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Landwirt Karl Fischberger

Statt Kiebitz profitieren Grundstücks-Spekulanten? Altbürgermeister beklagt „übertriebenen Naturschutz“

Zwischen Reiching, Rottenhub und Taubmoos in Soyen fühlt sich der Kiebitz seit Jahren wohl, trotz der intensiven Nutzung durch die Landwirte. 2021 hat hier Karl Fischberger nach 50 Jahren als aktiver Landwirt den Hof an seinen Sohn übergeben. Aber auch als „Austragsbauer ist es ihm ein Anliegen, die Natur zu erhalten, wie sie ist.
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Zwischen Reiching, Rottenhub und Taubmoos in Soyen fühlt sich der Kiebitz seit Jahren wohl, trotz der intensiven Nutzung durch die Landwirte. 2021 hat hier Karl Fischberger nach 50 Jahren als aktiver Landwirt den Hof an seinen Sohn übergeben.

Völlig überzogen findet Soyens Altbürgermeister Karl Fischberger die Ausgleichsverfahren für den Kiebitz. Die Suche nach Ersatzflächen nehme groteske Ausmaße an. Gewinner seien nicht die Bodenbrüter, sondern Grundstückspekulanten. Was ist dran an den Vorwürfen?

Soyen/Wasserburg – Kleiner Vogel, große Wirkung: In Wasserburg bremst der bedrohte Kiebitz sogar die S-Bahn aus. Die Elektrifizierung beziehungsweise das Planfeststellungsverfahren können, so bestätigte Bürgermeister Michael Kölbl in der Bürgerversammlung in Reitmehring erneut, nicht starten – weil immer noch Ausgleichsflächen für den Bodenbrüter fehlen. Die Bahn suche hängeringend nach Grundstücken.

Profitieren vor allem Spekulanten?

Das Beispiel Wasserburg zeigt nach Meinung von Soyens Alt-Bürgermeister Karl Fischberger ein grundsätzliches Problem auf, über das er sich als Landwirt, der sich intensiv für den Kiebitz einsetze, ärgert: Übertriebener Naturschutz gefährde Projekte wie den Bahnausbau und spiele Grundstücksspekulanten in die Karten – ein Problem, das in Zeiten rarer landwirtschaftlicher Flächen nicht hinnehmbar sei.

Landwirtschaftlicher Nutzgrund ist sehr begehrt

Die DB Netz benötigt, wie berichtet, für die Elektrifizierung des Filzenexpresses neuen Lebensraum für den Kiebitz auf 45.000 Quadratmetern. „Ausgleichsflächen sind jedoch landwirtschaftlicher Nutzgrund, der aufgrund der angespannten Lage auf dem Grundstücksmarkt sehr begehrt ist und derzeit – wenn überhaupt – nur zu einem Preis von durchschnittlich 20 Euro je Quadratmeter zu erwerben ist. Soll heißen, dass für jedes Kiebitz-Paar 300.000 Euro und mit den vorzunehmenden kiebitz-freundlichen Umgestaltungen rund eine Million Euro zu kalkulieren sind. Kosten, die im Rahmen des S-Bahn-Ausbaus entweder der Steuerzahler oder später der Bahnkunde zu zahlen hat“, ärgert sich Fischberger.

Staudhamer Feld als Brutgebiet

Die Ausgleichsflächen würden grundbuchmäßig gesichert. „Aber was hat der Kiebitz davon?“, fragt der Soyener. Zum einen könnten die Ausgleichsflächen bis zu 20 Kilometer vom jetzigen Brutgebiet entfernt liegen, was jeglicher Logik widerspreche. „Wer sagt es dem Kiebitz, dass er zukünftig nicht mehr im Staudhamer Feld, sondern in Ebersberg, Schechen, Schnaitsee oder sonst wo brüten soll, wenn er aus seinem Winterquartier in Südfrankreich oder Nordafrika zurückkehrt? Auch wenn diese neuen Flächen mit kleineren feuchten Mulden, auch Seigen genannt, kiebitzgerecht umgestaltet werden sollen, wird der Vogel weiterhin dort brüten, wo er will und das wird sicherlich auch weiterhin das Staudhamer Feld sein“, ist Fischberger überzeugt.

Des Weiteren stelle sich die Frage, ob der Eingriff in die Natur einen Ausgleich mit solchen Kosten rechtfertige. „Wegen der Option eines Beobachtungspostens eines Beutetiers auf einem Fahrdraht (Oberleitung), der über einer bestehenden Gleisanlage angebracht wird und eine umweltfreundliche, also ökologisch begrüßenswerte ÖPNV-Anbindung nach München gewährleistet? Zweifellos eine Unverhältnismäßigkeit“, findet der Soyener Alt-Bürgermeister.

Kritik an Bewertung

Nach der Bayerischen Kompensationsverordnung (BayKompV) würden Eingriffe in die Natur Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen aus einem wertenden Vergleich der Natur und Landschaft vor und nach dem Eingriff erfordern. Da es sich um nicht flächenbezogen bewertbare Merkmale handele, werde der Kompensationsbedarf „verbal argumentativ“ bestimmt. Die Bewertung hänge also vom Fachwissen und der persönlichen Einstellung der Gutachter ab.

„Ausufernder Naturschutz“

Die Flächen, die sich der Kiebitz aussucht, sind hauptsächlich Maisfelder, da diese im Frühjahr während der Brutzeit am längsten offenes und für den Kiebitz weit überschaubares Brutgebiet darstellen, so Fischberger aus eigener Erfahrung. „Dank der Landwirte, die diese Flächen bewirtschaften und sich dem Schutz der von den freiwilligen Helfern aufgefundenen Nester widmen, unentgeltlich wohl bemerkt, hat der Kiebitz eine gute Chance zu überleben und sich zu vermehren.“

„Naturschutz in allen Ehren, aber übertriebener und ausufernder Naturschutz um jeden Preis, können und wollen wir uns das wirklich leisten?“ Gegen die Beutegreifer, die auf Strommasten sitzen könnten, wisse sich der Vogel seit jeher zu wehren – „, auch wenn manchmal der Bussard als Gewinner hervorgeht, aber auch das ist Natur und muss akzeptiert werden“, findet Fischberger.

Größte Gefahr sind Gassigeher

„Was grundsätzlich ein Problem und eine weitaus größere Gefahr für die Gelege und die Jungvögel darstellt, sind Spaziergänger mit freilaufenden Hunden. Hier hat der Vogel wenig Chancen und dagegen helfen weder die immer wieder aufgestellten Warnschilder noch Ausgleichsflächen.“ Die einzigen Nutznießer der „Ausgleichsflächen-Politik“ seien Grundstücks-Spekulanten. „Landwirte, die den Naturschutz wie selbstverständlich seit Generationen betreiben, werden auf absehbare Zeit auf der Strecke bleiben, weil sie sich Grundstücke nicht mehr leisten können. Wer schützt dann den Kiebitz und die Natur?“

Das sagt der Naturschutz

Margit Böhm, Leiterin des Projektes Kiebitzschutz im Landratsamt Rosenheim, antwortet auf die wichtigsten Fragen zur Problematik:

Stimmt es, dass der Landkreis im Kiebitz-Schutz sehr weit ist?

Margit Böhm: Im Landkreis Rosenheim werden die stark gefährdeten Kiebitze (Rote Listen Bayern und Deutschland Kategorie 2) seit zwölf Jahren geschützt, das ist länger als bei vielen anderen Landkreisen in Bayern. Seit 2019 gibt es das BayernNetzNatur-Projekt (BNN) „Netzwerke für den Kiebitz“, das sich über die drei Landkreise Altötting. Traunstein und Rosenheim erstreckt. Die Kosten tragen zu 75 Prozent der Bayerische Naturschutzfonds, zehn Prozent der Bezirk Oberbayern und 15 Prozent der jeweilige Landkreis. Betreut werden im Landkreis Rosenheim über 50 Gebiete mit mindestens 130 Brutpaaren, dabei wurden in der Kiebitzsaison 2021 über 168 Nester geschützt, sodass 310 Küken schlüpfen konnten, von denen 102 flügge wurden. 2021 waren die Anzahl der Kiebitze im Vergleich zu den vergangenen beiden Jahren in etwa konstant, der Schlüpf- und Bruterfolg konnte durch den Einsatz von Zäunen zum Schutz vor Fressfeinden erhöht werden. Über die Erfahrungen besteht ein intensiver Austausch mit anderen Kiebitzprojekten in Bayern und Deutschland.

Stimmt es, dass es vor allem die Landwirte sind, die sich hier engagieren?

Böhm: Ziel des BNN-Projektes „Netzwerke für den Kiebitz“ ist es unter anderem, ein Betreuer-Netzwerk aufzubauen. Im Landkreis arbeiten im Kiebitzschutz 25 ehrenamtliche Kiebitzbetreuer, die vom Bayerischen Landesamt für Umwelt ausgebildet und zu Wiesenbrüterberatern ernannt wurden. Die Ehrenamtlichen der unteren Naturschutzbehörde schützen die Kiebitze in intensivem Kontakt mit einer großen Anzahl von Landwirten und Grundeigentümern. Die Zusammenarbeit ist hervorragend.

Ist es schwer, Ausgleichsflächen zu finden, wenn Baumaßnahmen wie jene der Bahn (Elektrifizierung oder Beschrankung) geplant sind?

Böhm: Ausgleichsflächen sind schwer zu finden, da es für den Verlust von Brutflächen genaue Vorgaben für die Gestaltung und Größe der neuen Kiebitzflächen gibt und diesen Kriterien viele Gebiete nicht entsprechen (baumfrei, Abstand von Siedlungen und Straßen).

Wenn es gelingt, siedelt der Kiebitz wirklich einfach um auf diese neuen Angebotsflächen?

Böhm: Die Kiebitze sind brutortstreu, das heißt, sie kehren jedes Jahr in dasselbe Gebiet zurück. Bei einer Verschlechterung des Gebietes zum Beispiel durch Störungen oder Verkleinerung werden diese aber auch verlassen. Bei optimaler Gestaltung einer Ausgleichsfläche in der näheren Umgebung, zum Beispiel mit einer Geländemulde und ständig vorhandener Wasserfläche, werden dabei auch neue Brutflächen angenommen.

Handelt es sich bei den Ausgleichsflächen meistens um landwirtschaftlichen Grund?

Böhm : Nach dem Rückgang der r Niedermoore haben die anpassungsfähigen Steppenvögel Ackerflächen, die mit ihrem braunen Boden am ehesten noch dem ursprünglichen Lebensraum ähneln, als Sekundärbrutflächen ausgewählt. Kiebitze benötigen als Bodenbrüter eine freie Rundumsicht und halten daher mindestens 100 Meter Abstand zu Gehölzen und anderen Sichthindernissen. Ausgleichsflächen werden damit überwiegend auf landwirtschaftlichen Flächen angelegt werden, besser wäre natürlich die Renaturierung eines Niedermoores.

Gibt es hier Probleme in den Kommunen, passende Flächen zu finden?

Böhm: Die landwirtschaftlich genutzten Flächen sind begehrt, sie werden von Landwirten gepachtet beziehungsweise werden bei Aufgabe eines Betriebes meist sofort an Landwirte weiterverpachtet.

Wenn es nicht gelingt, Ausgleichsflächen zu finden, können dann Vorhaben scheitern?

Böhm : Es ist möglich den Suchradius der Ausgleichsflächen für Kiebitze bei nachgewiesener intensiver, aber erfolgloser Suche zu vergrößern.

Wer bewertet, ob die Ausgleichsfläche passt und wer legt den Wert fest?

Böhm: Die Bewertung der jeweiligen Ausgleichsfläche erfolgt durch die untere Naturschutzbehörde am Landratsamt.

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