Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Filmreifer Ausbruchsversuch

Wie beim „Graf von Monte Christo“: Häftlinge wollten sich aus der JVA Bernau in die Freiheit graben

Die Justizvollzugsanstalt Bernau. Zwei Männer mussten sich jetzt in Rosenheim vor Gericht verantworten, nachdem sie versucht hatten, dort auszubrechen.
+
Die Justizvollzugsanstalt Bernau. Zwei Männer mussten sich jetzt in Rosenheim vor Gericht verantworten, nachdem sie versucht hatten, dort auszubrechen.

Zwei Männer wollten sich aus der Justizvollzugsanstalt Bernau herausgraben, scheiterten jedoch. Jetzt mussten sie sich für diesen filmreifen Ausbruchsversuch vor dem Amtsgericht Rosenheim verantworten. Im Verfahren gab es schwere Vorwürfe gegen die JVA wegen des Umgang mit der Corona-Pandemie.

Rosenheim/Bernau – So spektakulär, wie einst Schriftsteller Alexandre Dumas seinen Protagonisten Edmond Dantes in „Der Graf von Monte Christo“ im Kerker des Chateau d´if ein Loch in die Nachbarzelle graben ließ, so gruben sich in der Nacht auf 20. März 2020 ein 41-jähriger Deutscher und ein 38-jährige Österreicher ein Loch in die Nachbarzelle in der Justizvollzugsanstalt Bernau. Allerdings benötigten sie dazu nicht, wie im Roman, Jahre. Sie schafften das mithilfe eines Buttermessers binnen drei Stunden.

Ein Ziegel war ruckzuck entfernt

Das Mauerwerk im Haus neun war spröde und ein großer Ziegel ruckzuck entfernt. Von vier Mitgefangenen wussten sie, dass diese in der Nachbarzelle ein Loch in die Außenwand gegraben hatten, das hinter einem Schrank verborgen war. Von dort im ersten Stockwerk wollten sie in den Innenhof und dann über den Außenzaun in die Freiheit gelangen.

Lesen Sie auch: 100 Corona-Fälle in der JVA Bernau - Anstaltsärzte dürfen jetzt impfen

Das Abenteuer misslang, weil der Durchbruch im Blickwinkel einer Videokamera lag. Kaum war die Abstiegshilfe aus klassisch zusammen geknoteter Bettwäsche hinabgelassen, wurde der Ausbruchsversuch den Wachhabenden gewahr. Sechs potenzielle Ausbrecher gelangten so in den Hof, aber bereits auf dem Weg zu Außenzaun wurden sie vom nächtlichen Streifendienst gestellt. Nur einer schaffte es überhaupt auf den Zaun, wo er sich am Stacheldraht übel die Hände zerschnitt, woraufhin auch er den Fluchtversuch aufgab. Vier der sechs Häftlinge wurden zwischenzeitlich in ihre Heimatländer abgeschoben. Der Österreicher wurde einstweilen entlassen und lebt in Innsbruck, der 41-Jährige befindet sich im Maßregelvollzug.

Versuchte Gefangenenmeuterei - Vorwürfe gegen JVA wegen Corona

Auch der Österreicher erschien jetzt zur Gerichtsverhandlung, bei der gegen die beiden Männer wegen versuchter Gefangenenmeuterei und Sachbeschädigung verhandelt wurde. Unverständnis zeigte der Vorsitzende Richter Hans Martin Neidhart vor allem gegenüber dem 41-Jährigen, der zum Tatzeitpunkt lediglich noch etwa drei Monate abzusitzen gehabt hätte.

Dieser reagierte mit massiven Vorwürfen gegen die Haftanstalt im Umgang mit dem Coronavirus: „Wir haben im Fernsehen die Leichenberge der Corona-Toten in Italien gesehen, aber keinerlei Informationsmöglichkeit über die Situation unserer Angehörigen gehabt. Keine Arbeitsmöglichkeit, keine Besuchsmöglichkeit, 23 Stunden nur in der Gemeinschaftszelle, wo sich die Ängste und Befürchtungen hochschaukeln.“

Niemand, auch das Wachpersonal nicht, habe eine Maske getragen. „Hinter den Gefängnismauern entstand Panik, das kann sich in Freiheit niemand vorstellen. Als wir dann von dieser Fluchtmöglichkeit hörten, haben wir uns spontan entschlossen, diese Gelegenheit zu nutzen“, gab der Angeklagte zu Protokoll. Der Österreicher berichtete: „Der einzige Test, den es in der JVA gab war, dass man uns die Hand auf die Stirn gelegt und gesagt hat: ,Kein Fieber – also gesund‘.“

18 Vorstrafen auf dem Kerbholz

Der 41-Jährige, seit 15 Jahren drogenabhängig und 18 Vorstrafen auf dem Kerbholz, war bei seiner letzten Verhandlung zu einer Langzeittherapie im Maßregelvollzug verurteilt worden. Der 38-Jährige, bei dem gar 28 Vorstrafen vermerkt waren, lebt nach eigenen Angaben in Innsbruck mit seiner Lebensgefährtin zusammen und bemühe sich um eine Anstellung einen einen straffreien Lebenswandel.

Zwei wesentliche Vorwürfe bestimmten den Strafantrag der Vertreterin der Staatsanwaltschaft. Für beide gelte, dass Straftaten in Haft ganz besonders schwer wiegen würden – auch wenn die besondere Situation die Motive verstehbar mache. Darüber hinaus seien beide aber auch derart erheblich vorgeahndet, dass besondere Milde nicht angebracht sei. So beantragte sie gegen den 41-Jährigen eine Haftstrafe von zwei Jahren zu verhängen. Darüber hinaus solle der Maßregelvollzug in der Therapieanstalt weiterhin Gültigkeit haben. Der Österreicher sei als Mittäter mit 18 Monaten Gefängnis zu bestrafen. Eine Aussetzung zur Bewährung sei in keinem Falle zu erwägen.

Die Verteidigerin des Deutschen, Rechtsanwältin Heidi Bloch, berichtete, dass sie den Angeklagten schon geraume Zeit kenne und er nun erstmals wirklich die Motivation zu einer echten Therapiemaßnahme habe. So beantragte sie, dass der Maßregelvollzug fortgeführt werde. Das Strafmaß sei mit 18 Monaten Haft ausreichend.

Verteidiger plädiert auf Bewährungsstrafe

Rechtsanwalt Torsten Hauck erklärte für seinen Mandanten, dass sich dieser seit Langem erstmals auf einem guten Weg befände und eine „wirklich positive Sozialprognose“ vorweisen könne. Dafür spräche auch, dass er zu diesem Termin freiwillig aus Innsbruck angereist sei. Ein Jahr Haft, das zur Bewährung ausgesetzt würde, sei ausreichend und angemessen. Das Gericht entsprach beim 41-Jährigen dem Antrag der Verteidigung, auch beim 38-Jährigen stimmte es dem Strafmaß zu. Allerdings sah sich Richter Neidhart nicht in der Lage, eine Bewährung auszusprechen.

Das mittlerweile Instand gesetzte Mauerwerk der Zellen ist, nach Angaben der Jusitzvollzugsansalt Bernau, mittlerweile übrigens mit einer Metallarmierung versehen worden.

Kommentare