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Exklusives OVB-Sommerinterview mit Otto Lederer

„Wissen nicht, was Putin noch alles plant“: So blickt Rosenheims Landrat auf Herbst und Winter

Erwartet eine Zeit der Herausforderungen: Landrat Otto Lederer
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Landrat Otto Lederer

Entwarnung fürs Herbstfest - so schätzt Landrat Otto Lederer die Lage ein. Im OVB-Sommerinterview äußerte sich Lederer außerdem über Chancen, Mangel und Krisen, über starke Leistungen der Bürger. Und über eine persönliche Premiere.

Rosenheim - Nach der Krise ist vor der Krise: Nach zweieinhalb Jahren Pandemie steuert die Region Rosenheim auf einen Winter mit Energie-Mangel und Inflation zu. Worauf er sich trotzdem freut und worüber er dankbar ist, darüber sprach Rosenheims Landrat Otto Lederer mit den OVB-Heimatzeitungen.

Haben Sie schon Ihren Tisch beim Herbstfest reserviert?

Otto Lederer: Wir sind gerade dabei, das Ganze zu organisieren. Wir haben vor, mit Kreistag, Kreisausschuss und Bürgermeistern das Herbstfest zu besuchen, so wie es bis 2019 war – mit all den Diskussionen natürlich, die damit verbunden sind. Wir werden am Vormittag mit dem Kreistag beraten und dann aufs Volksfest gehen, am Nachmittag gehen wir dann mit dem Kreisausschuss auf eine Brotzeit dorthin.

Das erste Mal mit Ihnen als Landrat.

Lederer: Ja, stimmt. Das ist tatsächlich so.

Überwiegt die Vorfreude, oder gibt’s dann doch Bedenken?

Lederer: Es überwiegt tatsächlich die Vorfreude. Die Menschen sehnen sich danach, ich denke, die Menschen brauchen das auch, nach zwei Jahren Corona, so lange die Zahlen das Ganze einigermaßen zulassen. Wobei man natürlich vorsichtig bleiben muss. Wenn man chronisch krank ist oder Vorerkrankungen hat, wenn man Erkältungssymptome spürt, dann ist es nicht sinnvoll, dahinzugehen. Wir werden jeden bitten, einen Selbsttest zu machen. Und wir hoffen auch aufs Impfen.

Auch Gesundheitsamt hat diesmal keine Bedenken

Gibt es hausintern unterschiedliche Sichtweisen?

Lederer: Momentan sagt auch das Gesundheitsamt: Unter den aktuellen Voraussetzungen und nach den jetzigen Maßstäben seitens der Bundesregierung ist das vertretbar.

Von Maßnahmen für den Herbst ist dennoch die Rede. Reichen Ihnen die aus?

Lederer: Das sind Basismaßnahmen. Wenn alles halbwegs friedlich bleibt, ohne zusätzliche Varianten mit hoher Ansteckungskraft und mit hohen Hospitalisierungszahlen, dann können wir damit leben. Was ich mir noch gewünscht hätte, wäre, dass man den Instrumentenkasten jetzt schon erweitert – für den Fall, dass es nicht so bleibt. Die Winterreifen, die wir jetzt haben, die reichen für einen milden Winter. Was ist aber, wenn wir keinen milden Winter haben?

Was erwarten Sie konkret?

Lederer: Das wird von den dann vorherrschenden Varianten abhängen. Und davon, ob wir einen Impfstoff haben, der gegen diese Varianten wirkt. Man hätte sich allerdings schon jetzt überlegen können, wie man Maßnahmen schnell umsetzt. Innerhalb weniger Wochen können sich die Inzidenzen verdoppeln oder verdreifachen. Um den derzeitigen Kompromissvorschlag zu erarbeiten, hat die Regierung deutlich mehr als nur wenige Wochen gebraucht. Vor diesem Hintergrund hätte ich mir jetzt schon einen größeren Instrumentenkasten gewünscht.

Welche Maßnahmen hätte man sich im Rückblick denn sparen können?

Lederer: Ja, auch das ist eine ganz schwierige Frage. Es war so, dass bei jeder Welle eine andere Variante aufkam. Wir hatten Wellen, da kamen Probleme bei einer Inzidenz von über 35 auf. Heute lachen wir über solche Zahlen. Man muss natürlich auch zugutehalten, dass man noch keine Erfahrungen mit einer derartigen Pandemie hatte.

Landkreis ist relativ gut durch die Corona-Krise gekommen

Wie teuer ist dem Landkreis die Pandemie zu stehen gekommen?

Lederer: Der weitaus überwiegende Teil der Kosten wurde von Freistaat oder Bund getragen. Wenn wir eigenes Personal umgeschichtet haben, haben wir das nicht ersetzt bekommen. Aber im Großen und Ganzen sind die Kommunen eigentlich sehr gut unterstützt worden. Die Gemeinden sind im Landkreis von Seiten des Staates mit über drei Millionen Euro für den Ausfall der Gewerbesteuer entschädigt worden. Und es sind rund 160 Millionen Euro an die Unternehmen im Landkreis geflossen. Die Insolvenzen sind nicht in astronomische Höhen geschnellt, die Wirtschaft hat diese Krise in unserer Region gut verkraftet, wenngleich ich natürlich sagen muss, dass bestimmte Bereiche, wie etwa Kultur, Handel und Gastronomie – ja, der Tourismus insgesamt - harte Zeiten miterlebt haben.

Wie lange werden sich Stadt und Landkreis noch das Impfzentrum ans Bein binden?

Lederer: Da gibt es entsprechende Vorgaben, und die erfüllen wir. Von den Kosten her ist es derzeit überschaubar. Und wir sind froh, dass wir nach wie vor einen kompetenten Betreiber für das Impfzentrum haben.

„Herbst und Winter werden Herausforderungen bereithalten“

Nun haben wir nach Corona die nächsten Krisen vor der Brust: Inflation und Energieknappheit. Erwarten Sie schlechte Stimmung für den Herbst?

Lederer: Ich gehe davon aus, dass sich auch die Themen Energie und Inflation, möglicherweise auch Lieferkettenprobleme, durchaus bei uns niederschlagen, sowohl in der Stimmung der Menschen, als auch wirtschaftlich. Wir müssen auf alle Fälle davon ausgehen, dass Herbst und Winter Herausforderungen für uns bereithalten.

Erwächst da die Gefahr weiterer Spaltung?

Lederer: Dass das unsere Gesellschaft sprengen kann, dass daraus eine Gefahr für unsere Demokratie erwächst, kann ich derzeit nicht sehen. Aber die Energieknappheit könnte bei Teilen der Bevölkerung und der Wirtschaft zu Einschränkungen führen, die wir so in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten nicht gewohnt waren.

Wenn Menschen ihre Wohnung nicht mehr richtig heizen können – was kann die Politik dann machen?

Lederer: Natürlich wird sich der Bund Gedanken machen müssen: Einsparung, Priorisierung, finanzielle Ausgleichsmaßnahmen. Da würde ich mir wünschen, dass das eine oder andere überdacht wird. Denn einfach eine gleichmäßige Verteilung auf die Betroffenen ohne Rücksicht auf das Einkommen – das wird schwierig werden.

Landkreis wird seine Wohnungen umbauen

Sparen Sie auch schon Energie?

Lederer: Ich habe schon vor einiger Zeit begonnen, meine Energieversorgung zuhause umzustellen. Ökostrom beziehe ich schon seit vielen Jahren, aber ich habe auch begonnen, die Wärmeversorgung umzustellen und bin von fossilen Brennstoffen komplett weg. Ich versorge mich mit Sonnenenergie, habe Scheitholt und Pellets. Nichtsdestotrotz wird nicht jedes Zimmer geheizt. Was Mobilität betrifft: mehr Fahrrad, weniger Auto. Und wenn ich ein Auto benötige, dann möglichst mit Ökostrom. Was das Landratsamt betrifft: wir nutzen Fernwärme und bauen Photovoltaik und Biomasse aus, haben aber auch noch Öl- und Gasheizungen im Bestand, die wir nach und nach umrüsten möchten.

Und wie ist die Region gerüstet?

Lederer: Während wir rein rechnerisch mehr regenerativen Strom erzeugen als wir verbrauchen, ist es bei der Wärmeerzeugung ganz und gar nicht so. Da hängt man überwiegend an Öl und Gas und für eine Reihe von Bürgern wird die Situation schwieriger werden. In wie weit dann der Staat priorisiert, kann ich noch nicht sagen. Ganz wichtig ist, dass unsere kritische Infrastruktur weiter mit Energie versorgt wird.

„Bevölkerung unglaublich kooperativ“

Wie hat der Landkreis bislang die Ukrainekrise bewältigt?

Lederer: Ich bin froh und dankbar, dass die Bevölkerung da so unglaublich aktiv und kooperativ war und ist. So haben wir mit unseren Ehrenamtlichen, Freiwilligen und Hilfsorganisationen diese Herausforderungen gemeinsam vergleichsweise gut gemeistert. Die Zusammenarbeit zwischen Ehrenamt, Hilfsorganisationen und dem Hauptamt hat sehr gut funktioniert. Wobei ein Ende leider noch nicht in Sicht ist. Wir wissen nicht, was Putin noch alles plant.

Wie viele sind denn angekommen?

Lederer: AZR-registriert sind 2900. Wir gehen fest davon aus, dass sich diese Zahl nicht mehr bei uns aufhält, sondern dass viele weitergezogen sind, etwa zu Verwandten. Derzeit leben vermutlich gut 2.200 Ukrainer bei uns. Davon haben wir bisher gut 400 Personen in über 50 Häusern und Wohnungen untergebracht, die wir über das staatliche Programm angemietet haben. Der Rest ist privat untergekommen.

Lebt niemand mehr in Gemeinschaftsunterkünften?

Lederer: Doch, wir haben nach wie vor rund 100 Menschen in zwei Turnhallen. Und wir haben über 100 Personen in Containeranlagen untergebracht. Wir versuchen, eine Turnhalle zu leeren, da sind noch knapp 20 Menschen einquartiert, die werden wir in angemieteten Wohnungen unterbringen. Dann ist noch die Turnhalle in Prien am Chiemsee belegt. Wir bekommen nach wie vor fast täglich Neumeldungen, nicht unbedingt von Menschen, die direkt aus der Ukraine gekommen sind, sondern Flüchtlinge, die in ihrer bisherigen Privatunterkunft nicht mehr bleiben konnten und nun bei uns anklopfen. Wir merken, dass es zunehmend schwierig wird, privaten Wohnraum anzumieten. Der Markt ist ziemlich leergefegt.

„Es gibt Erfolgsmeldungen von Ukrainern“

Wie läuft es mit der Integration?

Lederer: Was durchaus funktioniert, ist der Erwerb von Deutschkenntnissen. Die kulturellen Unterschiede sind nicht so groß. Ich höre aber auch von ukrainischen Familien, die bei aller Dankbarkeit gar nicht dauerhaft bleiben wollen. Deren Ziel ist es, so schnell wie möglich wieder nach Hause zu kommen. Aber auch das hängt vom weiteren Verlauf des Krieges ab.  Es gibt aber auch Erfolgsmeldungen, von Ukrainern, die Arbeit gefunden und sich gut eingelebt haben.

Und in den Schulen und Kindergärten? Für die ist es natürlich auch eine Mehrbelastung.

Lederer: Das eine Problem sind die Räumlichkeiten. Hier werden wir sicherlich Lösungen finden. Was wir weniger in der Hand haben, ist das Thema Lehrermangel. Da sind Schulamt und die Direktoren der weiterführenden Schulen gefragt, Konzepte zu entwickeln, wie man mit den begrenzen Ressourcen bestmöglich Unterstützung leisten kann. Ähnliches gilt auch für die Kindertagesstätten. Dort gab es vorher schon Personalmangel. Und der wird nun verschärft.

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