Privatsphäre für den Bruder?

Wenn Kinderrechte zum Familienstreit werden

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Wird Zoff unter Geschwistern beim Thema Privatsphäre zum echten Problem?
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Landkreis – Über Kinderrechte lässt sich nicht streiten. Sie sind wichtig und sollten in unserer Gesellschaft selbstverständlich sein. Doch plötzlich werden auch in den Familien Rechte zum Streitthema.

Grundrechte und Kinderrechte waren oftmals gleich. Das Recht auf Unversehrtheit, auf Bildung, und natürlich auf eine gewaltfreie Erziehung und medizinische Versorgung, hatten Priorität. Immer noch sind die allgemeinen Kinderrechte wichtig und auch bekannt.

Mittlerweile haben sich aber die Bedürfnisse und Forderungen nach MEHR „Recht“ entwickelt. Und machen sogar Halt im Kinderzimmer:

Astrid ist in einem Interessenskonflikt. Sie hat zwei Kinder im Alter von 13 und 7 Jahren. „Meine Tochter steckt mitten in der Pubertät und das Handy ist ihr enorm wichtig". Nie im Traum hätte sie gedacht, dass sich diese Leidenschaft für Handyfunktionen so ins uferlose entwickle, so die 38-Jährige. Durch die Schulfreundinnen sei die Tochter auf neue Möglichkeiten in der Benutzung des Smartphones aufmerksam geworden. „Fotos und selbstgedrehte Videos für die eigene Galerie zu erstellen, waren plötzlich nicht mehr genug“, erzählt die Mutter weiter. „Facebook habe ich Carolina verboten, und daran hält sie sich bislang auch noch“ ist Astrid fest überzeugt. Tochter Carolina habe allerdings Geschmack daran gefunden, ihre Fotos und Videos von sich und ihrer Familie auf Instagram zu stellen. „Im Gespräch mit Carolina hab ich ihr gesagt, dass ich das nicht besonders gut finde, weil ich nicht kontrollieren kann, was sie dort einstellt“, erklärt die Mutter der Jugendlichen. Sie sehe die Privatsphäre der Familie in Gefahr, führt Astrid weiter aus.

Als Antwort sei von der Tochter ein süffisantes „ich hab's auf privat gestellt, nur meine Freundinnen, die ich in meinen Kreisen habe, können die Videos und Fotos sehen“, gekommen. Doch auch bislang fremde Personen fügt Carolina hin und wieder zu ihren Kreisen hinzu, weiß die Mutter.

Zugespitzt habe sich die Situation, als Carolina ihren 7-Jährigen Bruder im Bad gefilmt und ihm im Geschwisterstreit damit gedroht habe, dass sie das Video ins Internet einstelle. „Mein Sohn kam weinend zu mir gerannt, hat panisch erzählt, seine Schwester stelle ihn in den Computer, alle könnten ihn sehen auf dem Video, und da hatte er nicht mal viel an, weil er gerade in die Badewanne wollte“. Aus normalem Geschwisterzoff werde plötzlich ein Streit um die Privatsphäre des kleinen Bruders und um das Recht auf Unversehrtheit, teilt Astrid ihre Sorge der Erziehungsberaterin mit.

Familienprobleme veränderten sich spürbar

Unter einem Pseydonym erstellen sich viele Jugendliche ein eigenes Instagram-Konto und stellen teils private Alltagsvideos und Fotos ins Netz. Dies sei eine Art sich zu präsentieren, erläutert Ruth Weichsel von der Erziehungsberatung. „Viele Jugendliche sehen so eine Möglichkeit, anderen zu beweisen, wie mächtig sie sind oder welch coolen Alltag sie haben“, so Weichsel im Interview mit der Redaktion. „Anstatt sich gegenseitig etwas zu erzählen, wie der Tag so war, werden oft einfach nur noch Fotos und Videos geteilt. Dies hat in den vergangenen Monaten enorm an Beliebtheit zugenommen“.

Die Psychologin arbeitet bereits seit 17 Jahren in der Familienberatung. Waren Ende der 1990er noch das Tragen von flippiger Kleidung oder der Wunsch nach bunten Strähnen im Haar Grund für Unmut bei den Eltern und Beratungsbedarf, habe sich im Jahr 2013 und 2014 die zunehmende Lust an der modernen Technik und der Nutzung von Sozialen Netzwerken und Videokanälen zum Problem für Eltern entwickelt. „Die unterschiedliche Einstellung zu diesen Themen artet oftmals enorm aus, die Eltern konfrontieren die Kinder mit Verboten und die Jugendlichen verheimlichen daraufhin erst Recht den Eltern ihr Tun“, warnt die Psychologin. Eines bleibe aber immer wichtig, so die Erziehungsberaterin: "Kommunikation mit den Kindern bleibt notwendig, um Probleme leichter bewältigen zu können oder erst gar nicht entstehen zu lassen". Ein für alle verträglicher Mittelweg müsse erlangt werden. Für Astrid ein Rat, der einfacher klinge, als er wirklich zu realisieren sei. „Ich möchte immer noch, dass meine Tochter meine Ansichten akzeptiert und sich an Familienregeln hält“, so die 38-jährige Mutter. Wenn der Bruder unter den Aktionen und Aussagen von Carolina leide, sei es dem Familienfrieden nicht sehr dienlich.

Teenager sieht kein Problem

Carolina zeigt momentan keine Einsicht. Zwar geht sie mit ihrer Mutter zu den Gesprächen in den Räumen der Erziehungsberatung, wirklich ändern möchte sie aber nichts an ihrer Nutzung von Videokanälen. „Ich tu niemandem weh und mein Bruder braucht sich nicht so anstellen“.

Elternkurs als mögliche Lösung

Die Eltern haben sich entschlossen, Carolina das Handy nicht wegzunehmen, das Problem wäre damit nicht vom Tisch, sind sich Astrid und ihr Mann Martin mittlerweile einig. Ein Elternkurs, der dabei helfen soll, das eigene Kind besser zu verstehen, ist das nächste Ziel der Eltern.

Carolinas Verhalten und die unterschiedlichen Meinungen zu Konsequenzen hätten die Eltern entzweit, berichtet die Erziehungsberaterin auf Nachfrage. „Ein gesundes Miteinander müsse wieder entstehen, darum ist ein gemeinsamer Elternkurs oft eine gute Idee, um wieder an einem Strang zu ziehen und den Teenager besser verstehen zu können“. Elternkurse zu verschiedenen Problemen werden beispielsweise vom Kinderschutzbund oder der Caritas angeboten.

Quelle: rosenheim24.de

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