schon ein Skandal, wie die Ermittlungen damals gelaufen sind.“ Der Freund der Tochter habe nach der Entdeckung der Leiche noch ein Jahr im Gefängnis sitzen müssen, kritisierte sie.

Prozess soll Exempel gegen Verhörmethoden statuieren

Der neue Prozess ist für die Verteidiger auch wichtig, um die üblichen Polizeimethoden aufzudecken und zu hinterfragen. Die gesamten Verhörmethoden müssten sich ändern. Bislang sprächen Polizisten davon, dass sie einen Beschuldigten “geknackt“ haben, wenn er die Tat einräumt, meinte Rick. Nach Ansicht der Rechtsanwältin haben die Ermittler damals einzelne Aussagen der Verdächtigen immer weiter getragen und so die Theorie des “verfütterten Bauern“ quasi selbst kreiert. Im Unterschied zu anderen Fällen mit widerrufenen Geständnissen sei hier nun bewiesen, dass es so nicht gewesen ist. “Der Fall ist deshalb so einzigartig.“

Die Verhandlung begann mit der Verlesung der fehlerhaften Anklage vom Juni 2004, in der noch vom Verfüttern der Leiche an fünf Dobermänner, einen Schäferhund und einen Bullterriermischling die Rede ist. Die von den Hunden abgenagten Knochen sollen dann im Misthaufen vergraben worden sein. Diese Anklageschrift müsse trotz der inhaltlichen Fehler “formaljuristisch“ Grundlage des Verfahrens bleiben, sagte Richter Ziegler. Zunächst wollten die Landshuter Richter den Fall nicht noch einmal neu aufrollen, ihre Kollegen vom Oberlandesgericht in München ordneten dies allerdings an. Ursprünglich war das Quartett wegen gemeinschaftlichen Mordes angeklagt. Staatsanwalt Ralph Reiter hatte die Aufgabe, die inhaltlich teils falsche Anklage vor Gericht zu verlesen.

Tötung nicht ausgeschlossen

Laut dem Papier hatte der Freund den angetrunkenen Bauern mit einem Vierkantholz niedergeprügelt, die drei Frauen sollen dann auf den 52- Jährigen eingetreten haben. Schließlich sei dem Bauern mit einem Zimmererhammer der Schädel eingeschlagen worden. Da das in der Donau entdeckte Skelett keine Kopfverletzungen hatte, ist auch eine Tötung mit einem Hammer ausgeschlossen. Die genaue Todesursache ist aber bislang unklar. “Weichteilverletzungen im Halsbereich sind immer noch gut denkbar“, betonte Reiter. Das Erschlagen mit einer Latte sei daher nicht ausgeschlossen. Reiter sieht auch bei den früheren Vernehmungen Anhaltspunkte, dass der Bauer getötet und die Leiche im Auto in der Donau gefahren worden sein könnte. “Ursprünglich waren die Geständnisse durchaus so, dass das Opfer in einem Gewässer versenkt worden sei.“ Erst später sei vom Zerstückeln der Leiche gesprochen worden, sagte der Staatsanwalt.

Nach der Justiz-Geschäftsordnung ist das niederbayerische Landgericht für die Neuverhandlung des Ingolstädter Falls zuständig. Die Kammer wird sich nun, nachdem die Angeklagten schweigen, zunächst mit der Bergung des Autos des 52-Jährigen samt Leiche beschäftigen. Dazu sollen am Donnerstag die Polizeibeamten, die an der Aktion beteiligt waren, als Zeugen gehört werden. Das Gericht hat für den Prozess insgesamt noch 32 weitere Verhandlungstage eingeplant. Ein Urteil wird erst Ende Februar 2011 erwartet.

dpa

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