Der Kampf der Kachelmanns

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Miriam und Jörg Kachelmann bei ihrer Pressekonferenz auf der Frankfurter Buchmesse
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Rosenheim – Unerwartete, prominente Gäste in Rosenheim. Bei ihrem Besuch in der Region schauten Miriam und Jörg Kachelmann bei rosenheim24.de zum Gespräch vorbei.

„Wer ist diese hochnäsige Frau?“ - die Schlagzeile eines großen Online-Nachrichtenportals entlockt Miriam Kachelmann ein breites Lächeln. Überrascht, aber auch einen Hauch amüsiert. „Jetzt bin zur Abwechslung ich mal im Fadenkreuz" sagt sie zu ihrem Mann Jörg, den sie nach Rosenheim begleitet hat. Dann etwas leiser: „Aber das halte ich gut aus.“

Miriam Kachelmann (26) ist seit rund einem Jahr mit Jörg Kachelmann (54) verheiratet. Bis 2010 war er vermutlich Deutschlands bekanntester und beliebtester Wettermoderator, weil er das an sich trockene, wissenschaftliche Thema mit lockerem Charme und Witz unter die Leute brachte. Dann wurde er verhaftet und wegen Vergewaltigung angeklagt. Es endete mit einem Freispruch, dessen Begründung für manche aber wie ein Schuldspruch klang.

Das gemeinsame Buch von Miriam und Jörg Kachelmann

In ihrem Buch ,Recht und Gerechtigkeit – ein Märchen aus der Provinz“ wollen Jörg und Miriam Kachelmann nun ungefiltert ihre Sicht der Ereignisse erzählen. Dazu geben sie einige ausgewählte Interviews und eine Pressekonferenz auf der Buchmesse. Immer zusammen, was nicht wenige Menschen irritiert. Miriam Kachelmann steht einfach nicht im Hintergrund als still-unterstützende Gattin, sie steht meistens vor ihrem Mann. Die 26-Jährige wirkt wie eine Löwin, sobald Journalisten oder Juristen Jörg Kachelmann angreifen.

Wenn die 26-Jährige dann spricht, sagt sie „unser Prozess“ oder was „uns passiert ist“. Darf die das, heißt es da schnell. Ihr Selbstbewusstsein, das in anderem Zusammenhang als Zeichen einer starken Persönlichkeit gelobt werden würde, wird Miriam Kachelmann negativ ausgelegt.

Urteil im Fall Kachelmann: Die Stationen des Prozesses

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Jörg Kachelmanns jüngste Geschichte ist aber definitiv auch die von Miriam Kachelmann. Sie war bei seiner Verhaftung dabei und erfuhr dabei und im Prozess eine für sie demütigende Behandlung:„Sie hätten dabei sein sollen, als das Gericht mich unnötig zu meiner Intimsphäre stundenlang befragt hat." Sie war zuvor über ein Jahr eine der Frauen, mit denen Kachelmann zeitgleich eine Beziehung unterhielt. Sie war die erste dieser Frauen, die im Prozess ausgesagt hat. Sie war die, die ihn noch während seines Prozesses geheiratet hat. Jetzt ist sie Ko-Autorin. Durch ihre Entscheidung, zu dem 54-Jährigen zu stehen, ist sie nun ebenso Zielscheibe von Kritikern wie er.

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Über wirklich Privates ist dem Paar nichts zu entlocken. Es will reden, aber nur über das Buch. „Wir wollen eine juristische Aufarbeitung“, betont Miriam Kachelmann. Dass das Buch mit Wut im Bauch geschrieben sei, weisen beide zurück: „Es steht nur ein Bruchteil von dem drin, was wir hätten schreiben können. Nehmen Sie das darin beschriebene Elend ruhig mal drei, dann kommen Sie der Wahrheit nahe“, sagt Jörg Kachelmann. Im Buch werden er und seine Frau dennoch sehr deutlich. Ermittelnde Polizisten werden als „Stümper“ und als „Fraktion“ seiner ehemaligen Geliebten Claudia D. beschrieben, die Mannheimer Berufsrichter als „überfordert“ und vorne herein auf ein Verurteilung aus. Jörg Kachelmann: „Weder die Berufsrichter noch die Staatsanwälte noch die Polizisten, die mit dem Fall zu tun hatten, sind anständige Menschen."

Die Aussagen in seinem Buch und in Interviews könnten Kachelmann jetzt erneut Ärger mit den Mannheimer Polizisten und Staatsanwaltschaft einbringen. Während die Staatsanwaltschaft Mannheim und das Mannheimer Landgericht keine Stellung zu Kachelmanns Anschuldigungen beziehen wollen, arbeitet die Polizeidirektion Heidelberg bereits an der Gegenwehr. Der Agentur dapd sagte Polizeisprecher Norbert Schätzle, es werde beraten, ob Kachelmann belangt werden könne.

„Sollen sie nur“, meint Jörg Kachelmann. Es habe schon während der Untersuchungshaft eine große, ungerechtfertigte Vorverurteilung durch Medien und Staatsanwaltschaft gegeben. Die Informationen, die von Seiten der Ermittler an die Öffentlichkeit gelangt seien, hätten ihn schon vor dem Prozess als schuldig präsentiert. „Untersuchunghaft sollte doch heißen, dass untersucht wird, ob ein Vorwurf stimmt oder nicht. Bei mir war es so, dass nur nach meiner angeblichen Schuld gesucht wurde, nie nach der Wahrheit."

Diese für ihn bittere Erfahrung will Kachelmann jetzt nutzen, um etwas Gutes zu erreichen: „Die Falschbeschuldigung ist nicht nur mir passiert. Gerade in Sorgerechtsfällen wird ein Mann gerne mal falsch verdächtigt. Auch ein völlig haltloser Vorwurf reicht, dass der Mann Kinder, Wohnung und Job verliert. Der kommt nach der U-Haft aus dem Tor und nichts und niemand ist mehr da.“

Mit seiner Frau Miriam will er jetzt ein Netzwerk gründen, das erfahrene Strafverteidiger und Gutachter vereint, das es Untersuchungs-Häftlingen erlaubt, sich die bestmögliche Verteidigung zu holen und diese auch bezahlbar macht. Ebenso soll es echten Opfern sexueller Gewalt helfen, einen Prozess gegen den Täter kürzer, weil effizienter zu machen. Miriam Kachelmann:„Wir haben gelernt, dass es gerade bei proviziellen Landgerichten Fehlurteile aufgrund von Expertenmangel gibt. Da muss sich zum Beispiel ein auf Verkehrsunfälle spezialisierter Rechtsmediziner als Gutachter für Sexualstraftaten versuchen. Ein Pflichtverteidiger vom Lande soll ein kompliziertes Sexualdelikt behandeln. Wie sollen die kompetent sein?“ Wie das Netzwerk konkret aussehen soll, ob es als Stiftung oder Verein geführt werden soll, haben beide noch nicht entschieden. Ein Teil der Einnahmen aus dem Buchverkauf soll aber in das Projekt einfließen. Was denn sein Prozess gekostet habe? Dazu will das Ehepaar nichts sagen.

Jörg und Miriam Kachelmann begutachten die Wetterseiten von rosenheim24.de. Der Wetterexperte hat in der Schweiz ein dichtes Netz von kleinen Wetterstationen aufgebaut, das stundengenaue lokale Prognosen ermöglicht

Wie geht es für Jörg Kachelmann jetzt aber weiter? Vielleicht ja wieder mit Wetter? Der 54-Jährige blüht bei diesem Thema jedenfalls sofort auf. „Ach, Rosenheim mit seinen Hagelfliegern. Hier ist einer der weltweit nur zwei Landkreise des Elends“, sagt er und grinst von einem Ohr zum anderen ob dieser Provokation zu einem in der Region anerkannten Thema. „Es gibt keinen einzigen Beweis, dass die Hagelfliegerei etwas bringt. Die Flugzeuge kommen ja gar nicht in die Wolken rein, die würde es sofort zerlegen. Es wäre besser mit dem Geld etwas Sinnvolles zu machen. Kindergärten zu bauen, Rundflüge für Kinder zu organisieren oder die Bauern direkt zu unterstützen.“ Dann erzählt er, wie man auch in Rosenheim „Wettervorhersagen zum Niederknien“ verwirklichen könne. In der Schweiz und in Weiten Teilen Deutschlands hat Kachelmann bereits ein Netz von an die 1000 lokalen Wetterstationen aufgebaut und liefert nun stundengenaue Prognosen mit seinem System, das aus gesammelten Wetterdaten die Wetterberechnung lernt. Ein Projekt, das er sich auch für die Region Rosenheim gut vorstellen kann.

ck/rosenheim24.de

Quelle: rosenheim24.de

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