Impfungen statt Inzidenzen

Perspektive in der Pandemie: Traunsteiner Landrat Walch entwickelt Öffnungs-Konzept

Fünf Punkte schlägt Landrat Siegfried Walch vor, um eine Perspektive für Öffnungen zu schaffen.
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Fünf Punkte schlägt Landrat Siegfried Walch vor, um eine Perspektive für Öffnungen zu schaffen.

Ob und wie aussagekräftig der Inzidenzwert ist, das bezweifeln derzeit viele. So auch der Traunsteiner Landrat Walch. Er hat ein eigens Konzept entwickelt. So will Walch den Menschen eine Perspektive bieten.

Traunstein – Nicht nur eine medizinische und systemische sei die Pandemie, „sondern mittlerweile auch eine psychologische Krise“, findet Landrat Siegfried Walch (CSU). Aus seiner Sicht fehle den Menschen eine verlässliche Perspektive und es falle ihnen immer schwerer, die Maßnahmen mitzutragen. Aus diesem Grund hat der Landrat nun ein eigenes Konzept aufgestellt, wie das öffentliche Leben wieder in die Gänge kommen soll.

Bewusst weg vom Inzidenzwert will Walch und sich stattdessen am Impffortschritt orientieren und Selbsttests zur Unterstützung nutzen: „Entscheidendes Element des Plans sind nicht die konkreten Vorschläge der Öffnungen, sondern eine geänderte Systematik, die eine verlässliche zeitliche Perspektive abbildet“, heißt es in einer Pressemitteilung des Landratsamts. Die steigende Liefermenge an Impfstoff und die Zulassung von Selbsttests sollen die Weichen für Walchs Konzept stellen.

„Keine Belehrung, sondern konstruktiver Vorschlag!“

Belehren möchte er durch sein Konzept niemanden, sagt Walch im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung, es gehe ihm darum, einen Vorschlag zu machen, ohne dass es gleich als Kritik aufgefasst werde: „Es sind die Landratsämter, die die ganze Pandemiebewältigung stemmen.“ Als Chef der abwickelnden Behörde habe er sich nicht beraten lassen, seine Behörde habe die Expertise: „Wir tun den ganzen Tag nichts anderes.“

Keine schnelleren Öffnungen

Walch betont, dass es ihm nicht um schnellere Öffnungen gehe, sondern eine klarere Öffnungsperspektive. Das hält der Landrat für entscheidend, wie er aus persönlichen Gesprächen weiß, aber auch von den 1400 täglichen Anrufen beim Bürgertelefon. „Es ist einfach für die Leute viel leichter, wenn sie jeden Tag ein Impfmonitoring verfolgen können“, so der Landrat.

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Laut Walch 2400 Impfungen täglich möglich

Auf die Frage, ob es nicht riskant sei, sich bei den Öffnungen auf Impfungen zu verlassen, angesichts der Tatsache, dass bislang der Impfstoff der Engpass gewesen sei, meinte Walch: „Wir haben Kapazitäten, die bei 2400 Impfungen pro Tag liegen. Und das ohne die Hausärzte.“ Die Ankündigung aus dem Gesundheitsministerium sei eindeutig, dass deutlich mehr Impfstoff zur Verfügung stehe. Er gehe jede Wette ein, dass genügend Seren zur Verfügung stehen werden.

Grundsätzlich findet Walch schon, dass die Landratsämter genügend Gehör finden bei der übergeordneten Politik. Allerdings räumt er ein, dass durch zu viele Kompromisse sich Konzepte verwässern. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) signalisierte laut Walch, dass er das Konzept für klug halte. Anfragen der Chiemgau-Zeitung beim bayerischen Gesundheitsministerium und der Staatsregierung, inwieweit das Konzept umgesetzt werden könnte, blieben bisher unbeantwortet. Das Robert-Koch-Institut (RKI) verweist lediglich auf seinen Stufenplan als Rahmenempfehlung.

„Ich habe enormen Zuspruch bekommen von Bundestags- und Landtagsabgeordneten“, sagt der Landrat. Der Traunsteiner Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer (CSU) schließt sich an: „Die Inzidenzzahl darf nicht allein ausschlaggebend für Öffnungen sein. Wir alle brauchen eine Perspektive.“ Es sei nötig, einen neuen Weg einzuschlagen.

Walchs Plan sieht für die Gastronomie vor, die Außengastronomie ab 15. April 2021 bei entsprechender Impfentwicklung zu öffnen.

Der Ruhpoldinger Chef des Tourismus- und Wirtschaftsverbands Sepp Hohlweger, der erst einen offenen Brief an die Staatsregierung geschickt hat, um auf die schwierige Situation der Beherbergungsbetriebe einzugehen, ist noch nicht euphorisch angesichts Walchs Vorschlag: „Die Problematik ist, dass unsere Gastronomie gerade von den Urlaubern lebt.“ Der Vorschlag gehe in die richtige Richtung, aber die Frage sei, ob dann auch verreist werden dürfe. „Wie gehen die Ministerpräsidenten mit so einem Vorschlag um?“, fragt sich Hohlweger.

Klaus Lebek, Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA) im Landkreis Traunstein, zeigt sich skeptisch, ob die Impfungen auch so schnell kommen. „Ich zweifle ein wenig an der Euphorie von Herrn Walch“, sagt Lebek.

Britische Mutation trifft vor allem Kinder

Geht Walchs Konzept auf und in die Umsetzung, sollen die Schulen ab 15. April 2021 wieder in den Präsenzunterricht gehen. Gleichzeitig trifft die britische Mutation Experten zufolge besonders Kinder. Das Virus vermehre sich bei ihnen stärker und führe auch zu schwereren Fällen. Die Chiemgau-Zeitung fragte Walch, ob dies nicht ein Risiko sei, da Kinder erst sehr spät geimpft werden. Der Landrat behalte sich vor, falls nötig mit seiner Behörde einzugreifen, sollten die Infektionszahlen an Schule stark ansteigen.

Rosenheimer Landrat stimmt zu

Rosenheims Landrat Otto Lederer hält die Idee einer Neuausrichtung der Corona-Öffnungssystematik – entsprechend dem vom Landratsamt Traunstein veröffentlichten Fünf-Schritte-Konzept zum Ausstieg aus der Pandemie - für sinnvoll. „Wir müssen den Bürgerinnen und Bürgern einen Weg aus den Beschränkungen und den Verboten bieten, einen Weg zurück zu mehr Normalität, den sie selber aktiv mitgehen können.“

Die Impfungen seien die einzige Langzeitstrategie aus der Pandemie zurück in die Normalität. Das Konzept des Landkreises Traunstein sei ein guter Ansatz, der nun von Politik und Wirtschaft weiterverfolgt und konkretisiert werden sollte , sagt Lederer.

Blick aufs große Ganze

Zu Beginn der Pandemie habe es die Möglichkeit der Impfungen noch nicht gegeben. Ein Lockdown, strenge Kontaktbeschränkungen und Regeln seien die einzigen Mittel gewesen, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen und damit schwere Verläufe und Todesfälle zu verhindern.

Je mehr Menschen der vulnerablen Gruppen geimpft seien, desto mehr sollte sich der Blickwinkel bei den Öffnungsszenarien von der 7-Tage-Inzidenz auf die Durchimpfungsrate der einzelnen Gruppen und der gesamten Bevölkerung richten. „Wir müssen das große Ganze sehen. Dazu gehört neben der Auslastung der Krankenhäuser und Intensivstationen, dem lokalen Ausbruchsgeschehen und der Ausbreitung von Mutationen vor allem auch der Fortschritt der Impfungen“, so Landrat Lederer.

So Sieht Walchs Plan genau aus:

So soll die Öffnung im Landkreis Traunstein aussehen.

Der Grundgedanke: Öffnen nach Impffortschritt, weg von der Anknüpfung an den Inzidenz-Wert. Kern ist ein Fünf-Stufen-Plan, der für die Bürger den Weg aus der Pandemie bis zum 1. September aufzeigen soll:

Öffnungsschritt 1 (Prio-Gruppe 1 zu 70 Prozent geimpft): Öffnung aller Schulen und Kindertageseinrichtungen; des Einzelhandels (Begrenzung von einem Kunden pro 20 Quadratmetern und FFP2-Maske); der Gastronomie im Außenbereich; Treffen mit einem weiteren Hausstand ohne weitere Begrenzungen.

Öffnungsschritt 2 (Prio-Gruppe 2 zu 70 Prozent geimpft): Öffnung des Einzelhandels ohne jede Flächenbegrenzung; Gastronomie im Innenbereich; Kultur- und Freizeiteinrichtungen öffnen sowie Hotels und Beherbergungsbetriebe; Treffen mit drei weiteren Hausständen ohne weitere Begrenzungen.

Öffnungsschritt 3 (Prio-Gruppe 3 zu 70 Prozent geimpft): Veranstaltungen mit bis zu 100 Personen; sämtliche Kontaktbeschränkungen entfallen.

Öffnungsschritt 4 (Impfangebot für 70 Prozent der Bevölkerung): flächendeckende Beschränkungen enden; Eingriffsmöglichkeiten für die Kreisverwaltungsbehörden bleiben bestehen.

Öffnungsschritt 5 (Impfangebot für die gesamte Bevölkerung): Eingriffsmöglichkeiten der Kreisverwaltungsbehörden werden auf das Normalmaß zurückgefahren. Der Weg aus der Pandemie ist geschafft.

Mäßige Bilanz bei Tests an Schulen

Schüler ab 15 Jahren können sich im Landkreis Traunstein freiwillig in der Schule testen lassen. Das Landratsamt hat dazu bereits Tests an die Schulen geliefert. Angenommen werden diese aber kaum, wie die Chiemgau-Zeitung in Erfahrung bringen konnte. Schulleiter Markus Gnad vom Traunsteiner Chiemgau-Gymnasium berichtet, dass nur 30 bis 40 Prozent der Schüler der Q12 die Tests machen. „Ich denke, es spielt schon eine Rolle, dass manche Sorgen haben, schlecht da zu stehen“, sagt der Schulleiter. Der Chiemgau-Zeitung ist noch ein weiteres Gymnasium im Landkreis Traunstein bekannt, das ähnliche Erfahrungen macht. Die Lehrkraft, die ungenannt bleiben möchte, hat eher den Eindruck, dass die Schüler schlicht keinen Bock haben. „Und das, obwohl bei ihnen die Abiturprüfungen anstehen.“

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