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Seebruckerin wagt beruflichen Perspektivenwechel

Von der OP-Schwester zur Bestatterin: „Eine Prise schwarzen Humor braucht‘s schon“

Portrait Bestatterin Anja Schuster aus Seebruck
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Anja Schuster vor dem Bestattungs-Bus, mit dem sie am liebsten fährt. Die Seebruckerin hat ihren Beruf als OP-Schwester aufgegeben und arbeitet seit Dezember beim Bestattungsunternehmen Paul Loch in Traunstein.

Anja Schuster war 18 Jahre lang OP-Schwester. Mit dem Gedanken, sich zu verändern spielte sie schon länger und Corona setzte ihrer Entscheidung das i-Tüpfelchen auf: Sie wollte „etwas Ruhigeres“. Ihr Weg führte sie zum Traunsteiner Bestatter.

Seebruck - „Ich wollte schon immer wissen, was mit den Menschen passiert, die vom OP-Tisch nicht mehr aufwachen. Man hat ja eine Bindung zu den Patienten, redet mit ihnen und unterstützt sie. Im Fall des Todes bringen wir sie auch in die Prosektur. Eines Tages fragte bei einer Abholung eines Verstorbenen kurzerhand beim Bestattungsunternehmen nach, ob sie mich einmal mitnehmen würden“, erzählt Anja im Gespräch mit chiemgau24.de.

„Der Druck, der im Klinikalltag vorherrscht, ist weg“

„Von Abholung bis zum Herrichten des Toten im Sarg, diverse Bestattungsarten, individuelle Angehörigengespräche oder die Umstände der Beisetzung - ich habe den Bestattern Löcher in den Bauch gefragt und so schnell erkannt, wie sehr mich diese Arbeit interessiert. Ich finde es beeindruckend, wie offen mit dem Tod umgegangen wird - und beim Unternehmen Loch geht es zudem sehr familiär zu“, schildert die 36-Jährige die Beweggründe ihres beruflichen Perspektivenwechsels.

Aus dem „Schnupperkurs“ beim Traunsteiner Bestattungsunternehmen Loch wurde ein 450-Euro-Job. Zunächst war Anjas Plan, als OP-Schwester im Klinikum nur Stunden zu reduzieren, doch rasch entschied sie sich dazu, zu kündigen und als Teilzeitkraft in Traunstein anzufangen. Dort ist sie nun seit Dezember angestellt.

Für Anja die beste Entscheidung, die sie treffen konnte: „Der Druck, der im Klinikalltag vorherrscht, ist weg. Das ist ein ganz anderes Zeitmanagement. Meine Leute laufen mir nicht weg, ich kann sie würdevoll auf dem letzten Weg begleiten - ohne Hektik, ohne Stress, ohne Schichtarbeit. Ihnen in Ruhe die letzte Ehre erweisen zu dürfen ist essentiell.“

„Blöde oder falsche Fragen“ gibt es nicht

„Ich bin für den Verstorbenen von der Abholung bis zur Bestattung rund um die Uhr da - freilich auch für die Angehörigen, für die mit der Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen eine Welt zusammenbricht. Mit ihnen führe ich persönliche Gespräche, wie sie sich die Beisetzung vorstellen, was der Verstorbene für ein Mensch war. Alle wollen wissen, was mit dem Papa oder der Oma nun passiert und ob sie beispielsweise ihr Lieblingsstofftier mit in den Sarg nehmen dürfen oder die Urne in Form eines Fußballs bekämen. Solche Wünsche erfüllen wir freilich, denn die Kapsel hat Standardgröße, die Form selbst ist variabel.“

Diese und viele weitere Fragen beantwortet Anja gerne, denn „blöde oder falsche Fragen“ gibt es für sie nicht - vor allem nicht beim Thema Tod und Sterben. Darüber hinaus stehe Organisierung, Absprachen mit der Kirche oder Nachfragen beim Krematorium sowie die Erstellung notwendiger Papiere. „Auch der Tod kommt nicht um die Bürokratie herum“, konstatiert Anja nüchtern.

„Ich spreche mit den Menschen, als wären sie noch hier - und nicht tot“

Das Schönste für die Seebruckerin ist, wenn die Menschen zuhause sterben dürfen und Anja sie dort abholt - in ihrer bisherigen gewohnten Umgebung. Natürlich gibt es auch unangenehmere Orte, Unfälle oder gar Suizide. Anja aber nimmt solche Anblicke gelassen: „Ich spreche mit den Menschen, als wären sie noch hier - und nicht tot. Eine würdevolle Behandlung über den Tod hinaus ist das A und O.“ Auch für die Angehörigen ist die letzte Abschiednahme, in der sie den Verstorbenen noch einmal sehen dürfen, wichtig in punkto Trauerbewältigung.“

„Pack ma‘s“ bei der Abholung des Toten oder eine konkrete Frage, wie das denn nun hat passieren können seien nicht selten aus ihrem Mund zu hören, erläutert sie mit einem Grinsen. Zu Dienstantritt in der Früh werden grundsätzlich alle Anwesenden persönlich und frohen Mutes begrüßt, bevor Anja mit der eigentlichen Arbeit loslegt. Dass sie häufig gar keine Antwort erhält, daran habe sie sich schon gewohnt. „Eine Prise schwarzen Humor braucht‘s schon in dem Job“, untermalt sie lachend.

„Friedhöfe haben eine ganz besondere Aura“

Anja schätzt auch die Arbeit auf dem Friedhof: „Beim Ausheben des Grabs habe ich meine Ruhe, da redet mir keiner drein. Gerade im Chiemgau liegen unsere Verstorbenen im schönsten Ambiente - mit malerischem Bergblick. Friedhöfe haben eine ganz besondere Aura.“

Früher wurde ich gefragt, was das denn sein könnte, wenn es am Körper zwickt. Anjas Standardantwort: „Ich bin OP-Schwester, kein Arzt.“ Jetzt kann die Seebruckerin den Leuten schildern, wie sie behandelt werden, wenn der Tag X einmal eintritt. Sie ist stolz darauf, erzählen zu dürfen, dass sie eines der „netten Mädels“ ist, die sich nach dem Tod um einen kümmern und ihn auf seinem letzten irdischen Weg begleiten - von Anfang bis Ende.

mb

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