Mord in Albaching: Opfer beigesetzt

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Albaching - Am Samstag wurde die 36-jährige Philippin, die im Dezember einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen war, im engsten Familienkreis beigesetzt.

Lesen Sie hier einen Bericht aus dem Oberbayerischen Volksblatt vom 20.12.2010:

Geborgenheit in Pflegefamilie

Das Entsetzen über den Mord an der 36-jährigen Philippin aus Albaching sitzt tief – auch weil das Opfer drei Kinder hinterlässt. 

Archivvideo

Auf einen Schlag haben sie beide Eltern verloren, denn der tatverdächtige Vater der beiden älteren sitzt in Untersuchungshaft. Bei der Aufklärung der Hintergründe des Gewaltverbrechens ist die Kripo gefordert, bei der Frage, wie die drei Kinder das Geschehene bewältigen können und wo sie in Zukunft aufwachsen werden, das Kreisjugendamt.

Weihnachten, das Fest der Familie, rückt näher. Für drei Kinder aus Albaching findet es unter einem fremden Dach statt - in einer Bereitschaftspflegefamilie, die das Kreisjugendamt Rosenheim mit Unterstützung eines Trägers der Jugendhilfe für sie gefunden hat. Mit zwölf, neun und drei Jahren sind die beiden älteren Mädchen und der Bub schon groß genug, um die Dramatik des Geschehenen zu begreifen: Dass der Vater nach Informationen der Polizei gestanden hat, die Mutter getötet zu haben, hinterlässt sicherlich lebenslang Spuren. Ein Trauma, das auch in die Ersatzfamilie auf Zeit hineingetragen wird, die quasi über Nacht plötzlich um drei Mitglieder größer wurde.

Bilder: Mord in Albaching

"Sicherheit, Geborgenheit und Trost" finden die Kinder des Mordopfers hier, berichtet Johannes Fischer, Leiter des Kreisjugendamtes Rosenheim. Weder den Wohnsitz der Pflegefamilie noch ihren Namen dürfen seine Behörde und der beteiligte Träger der Jugendhilfe, die sich um die Kinder kümmern, nennen, denn die drei benötigen nach Überzeugung von Fischer jetzt vor allem eins: Ruhe in einem geschützten Rahmen. Fischer und seine Kollegen freut die Anteilnahme der Bevölkerung am Schicksal der Kinder - ebenso die Tatsache, dass Anfragen aus dem Umkreis der Albachinger Familie, in der die grausame Tat geschah, nach Kontakten oder Besuchsmöglichkeiten eingegangen sind. Doch alle weiteren Schritte der Kinder in den nächsten Wochen des behutsamen Zurücktastens in den Alltag müssen nach Erfahrungen des Kreisjugendamtes gut überlegt sein. Fachkräfte werden in den nächsten Wochen nicht nur die rechtlichen Fragen der weiteren Unterbringung und der Vormundschaft klären, sondern sich auch ein Bild über den seelischen Zustand der Kinder machen. Aus einer Vielzahl von zusammengetragenen Informationen wird das Kreisjugendamt dann einen Hilfeplan entwickeln, der immer wieder fortgeschrieben wird, erläutert Fischer den Ablauf. Ältere Kinder wie die zwölfjährige Tochter der getöteten Albachingerin werden in die Zukunftsentscheidungen in der Regel mit eingebunden. Zu den Kosten der Jugendhilfemaßnahme wird übrigens auch - je nach Vermögenslage - die Stammfamilie mit einem Beitrag herangezogen - im Albachinger Fall wäre dies wohl der in Untersuchungshaft sitzende Vater.

Die Achtung aller, die das Schicksal der Kinder berührt, gehört derzeit der Bereitschaftspflegefamilie. Denn es ist ein extremer Fall, der die drei Kinder in ihr Haus geführt hat. Mit dieser Ausnahmesituation können nach Erfahrungen von Fischer nur hoch qualifizierte, erfahrene Familien umgehen, die umfangreich geschult und während ihres Einsatzes von Fachkräften intensiv begleitet werden. "Und die eine riesengroße Portion Idealismus mitbringen, denn die Pflegesätze sind so gering, dass mit einem solchen Engagement kein Geschäft zu machen ist", ergänzt der Kreisjugendamtsleiter.

Vier Bereitschaftspflegefamilien umfasst der Pool seiner Behörde, weitere vermitteln Träger wie das Caritas-Kinderdorf am Irschenberg, mit dem das Jugendamt eng zusammenarbeitet. Drei Tage bis zu einem halben Jahr nehmen Familien auf Abruf Kinder zu sich - im Albachinger Fall sogar drei auf einmal, damit die Geschwister in dieser traumatischen Zeit nicht auch noch auseinander gerissen werden. Selten sind es natürliche extreme Fälle wie ein Gewaltverbrechen, die es notwendig machen, für Kinder eine Bereitschaftspflegefamilie zu finden. Mal eskaliert häusliche Gewalt, sodass die Polizei, die über einen Notruf mit dem Kreisjugendamt in Verbindung steht, Kinder in Schutz nehmen muss. Mal melden Kliniken Verdachtsfälle, die sich erhärten. Mal beobachten Vertreter des Jugendamtes selber, dass eine "Inobhutnahme", so das Behördendeutsch, zum Kindeswohl notwendig ist, weil akute Gefahren drohen. Mal bitten sogar Eltern selber, die sich überfordert fühlen, um eine Auszeit. Manchmal nehmen Jugendliche persönlich Kontakt mit der Behörde auf, weil sie es zu Hause nicht mehr aushalten. 44 Fälle solcher "Inobhutnahmen" hat das Kreisjugendamt im vergangenen Jahr regeln müssen, so Fischer.

Anders als in der Vollzeitpflegefamilie, in der ein Kind langfristig betreut wird, müssen sich die Bereitschaftseltern nach der Stabilisierungsphase ihres neuen Familienmitgliedes wieder von ihm trennen. Dieses Loslassen fällt oft schwer, weiß er aus Erfahrung. Auch der erzieherische Bedarf ist in der Regel groß, betont das Kreisjugendamt. Keine Bereitschaftspflegefamilie ist in den vergangenen Jahren jedoch so gefordert gewesen wie jene, die die drei Kinder der ermordeten Albachingerin bei sich aufgenommen hat. Ein ruhiges, friedliches Weihnachtsfest kann sie ihren Schützlingen auf Zeit bieten, die verlorene Mutter und den Vater, der den Heiligabend hinter Gittern verbringt, jedoch nicht ersetzen.

Heike Duczek/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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