Debatte: Wie viel Tracht braucht die Wiesn?

Marga Beckstein: Darum trage ich kein Dirndl!

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Wiesn-Experte Georg Huber mit Dame in Münchner Tracht.

München - Bayerns First Lady Marga Beckstein wird zum Wiesn-Anstich am 20. September kein Dirndl tragen.

Ganz Bayern diskutiert jetzt über die Kleiderordnung der fränkischen Gattin des Ministerpräsidenten. In der tz erklärt sie, warum sie keine Tracht tragen will. Was sie nun beim Oktoberfest-Anzapfen tragen will, bleibt Staatsgeheimnis.

Sehr geehrte Frau Beckstein. Ganz Bayern diskutiert über Ihren Beschluss, beim ersten Anstich Ihres Ehemannes beim Oktoberfest kein Dirndl tragen zu wollen. Warum wollen sie keine Tracht tragen?

Marga Beckstein:„Eine Tracht ist etwas sehr Heimatverbundenes. Man trägt eine Tracht nicht, wenn man nicht in einem Trachtenverein ist oder in einer Dorfgemeinschaft eingebunden ist.“

Ist das bei Ihnen also nicht der Fall?

Marga Beckstein:Ich bin in Nürnberg geboren und hier aufgewachsen. Hier gibt es keine Tracht. Höchstens eine Patriziertracht. Doch die ist für mich auch nicht angemessen.

Aber es gibt doch auch Modetrachten, die nicht unbedingt an eine Landschaft oder einen Ort gebunden sind.

Marga Beckstein:Diese Trachten kann jedermann tragen. Aber es gibt ja auch keinen Zwang dafür, diese Kleidung zu tragen.

Wie wollen Sie dann zum Wiesnanstich als Bayerns First Lady kommen?

Marga Beckstein:Es gibt ja noch eine große Auswahl anderer Kleidungsstücke, die dem Anlass angemessen sind. Ich komme ja nicht zum ersten Mal auf das Oktoberfest. Es wird etwas Neues sein.

Und was werden Sie nun tragen?

Marga Beckstein:Ich habe mich von einer guten Freundin aus München beraten lassen. Es wird etwas anderes ein, als ich bislang auf dem Oktoberfest getragen habe.

Darf man also nicht wissen, was es sein wird?

Marga Beckstein:Man zeigt vor der Hochzeit ja auch nicht sein Brautkleid her. Lassen Sie sich doch einfach überraschen.

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Wie wäre es mit der fränkischen Tracht?

Streng genommen müssten Günther und Marga Beckstein fränkische Tracht tragen – schließlich sind beide gebürtige Franken! Viele fränkische Trachten haben ihren Ursprung im Barock, je nach Gegend können sie sehr unterschiedlich aussehen. Was jedoch alle gemeinsam haben: „Die Frauen tragen keine Dirndl, sondern Unterrock und Rock mit Schürze, dazu eine weiße Bluse“, erklärt Edith Schaper vom Trachtenverein Neunhof in Nürnberg. Um die Schultern kommt ein Dreieckstuch, weiße Strümpfe und schwarze Schuhe machen die Tracht perfekt. Was auf keinen Fall fehlen darf: die Bänderhaube auf dem Kopf!

Die Männer tragen eine Kniebundlederhose, schwarze Schnallenschuhen und weißes Hemd. Typisch fränkisch: Der Dreispitzhut aus Filz, je nach Landstrich unterschiedlich geschmückt. „Auch die Westen und Jacken sind von Gegend zu Gegend verschieden – bei uns ist die Weste rot und mit vielen Knöpfen verziert“, sagt Edith Schaper. So könnte also auch das Ehepaar Beckstein aussehen …

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... und was tragen die anderen?

Wiesngängerinnen zur Dirndlfrage

Vorsichtige Entwarnung und gedämpfter Optimismus hinsichtlich der Angelegenheit Ministerpräsidentengattin und ihr Wiesn-Outfit: Marga Beckstein werde dem Oktoberfestauftakt in „angemessener Kleidung“ beiwohnen, so ließ sich der Landesvater vom Sprecher der Staatskanzlei zitieren. Keine Staatsaffäre also, aber auch kein Dirndl – dabei bleibt‘s nämlich. Man weiß nix G‘wisses, auch nach dem Gespräch mit Marga Beckstein. „Lassen Sie sich überraschen“, rät sie der tz. Beharrlich weigerte sie sich, Modefragen zu diskutieren.

Immerhin, „angemessen“, damit gibt sich die Münchner Frauen-Unions-Chefin Elisabeth Schosser gerne zufrieden. Tags zuvor hatte sie gemahnt, die Frau des Ministerpräsidenten müsse auf der Wiesn ein Dirndl tragen. „Das ist ja eine Art Überbegriff“, erklärt die 74-Jährige. „Für uns Stadträtinnen war das Dirndl auf dem Oktoberfest natürlich gang und gäbe. Wir haben auch immer versucht, einander gegenseitig zu übertrumpfen“, so die frühere Stadträtin. Sie selbst hat sechs oder sieben solche Gewänder. „Es ist halt für jede Figur tragbar,“ lobt sie die Vorzüge des Kleides.

Dass Marga Beckstein im Dirndl gut aussehen würde, können sich auch andere Berufs-Wiesngängerinnen vorstellen. OB-Gattin Edith von Welser-Ude: „Das würde ihr sicher stehen – ich fänd‘s schade, wenn sie keine Tracht tragen würde.“ Ihre eigene Devise: „Es ist gut, wenn man sich so kleidet, wie es dort, wo man hingeht, der Brauch ist.“ Aber selbstverständlich stehe es Frau Beckstein frei, anzuziehen was sie will. Von Welser-Ude selbst hat ein größeres Repertoire von Röcken, Miedern, Blusen, Schürzen und Tüchern. Hat sie jemals eine Dame „in Zivil“ in der Ratsbox gesehen? „Das gab‘s noch nie – und in der Anzapfboxe erst recht nicht.“

Auch Bürgermeisterin Christine Strobl musste sich nach ihrem Amtsantritt vor drei Jahren ein paar Trachtenteile zulegen. Die sind allerdings nicht so „echt“ wie das Gwand der Schönen Münchnerin ihrer Tochter Maria (10), die heuer wieder beim Trachtenzug mitgeht. Strobl, selbst ein bekehrter Dirndl-Muffel, sagt: „Die Gattin des Ministerpräsidenten wäre uns natürlich auch im Hosenanzug willkommen – München ist eine tolerante Stadt.“

Das personifizierte Münchner Dirndl, Wiesn-Chefin Gabriele Weishäupl, war nicht erreichbar, und die Größe ihres Dirndl-Repertoires im Tourismusamt unbekannt. Jedenfalls besitze die Chefin viele Blusen und Schürzen zum Wechseln.

Der Trend zur Tracht verstärkt sich bei den Wiesnbesucherinnen seit Jahren: 2007 waren 20 Prozent in echte Tracht gewandet, weitere 20 Prozent in Landhausmode.

Grünen-Chefin Claudia Roth muss über den Dirndl-Wirbel schmunzeln: „Wenn Frau Beckstein kein Dirndl anziehen will, ist das ihr Selbstbestimmungs-Recht. Das gilt sogar in Bayern“, so die Unterallgäuerin zur tz. Dass sich manche über den Eigensinn der First Lady ärgern, wundert Claudia Roth nicht: „Das passt halt nicht in die typische CSU-Leitkultur.“ Die Grünen-Chefin selbst wird zum Wiesnauftakt wieder eins ihrer auffallenden Dirndl tragen. „Mir gefällt das halt. Ich habe vier Stück. Ein knallrotes, ein knallgrünes, ein warmes – und ein zu enges.“

bw./age.

Quelle: Oktoberfest live

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