"Momo, du bist hier unter Freunden"

München/Rosenheim - So wurde der 18-Jährige Asylbewerber Mohamed Kamara von den Politikern im Petitionsausschuss begrüßt. Seine Chancen stehen nun sehr gut:

Von einer Zentnerlast befreit: Momo und sein Chef Arne Katzbichler. Die Angst vor Abschiebung, so glaubt sein Umfeld, hat dem 18-jährigen Buchbinderlehrling in den vergangenen Wochen schwer zugesetzt.

Der 18-jährige Asylbewerber Mohamed Kamara, besser bekannt als Momo, hat gestern seine erste Hürde auf dem Weg zu einer sicheren Zukunft in Deutschland genommen. Vor dem Petitionsausschuss des Landtags bat er mit bewegenden Worten darum, in Bayern bleiben zu dürfen. Einstimmig verwies das Gremium seinen Fall an die Härtefallkommission.

Wenn der Ausschuss für Eingaben und Beschwerden im Maximilianeum tagt, geschieht dies im Regelfall unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Außer den Petenten selbst interessiert es nämlich nur einen verschwindend kleinen Personenkreis, ob nun die Sanierung eines Garagengiebels in Wolfratshausen genehmigungsfähig oder die Beseitigungsanordnung eines Baumhauses in Augsburg tatsächlich rechtens ist. Der Tagesordnungspunkt 14 der gestrigen 65. Sitzung des Ausschusses, die Eingabe "Aufenthaltserlaubnis für Herrn Mohamed Kamara", führte allerdings zu einer für die Gremiumsmitglieder völlig neuen Situation. Fernsehteams, Zeitungsjournalisten, Menschenrechtsaktivisten, Unterstützer und Freunde des "Herrn Mohamed Kamara" waren in den Landtag gekommen.

Sie wollten erfahren, ob der junge Mann aus Sierra Leone nicht eventuell doch in Deutschland bleiben darf - nachdem die Behörden ihm bereits einen Abschiebungsbescheid zugestellt hatten, weil er angeblich ein Lügner ist, der die Geschichte einer grausamen Bürgerkriegskindheit in Afrika nur erfunden hat.

"Rechtlich geht da nichts mehr", meinte denn auch Ausschussvorsitzender Hans Joachim Werner eingangs der Sitzung. Allerdings machte er schnell klar, dass es einen parteiübergreifenden Konsens dahingehend gibt, den Abschiebebeschluss des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge dennoch rückgängig zu machen.

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Momo hat eine Chance verdient

Ob das plötzliche Engagement mancher Politiker für den in Rosenheim lebenden Momo auf das überregionale Medienecho zurückzuführen ist, wurde im Laufe der Sitzung nicht klar. Zum Teil aber ließen die überschwänglichen Wortmeldungen mancher Volksvertreter zumindest bei dem einen oder anderen Zuhörer ein beklommenes Gefühl zurück und die Frage aufkommen: Was wäre passiert, wenn sich nicht so viele Menschen für den verzweifelten Jugendlichen eingesetzt hätten? Und wenn, in Zeiten des nahenden Wahlkampfs, die OVB-Heimatzeitungen und rosenheim24 nicht auf Momos Schicksal aufmerksam gemacht hätten?

"Momo, du bist hier unter Freunden", begrüßte SPD-Politiker Werner den nervösen 18-Jährigen mit einem jovialen Schulterklopfen zu Beginn der Sitzung. In deren Fortgang wurde Momo als "toller lebendiger Mensch, der Schreckliches miterlebt hat", beschrieben; er wurde für seine "einzigartige Integrationsleistung" gelobt, zumal er "in Windeseile Deutsch gelernt hat, was ausgesprochen schwierig ist in seiner Situation"; dass sich so viele Unterstützer für ihn stark gemacht hätten, sei ein "Beispiel für gelebte Demokratie", ja gar "ein Stück Liberalitas Bavariae"; und sollte im Ausschuss tatsächlich noch der Hauch eines Restzweifels an der Integrität des Musterschülers aus Sierra Leone bestanden haben, so führte Werner schließlich als Totschlagargument an: "Tausende Menschen im Landkreis Rosenheim können sich nicht irren!"

Obwohl der Trend eindeutig zu seinen Gunsten ging, fasste sich der viel Gelobte ein Herz und trat ans Mikrofon. In berührenden Worten und seine offensichtliche Erschöpfung nur mühsam kaschierend stellte er sich zunächst höflich vor, berichtete von seiner mühsamen Therapie ("Die ist sehr anstrengend, nachher muss ich immer so viel kotzen und schlafen geht gar nicht") und der für ihn völlig neuen Erfahrung, dass sich Menschen um ihn kümmern. Er schloss mit den Worten: "Diese Hilfe würde ich gern zurückgeben, wenn's möglich wär'."

Das Votum für die Weitergabe seines Falles an die Härtefallkommission fiel erwartungsgemäß einstimmig. Die Zeichen, dass die Kommission sich für einen Verbleib Momos in Deutschland ausspricht und anschließend der Innenminister den Fall endgültig positiv beendet, stehen sehr gut. Ausschussvorsitzender Werner will sich zudem für eine Beschleunigung des Verfahrens stark machen und dafür sorgen, dass der schwer verängstigte 18-Jährige währenddessen unbehelligt von der Ausländerbehörde leben kann.

Momo selbst wünschte sich gestern nur noch, "einfach schlafen" zu können. "Und morgen wieder in die Berufsschule gehen."

Stefanie Zipfer/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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