OVB-Serie „Die Tracht wird zur Marke“

Platteln und Dirndldrahn: Darauf kommt's an

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Perfekte Haltung: Anna Schnitzlbaumer und Ludwig Redl von den D‘Simsseer Prutting zeigen, wie Schuhplattler mit Dirndldrahn getanzt wird.

Prutting - Ein Dirndl steht jeder Frau und in der Lederhose schaut jedes Mannsbild gut aus. Damit's beim Platteln und Dirndldrahn aber auch gut ausschaut, gehört aber mehr dazu...

von Heike Duczek

Prutting – Fünf Jahre alt war Ludwig Redl, als seine Eltern ihn zum ersten Mal mitnahmen zur Plattlerprobe. Ehrfürchtig beobachtete der kleine Ludwig den großen Vorplattler, „der hatte einen Schlag drauf, der war so laut wie ein Peitschenknall“, erinnert sich der 23-Jährige. Heute gehört Redl selber zu den besten Plattlern im Trachtengauverband I, dem 117 Vereine angehören. Redls größter Erfolg bisher: Platz acht bei den Aktiven bis zum Alter von 23 Jahren.

Bei den wöchentlichen Proben im Pruttinger Dorfstadl hören die zehn Paare auf sein Kommando – und auf jenes von Anna Schnitzlbaumer, ebenfalls eine der Leistungsträgerinnen im Trachtengauverband, die seit neun Jahren mit Redl ein privat jedoch nicht verbandeltes Tanzpaar bildet.

Auch Anna Schnitzlbaumer stammt aus einer Familie, die dem Trachtenwesen seit vielen Generationen eng verbunden ist. Mit vier bewegte sich die heutige Bankkauffrau zum ersten Mal zu den Klängen eines Landlers. Mit 15 startete sie mit dem richtigen Dirndldrahn, bei dem sich die Madl nicht nur um die eigene Achse, sondern auch um ihren Tanzpartner drehen – zuerst ganz vorsichtig, denn alle kämpfen anfangs mit einem Problem: dem Schwindel. Wer bei Wettbewerben antritt, gibt zusätzlich Gas: Denn je schneller sich ein Dirndl dreht, desto mehr Punkte gibt es. Mit Schwindelattacken kämpft Schnitzlbaumer schon lange nicht mehr. „Alles Übungssache“, sagt sie. Und: „Die einen überwinden die Schwindelneigung ganz schnell, bei anderen dauert es halt etwas länger.“

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Gefordert ist jedoch nicht nur der Gleichgewichtssinn, sondern auch die Oberschenkelmuskulatur. Denn Dirndl und Burschen tanzen beim Chiemgauer Plattlerstil, der nach Angaben von Redl viel Wert auf Ästhetik und Eleganz legt, auf Zehenspitzen. Deshalb tragen die Tänzerinnen und Tänzer auch Haferlschuhe aus besonders weichem, biegsamem Leder. Vor allem die Burschen müssen beim Platteln Höchstleistungen in punkto Körperbeherrschung vollbringen: Kerzengerade stehen sie auf Zehenspitzen, die Arme in die Höhe gestreckt, die Finger aneinander gelegt. Sie winkeln ein Bein an, schlagen nur noch auf dem anderen stehend mit der flachen Hand auf die Oberschenkel oder auf die Sohlen ihrer Schuhe – und dürfen sich dabei nicht aus einem bestimmten Kreisradius auf dem Tanzparkett hinausbewegen.

Dass aktive Trachtler nach vielen Jahren Training stramme Wadl präsentieren, ist da kein Wunder. Tänzer sind laut Redl aber generell gestandene Mannsbilder, fit und durchtrainiert durch wöchentliche Proben und viele Wettbewerbe sowie Auftritte im Jahr, aktive Dirndl sportliche junge Frauen, die sich so schnell wie ein Kreisel drehen können und die nichts aus der Puste bringt. Schade nur, dass ihre aktive Zeit nach der Hochzeit vorbei ist.

Denn das Schuhplatteln stellt einen Tanz dar, mit dem traditionell die jungen Burschen um die Auserwählte werben. Die junge Frau trägt meist ihr Festgewand, eine Mischung aus Chiemgauer und Miesbacher Tracht: Kleid, Seidenschürze, Schultertuch, Hut. Die Männer: weißes Hemd mit Brosche am Kragen, Wadlstrümpfe (Loferl), Hut mit Gamsbart und eine spezielle Plattlerhose aus besonders glattem Leder, „auf der es am besten schnalzt“, wie Redl betont. Er bestätigt, was schon viele Müttergenerationen behauptet haben: dass eine Lederhose das wohl pflegeleichteste Kleidungsstück ist, das es gibt und sich deshalb ideal anbietet für Lausbuben, die keine Schmutzfalle auslassen. „Massive Feuchtigkeit mag sie zwar nicht, dann wird sie spröde, zur Pflege reicht eigentlich der Handschweiß aus, damit bleibt sie schön glatt“, betont Redl, der beruflich als Produktmanager die Leder- gegen die Anzughose austauschen muss.

Nicht ganz so pflegeleicht: das Dirndl, dessen Rock bei bis zu fünf Metern Stoff so wunderbare fliegende Teller bildet. Strenge Punktrichter nehmen bei Wettbewerben sogar diese genau unter die Lupe: Der Stoffrand darf sich nicht höher als zehn Zentimeter aufstellen. Ein bisschen mogeln ist dagegen bei der Frisur erlaubt, berichtet Anna Schnitzlbaumer schmunzelnd. Viele junge Frauen knüpfen künstliche Zöpfe hinein, um den Greteleffekt zu erreichen. Zu diesem Trick greifen die Trachtler jedoch nur bei Aufführungen. Doch auch wenn die zehn aktiven Pruttinger Paare am Wochenende ausgehen, tragen sie in der Regel ihre Festtracht.

Deren Akzeptanz sei in den vergangenen Jahren gestiegen, freuen sie sich. Ihre Eltern könnten sich noch an Zeiten erinnern, als Frauen im Dirndl und Männer in kurzer Lederhose belächelt worden seien. Damals sei es zeitweise sogar schwierig gewesen, Nachwuchs für das Tanzparkett zu gewinnen. Probleme, die Geschichte sind. Deshalb ist die Zeit reif dafür, dass es die Tracht endlich als Motiv auf eine Briefmarke schafft, finden die D` Simsseer aus Prutting. Sie begrüßen die Initiative ihres Trachtengauverbandes I, die auch die OVB-Leser unter www.rosenheim24.de/trachtenmarke unterstützen können. Denn: „Trachtler sein ist eine Lebenseinstellung!“

[Sie können auch das Unterschriften-Formular am Ende dieses Artikels nutzen.]

Quelle: rosenheim24.de

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