Monikas Tod darf nicht umsonst sein

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Eines der letzten Bilder, die von Monika B. aufgenommen wurden

Vagen/München - Claus Rust sitzt über dem Vermächtnis seiner lieben Freundin Monika B. Die 55-Jährige litt an "Morgellons". Deshalb stürzte sie sich in den Tod - aus einem Heißluftballon!

Vor einer Woche stürzte sich die Münchnerin Monika B. aus einem Heißluftballon 500 Meter in die Tiefe. Eine Verzweiflungstat, weil sie die Schmerzen durch ihre Krankheit „Morgellons“ nicht mehr aushielt.

Die Faserkrankheit, als solche seit kurzem anerkannt, steht auf der medizinischen Liste unerklärbarer Krankheiten. Zu den Symptomen gehören unter anderem Juckreiz, aus der Haut wuchernde Fasern sowie Ausschlag. In ihrem Abschiedsbrief bat Monika B. um Hilfe für weitere Morgellons-Kranke: „Mein Tod soll nicht umsonst sein.“

Claus Rust sitzt über dem letzten Willen von Monika B. Sie litt an „Morgellons“. Diese Krankheit soll er nun bekannt machen und anderen Erkrankten zu helfen. 

Fassungslos starrt Claus Rust aus Vagen (Gemeinde Feldkirchen-Westerham) immer wieder auf das letzte Schreiben von Monika B. Bis ins Detail hatte die langjährige Familienfreundin in den vergangenen Monaten ihre Beerdigung, Papiere und die Versorgung für ihren Vater organisiert. „Sie wollte alles geregelt wissen, falls sie wegen der Krankheit nicht mehr in der Lage gewesen wäre“, so der 73-Jährige. Dass sie ihren Tod plante, ahnte er nicht.

Zwar war Monika B. durch ihre Krankheitsgeschichte Suizid gefährdet, doch gerade in den vergangenen Monaten schien es, als ob sie trotz „vieler schwacher Momente wieder Freude am Leben haben wollte.“ Nach einer schier unendlichen Leidensgeschichte, in der die 55-jährige Münchenerin Rust zufolge von Schmerzen regelrecht gepeinigt wurde.

Kennengelernt hatten sich die beiden vor sieben Jahren bei einer Bergwanderung mit Freunden in Elmau. Es entstand eine enge Freundschaft zwischen dem Ehepaar Rust und Monika B. Die gelernte Bankkauffrau führte damals noch ein normales Leben.

2008 begann dann ihr Leiden. Zunächst fühlte sie sich permanent unwohl, hatte starke, fast unerträgliche Gliederschmerzen. Antibiotika sowie eine Kur in Bad Birnbach brachten keine Linderung. Nur wenige Monate danach – Monika B. traf sich mit den Vagener Freunden – bemerkte sie, dass ihr eine undefinierbare Faser zwischen Ring- und kleinem Finger wuchs. „Panisch rannte sie daraufhin von Arzt zu Arzt, wusste nicht, was sie tun sollte“, so Rust.

Claus Rust mit dem Auto der Verstorbenen. Er hat es am Heißluftballon-Abflugort abgeholt

Der 73-Jährige erinnert sich, dass Mediziner eine nicht austherapierte Borreliose-Erkrankung als Ausgangsquelle vermuteten. Im Borreliose-Centrum Augsburg gab es dann erste Theorien, dass Monika B. an „Morgellons“ erkrankt sein könnte. Eine Behandlung der diagnostizierten Borreliose verweigerte Monika B. allerdings. Denn: Sie fürchtete, dass dadurch Bakterien, Pilze oder Parasiten einen guten Nährboden für „Morgellons“ erhalten hätten. Diese infektiösen Erreger hätten als Ursache in Frage kommen können.

Auch Experten stehen bei „Morgellons“ vor einem Rästel. „Sie scheint sich nur in einer Vielzahl von Infektionen verschiedenster Art zu äußern“, erläuterte Dr. Carsten Nicolaus, ärztlicher Partner im Borreliose-Centrum Augsburg gegenüber unserer Zeitung. Ihm zufolge haben Patienten mit dieser Faserkankheit oft das Problem, dass Ärzte die Quelle im psychiatrischen Bereich suchen. Da Patienten oft im Anfangsstadium von einem Kribbeln oder Bewegungen unter der Haut sprechen, aber Tests kein Ergebnis liefern, werde oftmals Parasitenwahn oder Dermatozoenwahn diagnostiziert. Erst wenn die typischen Erscheinungsbilder mit aufbrechenden Hautpartien und daraus herauswachsenden Fasern zum Vorschein treten, könne man von „Morgellons“ ausgehen. Diese Fasern seien anorganisch und könnten in den Farben blau, rot, schwarz und weiß aus der Haut wachsen.

„Sogar das amerikanische FBI hat diese Fasern getestet, konnte das Material aber nicht identifizieren“, weiß Dr. Nicolaus. In den USA wurden in den vergangenen Jahren 16 000 bis 18 000 Morgellons-Kranke registriert. Hauptsächlich an der Küste (Texas, Florida) treten dort die Beschwerden auf.

„Ähnlich ist es auch in Deutschland“, so Dr. Nicolaus. Er habe schon einige Patienten aus Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern oder Holland gehabt. Problem für den Mediziner: Viele Ärzte haben noch nie von „Morgellons“ gehört. Lediglich in den USA werde momentan an mehreren Universitäten wie in Oklahoma geforscht. Erster positiver Schritt: Centers of Diseases Control and Prevention (vergleichbar mit dem Robert-Koch-Institut in Deutschland) haben die Faserkrankheit anerkannt.

Doch die Wissenschaft steckt in punkto „Morgellons“ noch in den Babyschuhen. „Die Patienten brauchen Durchhaltevermögen, was angesichts der Schmerzen oft nicht möglich ist“, so Dr. Nicolaus. Bis die Ursache und ein probates Mittel gegen die Faserkrankheit gefunden seien, bleibe den Medizinern nur die Bekämpfung der einzelnen Symptome. Dies geschehe mit Antibiotika, Antimykotika, Antiviral und auch mit Entwurmungsmitteln.

Monika B. konnte so lange nicht mehr warten. Für sie brachten unzählige Krankenhausaufenthalte und eine monatelange Psychotherapie im Klinikum München-Ost keine Linderung. Für sie das Schlimmste laut Rust: „Dass niemand die Krankheit kannte, geschweige denn ernst genommen hat.“

Der 73-Jährige bereitet momentan die Feuerbestattung für den 25. August vor und widmet sich jetzt dem letzten Willen der 55-Jährigen: „Morgellons bekanntmanchen, damit andere Erkrankte Hoffnung erhalten und nicht so verzweifeln wie Monika B.“

Silvia Mischi/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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