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Trauer um Tochter und Bruder

Long-Covid und Lockdown in einem Fall der Auslöser? Wasserburgerin verliert zwei Angehörige durch Suizid

Die Wasserburgerin Sabine Oberberger trauert um zwei geliebte Menschen, die an einer Depression litten und keinen anderen Ausweg als den Freitod sahen. Sie hält ein Foto ihres Bruders, des Musikers Michael Roß, in der linken Hand. Die Todesanzeige und ein Bild ihrer jüngsten Tochter hält sie in der rechten Hand.
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Die Wasserburgerin Sabine Oberberger trauert um zwei geliebte Menschen, die an einer Depression litten und keinen anderen Ausweg als den Freitod sahen. Sie hält ein Foto ihres Bruders, des Musikers Michael Roß, in der linken Hand. Die Todesanzeige und ein Bild ihrer jüngsten Tochter hält sie in der rechten Hand.

Dieses Leid ist unvorstellbar: Sabine Oberberger (70) aus Wasserburg hat binnen weniger Jahre Tochter und Bruder durch Suizid verloren. Um anderen Menschen derartige Schicksalsschläge zu ersparen, richtet sie einen eindringlichen Appell an die Gesellschaft.

Wasserburg – Sie ist froh, dass der September vorbei ist. Der Oktober wird noch einmal ein harter Monat für Sabine Oberberger aus Wasserburg, denn am 22. Oktober hätte ihr Bruder seinen 66. Geburtstag gefeiert. Sie trauert um den Musiker Michael Roß, der nach einer Corona-Erkrankung eine Depression entwickelte und sich das Leben nahm.

Keine Luft mehr, keine Auftritte mehr

„Weil er wegen Long-Covid keine Luft mehr hatte, um seine Instrumente Flöte und Saxophon zu spielen. Weil er nicht mehr als Musiktherapeut arbeiten durfte wegen des Lockdowns. Weil er keine Auftritte mehr hatte“, sagt Oberberger. Vor drei Jahren hatte sich ihre jüngste Tochter ebenfalls selbst getötet, weil sie aufgrund einer schweren postnatalen Depression keinen anderen Ausweg sah. Deren kleiner Sohn Julian lebt beim Vater.

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An Michael Roß’ erstem Todestag, der gleichzeitig der Geburtstag Julians ist – der 13. September – ging es der 70-Jährigen „total dreckig“ – und sie fasste den Entschluss, auf das Tabuthema Depression und Suizid aufmerksam zu machen. In der Hoffnung, anderen zu helfen, ihnen eine Stimme zu geben. Und zu erzählen, wie es sich anfühlt, Hinterbliebene zu sein, welche Fragen sie quälen. Schon einmal musste sie – vor 20 Jahren, als plötzlich ihr Lebensgefährte starb – die ganze Wucht der Hilflosigkeit bewältigen.

Bei Flötentönen kommen die Tränen

In Wellen packt es sie heute, dass ihre Tochter und ihr Bruder keine Hoffnung mehr sahen. Hört sie eine Melodie, die sie an Michaels Flötenspiel erinnert, kommen sofort die Tränen. Sie blickt auf die Kindheit, die sie mit Michael hatte, Sommer auf den Almen. Da fühlt sie Dankbarkeit. „Er war ein guter Hirte, für seine Familie, Mitmenschen, Schüler, Behinderte.“ Sie zitiert aus Georg Trakls Gedicht „Rondel“, die Zeile „des Hirten sanfte Flöten starben“.

Wenn ein geliebter Mensch verstirbt, ist das schrecklich. „Wenn er sich selbst tötet und alle zurücklässt, ist das nicht auszuhalten“, sagt Sabine Oberberger. Sie glaubt, Suizid sei verhinderbar. „Man muss ein Netz um die Erkrankten flechten, darf sich nicht abwimmeln lassen, sie notfalls nicht aus den Augen lassen. Das ist meine Warnung an andere.“

Wochenbettdepression der Tochter

Ihre jüngste Tochter beendete 2018 im Alter von 37 Jahren, ein halbes Jahr nach der Geburt ihres Kindes, aufgrund einer Wochenbettdepression ihr Leben. „Die Selbstmordrate bei postnatalen Depressionen ist hoch, das wird hierzulande totgeschwiegen“, sagt Oberberger. In den USA gebe es für betroffene Frauen sehr schnell Hilfe, in Deutschland fehle in den Geburtskliniken das Bewusstsein, die Sensibilisierung, ist sie überzeugt.

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Zurück zum Bruder, Michael Roß, den sie als sehr sensibel, hilfsbereit und naturverbunden beschreibt. Er habe sich nicht in stationäre Behandlung begeben wollen, obwohl ein Facharzt ihm das dringend geraten habe. Stimmungsschwankungen seien in der Familie verankert, weiß Oberberger.

Roß war 30 Jahre lange Musiktherapeut in den Wendelstein-Werkstätten in Rosenheim, arbeitete mit Menschen mit Handicap. Er unterrichtete zudem Blasinstrumente an der Musikschule Mühldorf, spielte Konzerte von zeitgenössischer Musik bis Klassik. Corona machte sein Lebenswerk zunichte.

Fünf Wochen in Quarantäne

Im Februar 2020 erkrankte er an Covid-19, wurde von schweren Symptomen gebeutelt und musste fünf Wochen in Quarantäne. „Zunächst konnte er sich fangen und unterrichtete wieder über Skype. Plötzlich trat im Sommer eine Verschlechterung ein“, erzählt Sabine Oberberger. Ihr Bruder habe sich zurückgezogen. Er habe sich nicht mehr rausgetraut, sich nichts mehr zugetraut. Existenzängste hatten ihn in der Zange. „Er war der Flötist und Saxophonist, dem die Luft wegblieb, buchstäblich“, sagt seine Schwester.

Er habe rapide an Gewicht verloren, litt sichtbar. „Damals redete noch keiner von Long-Covid und Brain Fog“. Ihr Bruder war bei ihren Besuchen immer kürzer angebunden. Als ob er seinen Abschied vorbereitete. „Familie und Freunde versuchten, ihm Rückhalt zu geben, auch finanzielle Sicherheit. Er war gutmütig, wollte keinem zur Last fallen. Als ich ihn das letzte Mal sah, sagte er abrupt: Ich liebe dich“, erinnert sie sich. Sie konnte nichts erwidern, war wegen seines ernsten Gesichtsausdruckes perplex. So gerne würde sie ihm heute sagen: Ich dich auch. Jetzt kann sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.

Noch Geburtstag gefeiert

An Michael Roß’ Todestag, am 13. September 2020, feierte seine Familie den Geburtstag des kleinen Julian. Dafür hatte Michael keine Kraft. Abends sah er in seiner Altstadtwohnung in Wasserburg noch fern. Zwei Tage später wurde er tot in seinem Bett vorgefunden. Notarzt und Polizei wurden verständigt.

Sabine Oberberger kam gerade von einem Arzttermin zurück, als es an ihrer Tür klingelte und junge Beamte ihr die schreckliche Nachricht überbrachten. „Ich sank auf einen Stuhl und blickte in die überforderten Gesichter der jungen Polizisten. Alle leiden mit bei einem Suizid. Der Hausarzt, der den Tod feststellte, war zutiefst geschockt. Die Polizisten, die die Angehörigen verständigen müssen. Wir Hinterbliebenen“, so Oberberger. Jeder Mensch brauche eine eigene Strategie, Trauerarbeit sei so einzigartig wie der, den man verloren habe.

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Sie wünscht sich, dass die Gesellschaft ein Bewusstsein für Depressionen entwickelt. Mit „Reiß dich mal zam“ oder „Geh mal raus und mach mal Sport“ sei den Betroffenen nicht geholfen. Durch Corona sei das Thema noch schwieriger geworden. „Die Menschen verlieren ihre Empathie, schauen nur noch auf sich, andere verzweifeln an der Einsamkeit“, meint sie. „Die Zeit ist so schnelllebig, jeder hat zu funktionieren. Wer nicht mithalten kann, bleibt zurück. Aber eine Gesellschaft ist nur dann menschlich, wenn sie ihre schwächsten Glieder schützt und Menschen, denen es schlecht geht, nicht übersieht.“

Experte: „Angsterkrankungen haben weltweit durch Corona zugenommen“

Angsterkrankungen haben weltweit durch die Corona-Pandemie zugenommen und steigen weiter. Zu dieser Überzeugung gelangt Professor Dr. Peter Zwanzger, Ärztlicher Direktor am Kbo-Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg und Chefarzt der Allgemeinpsychiatrie und Psychosomatik und stützt sich dabei auf eine Studie, die in „The Lancet“ erschienen ist. „Dass die Pandemie negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit hat, daran besteht kein Zweifel mehr“, so Zwanzger. Wer vor Corona schon eine Depression hatte oder genetisch vorbelastet war, habe hier einen besonderen Risikofaktor.

Er erklärt aber auch: „Wenn jemand einen festen Suizid-Plan hat, da nützt es nichts, ihn dauernd zu überwachen. Ist man fünf Minuten nicht da, dann passiert es doch.“

Dennoch macht er Mut. Suizidgedanken seien nicht ununterbrochen bei den Betroffenen da. „Wenn man ein ,gutes Fenster‘ findet, kann man ihn überzeugen, Hilfe anzunehmen. Das erleben wir auch in der Klinik. Dann bekommen wir plötzlich Zugang zum Patienten, dann lässt er sich überzeugen, sich helfen zu lassen und es geht vorwärts“, so der Experte.

Bringt sich ein Angehöriger selbst um, plagen die Hinterbliebenen Schuldgefühle. „Das ist schlimm, davon muss man sie befreien“, sagt Zwanzger. „Keiner kann was dafür, wenn sich ein Angehöriger suizidiert.“

Zwanzger ermutigt die Angehörigen, die Betroffenen offen anzusprechen, zu versuchen, sie zu motivieren, Hilfe anzunehmen. Auch könne man Hilfestellen (Stiftung Depressionshilfe 0800/3344533, Telefonseelsorge 0800/1110111) anrufen. Oder den Hausarzt involvieren. „Weil viele zu ihm lieber gehen als zum Psychiater.“

„Die postnatale Depression ist ein noch größeres Tabuthema als die Depression an sich“, stellt Zwanzger fest. Es handle sich um eine biologische Depression infolge massiver hormoneller Schwankungen nach der Geburt. „Das sind nicht einfach nur ,Heultage’, sondern eine schlimme psychische Störung.“ Die Frauen könnten wegen der Hormonverschiebung nicht mehr gerade denken. „Ja, im gynäkologischen Umfeld fehlt da oft noch das Bewusstsein, dass man, wenn eine Frau nach der Entbindung zu sehr in ihrer Angst feststeckt, den Psychiater dazu holen sollte“, sagt er zu dem „schambesetzten Thema“. Zum Glück entwickeln sich nach Angaben von Zwanzger zwischen Psychiatrie und Gynäkologie immer mehr gute Initiativen und Kooperationen.

Eine Beratung und Selbsthilfegruppe für Angehörige gibt es bei Sekoro unter der Telefonnummer 08031/3562810

Hinweis der Redaktion: Hilfe bei existenziellen Lebenskrisen

Generell berichten wir nicht rund ums Thema Suizid, damit mögliche Nachahmer nicht ermutigt werden. Eine Berichterstattung findet nur dann statt, wenn die Umstände eine besondere Aufmerksamkeit erfahren. Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existenziellen Lebenskrise oder Depressionen leidet, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer: 0800/1110111. Hilfe bietet auch der Krisendienst Psychiatrie für München und Oberbayern unter 0180/6553000. Weitere Infos finden Sie auf der Webseite www.krisendienst-psychiatrie.de.

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