Lichtenberg kommt nicht zur Ruhe

„Da vorne ist die Tür - kein Kommentar“: Großes Schweigen im Dorf zum Mordfall Peggy

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Lichtenberg: „Poststraße“ steht auf einem Straßenschild. Im Hintergrund ist die Bushaltestelle zu erkennen.

Wer hat Peggy getötet und warum? Diese Frage treibt die Menschen in Lichtenberg seit 17 Jahren um. Ein Ortsbesuch.

Lichtenberg - Vor 17 Jahren verschwand die Neunjährige aus ihrem Heimatort in Oberfranken spurlos. Vieles deutet jetzt auf einen 41-Jährigen hin, gegen den am vergangenen Dienstag Haftbefehl erlassen wurde. Doch in Lichtenberg ist Skepsis spürbar. Schon zu oft habe es so ausgesehen, als sei der Fall gelöst, sagt eine Anwohnerin. „Schön wär's, wenn jemand den Mut hätte, zuzugeben, dass er es war.“

Die blonde Frau ist eine Ausnahme. Die meisten im Dorf haben keine Lust, mit Journalisten zu reden. „Da vorne ist die Tür - kein Kommentar“, heißt es in einem Hotel. Ähnliche Antwort im örtlichen Turnverein. Hinter der geschlossenen Tür Gemurmel, das Schimpfwort „Aasgeier“ fällt.

Der Fall Peggy hat Lichtenberg immer wieder bundesweit ins Scheinwerferlicht gerückt. In den vielen Jahren gab es mehrere Verdächtige, doch den Ermittlern gelang es nicht, den Fall zu lösen. Auch jetzt ist unklar: Hat der 41-Jährige Peggy ermordet? Hatte er einen Komplizen, den er deckt? War es vorsätzliche oder fahrlässige Tötung? Spielen Angehörige von Peggy eine Rolle in diesem Fall, der das Zeug für einen Krimi hat?

Das ist geschehen: Am 7. Mai 2001 verschwindet die Neunjährige auf dem Heimweg von der Schule. 2016 findet ein Pilzsammler Teile ihres Skeletts knapp 20 Kilometer entfernt in einem Wald bei Rodacherbrunn in Thüringen. 2004 wird ein geistig behinderter Mann als Mörder von Peggy verurteilt; zehn Jahre später wird er in einem Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen.

Vor drei Monaten erklärt der nun verhaftete 41-Jährige in einer Vernehmung, dass er Peggys Leiche im Mai 2001 mit seinem Auto in den Wald gebracht habe. Er bestreitet jedoch, das Mädchen getötet zu haben. Er habe das leblose Kind damals von einem Bekannten an einer Bushaltestelle übernommen und noch versucht, die Neunjährige zu beatmen - sie dann jedoch in eine Decke gepackt und in den Kofferraum seines Autos gelegt.

Dieses Teilgeständnis hat er mittlerweile wieder zurückgenommen. Die Polizei habe seinen Mandanten bei der Vernehmung im September stark unter Druck gesetzt, sagte sein Anwalt dem Bayerischen Rundfunk. „Er wollte irgendwann nur noch aus dieser Situation heraus und hat deshalb dann einfach das gesagt, was man von ihm hören wollte.“

Täter oder Mittäter? Dringender Tatverdacht im Fall Peggy

Aus Sicht der Ermittler besteht „ein dringender Tatverdacht“ gegen den Deutschen. Sie wissen aber noch nicht, ob er „Täter oder Mittäter“ gewesen ist. Es könnte auch sein, dass dem Mord eine andere Straftat vorausging. Wurde Peggy missbraucht? Auch das ist unklar.

Der Rechtsanwalt Michael Euler aus Frankfurt am Main hat den geistig behinderten Mann vertreten, der 2004 verurteilt wurde. Das Problem der Ermittler sei, dass sie dem Verdächtigen nachweisen müssten, dass er Peggy absichtlich getötet hat, erklärt Euler. Alle anderen möglichen Vorwürfe - das Wegschaffen der Leiche oder auch eine fahrlässige Tötung etwa durch einen Autounfall - wären mittlerweile verjährt.

Euler glaubt, dass die Ermittler den 41-Jährigen nach dessen erster Vernehmung auf freien Fuß setzten, um sein Telefon zu überwachen und an Hintergrundinfos zu gelangen. „Die Frage ist: Was haben sie in der Zwischenzeit ermittelt?“

Der Tatverdächtige soll bei seiner Vernehmung behauptet haben, dass er die Leiche von dem geistig behinderten Nachbarn übernommen habe. Die Polizei will sich dazu nicht äußern. Euler betont, sein ehemaliger Mandant habe für den ganzen Tag am 7. Mai 2001 ein Alibi und sei über „jeden Zweifel erhaben“. Er und der Tatverdächtige hätten sich ohnehin nicht leiden könnten. Wieso also hätte der 41-Jährige ihm bei der Beseitigung der Leiche helfen sollen? „Diese Schilderung ist absurd in meinen Augen“, lautet Eulers Urteil.

Fall Peggy: Polizei und Staatsanwaltschaft zurückhaltend

Polizei und Staatsanwaltschaft wollen keine Fragen zu dem Thema beantworten und verweisen auf die laufenden Ermittlungen. Offen bleiben damit auch Fragen zu dem Überwachungsvideo aus einer Bankfiliale. Es zeigt den Tatverdächtigen am Tattag in Lichtenberg und ließ damit dessen Alibi platzen. Die Existenz des Videos war erst im September bekanntgeworden. Lag es über all die Jahre bei den Ermittlern? Der Fall Peggy bleibt ein Rätsel.

dpa

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