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20-jähriges Jubiläum

„Herausragende Pionierarbeit“: Wie eine Rosenheimer Pflegeeinrichtung demenzkranke Menschen unterstützt

Viele ehemalige und aktuelle Weggefährten der Nachbarschaftshilfe Rosenheim kamen am vergangenen Samstag im Tagespflegehaus „Johanna“ zusammen.
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Viele ehemalige und aktuelle Weggefährten der Nachbarschaftshilfe Rosenheim kamen am vergangenen Samstag im Tagespflegehaus „Johanna“ zusammen. Von links: Peter Moser, Geschäftsleiter der Nachbarschaftshilfe Rosenheim, Beate Hoyer-Radtke, ehemalige Erste Vorsitzende der Nachbarschaftshilfe, Paul Rothenfußer, Vorsitzender des Stiftungsrats der Jacob und Marie Rothenfußer-Gedächtnisstiftung, Johanna Schildbach-Halser, Ehrenvorsitzende der Nachbarschaftshilfe und Thomas Möller, Zweiter Vorsitzender der Nachbarschaftshilfe Rosenheim

Was passiert, wenn Oma oder Opa plötzlich alles vergisst? Diese Frage stellte sich Johanna Schildbach-Halser bereits vor über 20 Jahren. Die Krankenschwester musste die „Dramen“ in den Familien immer wieder selbst mit ansehen. Deshalb gründete sie in Rosenheim eine damals einzigartige Einrichtung, in der sich speziell um an Demenz erkrankten Menschen gekümmert wird.

Rosenheim – Als Johanna Schildbach-Halser 2002 das Tagepflegehaus „Johanna“ ins Leben rief, leistete sie etwas „Einzigartiges“: Die gelernte Krankenschwester gründete in Rosenheim eine der ersten Einrichtungen in ganz Bayern, die Angehörige bei der Pflege von Patienten mit Krankheiten wie Demenz oder Depressionen im Alter unterstützte.

Um das 20-jährige Jubiläum zu feiern, kamen viele ehemalige und aktuelle Weggefährten der Nachbarschaftshilfe Rosenheim am Samstag (30. Juli) im Tagespflegehaus in der Ellmaierstraße zusammen.

Aus der Not entstanden

Bereits 25 Jahre vorher gründete Schildbach-Halser im Jahr 1977 – in kompletter Eigenregie – die erste Nachbarschaftshilfe Rosenheims. „Ich habe damals selber verzweifelt nach Hilfe gesucht. Wir waren gerade nach Rosenheim gezogen und ich war mit vier kleinen Kindern schwer krank zuhause“, sagt Schildbach-Halser. Eine Unterstützungshilfe bei alltäglichen Dingen wie Putzen, Kochen oder das kurzfristige Aufpassen auf Kinder, hätte es in Rosenheim zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben.

Deshalb hörte sich die heute 74-Jährige bei Familien in ihrer Nachbarschaft um, ob es dort ähnliche Probleme gab. „Schnell hatten wir ein kleines Netzwerk gebildet, in dem sich gegenseitig bei allem geholfen wurde“, erzählt Schildbach-Halser. So wären in der Anfangszeit schon mal zwölf Kinder aus der Nachbarschaft in ihrem Bügelzimmer zusammengekommen für die sie Mittagessen gekocht hatte. „Es war eine Nachbarschafshilfe im wahrsten Sinne des Wortes“, sagt Schildbach-Halser.

Aus „spontaner Hilfe“ wird ein Verein

Nicht mal ein Jahr dauerte es, bis aus der „spontanen Hilfe“, ein Verein wurde. „Die Gründungsversammlung ist fast aus allen Nähten geplatzt. Aus ganz Rosenheim kamen Menschen, die helfen wollten und selber Hilfe brauchten“, erzählt Schildbach-Halser. Schwierig sei am Anfang vor allem die Finanzierung der Nachbarschaftshilfe gewesen. „Zum Glück hatte ich damals Erich Rothenfußer aus München kennengelernt“, sagt die 74-Jährige. Dessen „Jacob und Marie Rothenfußer-Stiftung“ fördere bis heute die Nachbarschaftshilfe. „Ohne die Stiftung wäre unsere Entwicklung kaum möglich gewesen“, sagt Schildbach-Halser.

Die Satzung des Vereins sah Hilfe bei der Alten-, Kranken- und Säuglingspflege sowie bei der Kinderbetreuung, Haushaltshilfe und das Einspringen bei Familien im Krankheitsfall vor.

Dramen in Familien

Dadurch hätten Schildbach-Halser und ihre Kolleginnen auch festgestellt, welche „Dramen sich in Familien abgespielt haben, wenn Oma oder Opa plötzlich vergesslich wurden“. „Demenz war damals noch ein Tabu-Thema, teilweise wurden die erkrankten Menschen daheim versteckt“, erzählt die 74-Jährige.

Deshalb habe sie sich „rasch und auch ein bisschen naiv“ um Räumlichkeit bemüht, in die man Demente zur Tagespflege bringen konnte. „Ich habe alles daran gesetzt, dass wir eine solche Einrichtung bekommen, dass die kranken Menschen gut aufgehoben sind und die Angehörigen ein wenig entlastet werden“, sagt Schildbach-Halser.

Aus diesem Grund wurde am 1. Mai 2002 schließlich das Tagespflegehaus „Johanna“ eröffnet, zunächst in der Bayerstraße. „Die Gründung war eine herausragende Pionierarbeit von Johanna Schildbach-Halser, da können wir nur dankbar sein“, sagt Peter Moser, Geschäftsleiter der Nachbarschaftshilfe Rosenheim.

Am Anfang wäre für zehn Patienten am Tag Platz gewesen. Inzwischen, nach dem Umzug in die Ellmaierstraße vor ein paar Jahren, könnten sieben Weitere aufgenommen werden. Insgesamt kämen rund 50 Erkrankte über die Woche verteilt ins Tagespflegehaus. „Die Patienten, die alle noch zuhause leben, kommen in der Früh mit einem Fahrdienst und dann gibt es erst mal Frühstück. Danach werden lustige Sachen aus der Zeitung vorgelesen“, erklärt Moser.

Vor allem Geschichten über Trunkenheitsfahrten wären bei den Patienten beliebt. Ansonsten stünden Gruppenbeschäftigungen wie Bewegungsspiele oder das Singen von Schlagerliedern sowie Mittagessen, Kaffee und Kuchen auf dem Programm. „Unsere zwölf Mitarbeiterinnen leisten hier Großartiges“, sagt Moser.

Corona- und Nachwuchssorgen

Doch auch die Nachbarschaftshilfe und die Tagespflege blieben vor den aktuellen Problemen in der Pflege nicht verschont. „Corona hat uns komplett aus der Bahn geworfen“, sagt Moser. Teilweise hätten nur fünf Patienten unter großen Kontaktbeschränkungen kommen können. Ebenso sei es immer schwieriger Nachwuchs in den Pflegeberufen zu finden. „Da müsste der Staat auch mehr Werbung und den Beruf wieder attraktiver machen“, sagt Schildbach-Halser. Ansonsten blicke sie mit großer Zuversicht auf die nächsten 20 Jahre. „Ich würde auch alles wieder genauso machen. Man findet immer Menschen und Wege, so etwas möglich zu machen.“

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