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Nach Tierdrama in Schleching

„Ein ganzer Jahrgang ist ausgelöscht“ - Landwirt fordert jetzt die Politik zum Handeln auf

Tragisches Tierdrama bei Schleching. Landwirt Hannes Hörterer.
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Tragisches Tierdrama bei Schleching.

Neun tote Jungkühe, unter Todesangst die Zellerwand bei Schleching hinabgestürzt - angesichts dieses Tierleids vermischen sich bei Almbauer und Landwirt Hannes Hörterer Verzweiflung und Wut. Er fordert jetzt die Politik zum Handeln auf. Denn die Landwirte im Achental sind überzeugt: Da steckt ein Wolf dahinter.

Schleching - Eine komplette Herde Jungvieh geradezu ausgelöscht, eine Alm ohne Kalbinnen - Landwirt Hannes Hörterer aus Mettenham bei Schleching kann es immer noch nicht fassen: Neun junge Kälber, allesamt zwischen eineinhalb und zwei Jahre alt, sind in der Nacht auf Mittwoch, 8. Juni, die Zellerwand hinabgestürzt.

Zuvor hatten sie in Panik mehrere Zäune durchbrochen. Sie waren ganz offensichtlich aufgescheucht, in Panik versetzt worden. „Sie hatten Todesangst“, ist der Landwirt überzeugt. Er wie auch eine ganze Reihe weiterer Landwirte aus dem Achental haben nur eine Erklärung: Das Vieh kann nur durch einen Wolf derart aufgeschreckt worden sein.

Die tragische Suche

Wenn Hannes Hörterer den vergangenen Mittwoch Revue passieren lässt, kommt er immer wieder für einen Moment ins Stocken, muss kurz schlucken - die Gedanken an die tragische Suche nach seinem Jungvieh nehmen ihn sichtlich mit. Zur Mittagszeit hatte ihn ein Nachbar alarmiert, Ortsbauer Ralf Wegener, Nachbar auf dem Berg und im Tal. Wegener war wiederum vom Campingplatz, direkt unterhalb der bei Sportkletterern beliebten Zellerwand informiert worden, dass man Kuhgebrüll aus der Felswand wahrgenommen habe. Alarmiert machte sich Wegener auf zu seiner Alm - dort war alles in bester Ordnung. Doch beim Nachbarn?

Stracheldrahtzäune niedergetrampelt

„Ich bin sofort los und rauf auf unsere Alm“, erinnert sich Hannes Hörterer. Dort der Schreckmoment: kein einziges Stück Vieh weit und breit. Er machte sich also auf die Suche, ging den Spuren nach. Und stieß auf niedergetrampelte Stacheldrahtzäune, die Spuren immer weiter in den Wald hinein, auf den gefährlichen Abgrund zu. „Ich hoffte immer, gleich stehen sie da“, berichtet Hörterer und schluckt. Doch nichts.

Und schließlich endeten die Spuren, dahinter nur noch der Abgrund, die Wand. „Das war der schlimmste Moment, da an der Absturzstelle.“ Etwa einen Kilometer habe sein Vieh zurückgelegt, offenbar in Todesangst.

Kitz-Air im Einsatz

Danach ging alles ganz schnell: ein Anruf beim zuständigen Veterinäramt in Traunstein, das wiederum die Bergung per Hubschrauber organisierte. Über ein Unternehmen aus dem benachbarten Tirol, die Kitz-Air aus Erpfendorf. Nach und nach wurden acht junge Kälber geborgen und zu einem Sammelplatz ausgeflogen. Doch es fehlte noch eins - was erst bei einem weiteren Suchflug inmitten der steilen Felswand entdeckt wurde, regelrecht verkeilt zwischen Fels und einem Baum.

Bei der Bergung der Jungtiere: der Kitz-Air-Pilot im Einsatz.

„Um das Kalb zu bergen, musste der Hubschrauber gewechselt werden“, berichtet Hannes Hörterer. Schließlich hätten sich zwei Luftretter in der Felswand absetzen lassen und eine Seilsicherung angebracht, um überhaupt bis zur verunglückten Jungkuh vordringen zu können. „Die Bergung war hochkompliziert.“

Das sagt der Hubschrauber-Pilot

Von einer „Extremsituation“ berichtet auch der Pilot selbst, Georg Schuster (60) aus Erpfendorf. Der Kitz-Air-Chef höchstpersönlich hatte den Einsatz in Schleching geflogen: „Wir haben zwar immer wieder Bergungen, aber so einen tragischen Einsatz hatte ich das erste Mal.“ Die Kosten für den Einsatz dürften sich dennoch nicht in astronomischer Höhe bewegen, wie Schuster auf OVB-Anfrage erklärt: „Der Anflug ist kurz, nur acht Minuten, und dann ging es bis auf die letzte Kuh, als wir wechseln mussten, relativ schnell.“ Summa summarum rechnet er mit maximal 5000 Euro.

Die Kadaver sind nun abtransportiert und längst in der Tierverwertungsanstalt.

Kadaver abtransportiert

Zwei Tage später bleibt nur noch Leere zurück in Mettenham: die Kadaver sind abtransportiert und längst in der Tierverwertungsanstalt, der „Sachschaden“ auf 12.000 bis 15.000 Euro beziffert. Trächtig waren diese neun Tiere nicht gewesen, doch sie wären diesen Sommer an die Reihe gekommen - die Nachzucht-Hoffnung der Familie Hörterer. „In dieser Herde befanden sich unsere besten weiblichen Rinder, jetzt ist die gesamte gute Nachzucht weg, ein ganzer Jahrgang ausgelöscht“, sagt Hörterer vollkommen ernüchtert.

Nach und nach wurden acht junge Kälber geborgen und zu einem Sammelplatz ausgeflogen.

Die Familie im Tal: vollkommen erschüttert. „Es wurden bittere Tränen geweint.“ Denn am heimischen Hof in Mettenham waren die Kälber großgezogen und schließlich ans Weideleben gewöhnt worden. „Man schickt die Jungkälber ja nicht einfach auf die Alm, sie werden daheim ans Weideleben gewöhnt, damit sie nicht in Panik geraten, wenn mal ein Gewitter kommt.“

Risiko: Wenn der Wolf ins Tal kommt

Was der Familie Hörterer bleibt: eine weitere Jungkuhherde auf der Hochalm, hoch über Schleching - und das Vieh im Tale. Die ausgelöschte Herde muss nun nachbestückt werden, nach den Worten des Landwirts ebenfalls eine gewisse Herausforderung, da nicht jedes Kalb gleich gut geeignet ist. Hinzu kommt die Sorge ums verbleibende Vieh auf der Hochalm und am Hof. Denn Erzählungen zufolge soll sich der Wolf auch schon tief unten im Achental habe blicken lassen. „Dann wird es natürlich kritisch, von uns werden Offenställe gefordert, alles soll offen sein, da lacht doch der Wolf nur“, ärgert sich Hannes Hörterer.

Landwirt Hannes Hörterer aus Mettenham bei Schleching.

Forderung an die Politik

Deshalb seine klare Forderung: Die Politik muss endlich handeln. Er hat zwei Punkte, die ihm konkret am Herzen liegen: Zum einen müssten Wolfssichtungen oder gar Risse schneller und besser kommuniziert werden, um den Almbauern die Chance zu ermöglichen, reagieren und ihr Vieh auch mal über Nacht in Sicherheit bringen zu können - „und nicht diese Geheimniskrämerei und Verschwiegenheit, wie es bei und das LfU und die Staatsforsten an den Tag legen.“ Zum anderen fordert er eine gewisse Regulierung der Wolfspopulation. „Der Wolf wird für uns mehr und mehr zu einem Problem.“

Das Gebiet um die Zellerwand bei Schleching.

Abgeordneter will sich einsetzen

Offene Ohren finden die Landwirte aus dem Achental beim CSU-Landtagsabgeordneten Klaus Steiner, der sich trotz Urlaubs die Zeit nahm, um mit der Familie Hörterer zu sprechen. Es stehe zwar mit letzter Sicherheit noch nicht fest, dass ein Wolf die Tiere derart in Panik versetzt hat, aber viele Indizien sprächen dafür. „Ich teile diese Einschätzung, zumal es offensichtlich letzte Woche eine Wolfssichtung in Grassau gegeben habe,“ sagt Steiner. Unabhängig davon zeige der Vorfall, so der Abgeordnete, wie sinnlos und praxisfremd die Diskussionen um Schutzmaßnahmen wie Schutzzäune seien oder darüber, Wölfe würden sich nicht an Rinder oder Pferde heranmachen. 

Infosystem gefordert

Steiner weiter: „Ob Wolf oder nicht, jedenfalls geht es auch darum, dass besonders Rinder allein durch das Auftauchen von Raubtieren derart in Panik versetzt werden, dass es in Folge dann zu solch dramatischen Vorfällen kommt.“ Zäune aller Art seien dann für die Tiere kein Hindernis mehr. Diese Tatsache, die jeder Landwirt kennt, werde in öffentlichen Diskussionen gar nicht berücksichtigt. „Wir brauchen ein besseres Infosystem bei der Sichtung von Wölfen, um unsere Landwirte entsprechend zu warnen“, betont Steiner.

Natürlich sei es noch nicht erwiesen, was die Panik ausgelöst habe, feststehe aber, „dass die Tiere extrem verschreckt wurden und dann in höchste Panik geraten sind“. Steiner weiter: „Jedenfalls werden die Almbauern zunehmend massiv verunsichert und manche werden die Almwirtschaft aufgeben, wenn wir ständig an den Realitäten vorbei diskutieren.“ Für Steiner steht fest: Er ist die „sinnlosen Anträge“ im Bayerischen Landtag leid. Ebenfalls die ständigen praxisfernen und sinnlosen Diskussionen. 

Wer für die Einsatzkosten aufkommt

Die gute Nachricht für Familie Hörterer: Ihr sollen zumindest für den Einsatz an sich keine Kosten entstehen. Die übernimmt das Veterinäramt des Landkreises Traunstein zusammen mit der sogenannten Tierseuchenkasse des Freistaates Bayern, wie Traunsteins Landratsamtssprecherin Laura Lockfisch auf OVB-Anfrage erklärte.

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