Tüftler und Entwickler

Der heimliche Weltmeister: Peter Fortner aus Rohrdorf bewaffnet die Biathlon-Stars

Büchsenmachermeister Peter Fortner im heimischen Schießstand. „Durch mein System haben sich im Laufe der Jahre die Schießzeiten im Biathlon halbiert“, erzählt er ganz nebenbei.
+
Büchsenmachermeister Peter Fortner im heimischen Schießstand. „Durch mein System haben sich im Laufe der Jahre die Schießzeiten im Biathlon halbiert“, erzählt er ganz nebenbei.

Eine HiFi-Anlage gab den Startschuss. Während diese nach allen Regeln der Kunst inspiziert wurde, ratschte die Runde junger Männer über dies und das. Einer von ihnen war gelernter Büchsenmacher. „Dann könnest Du uns mal ein anständiges Gewehr bauen“, sagte ein Blondschopf. Herausforderung angenommen.

Rohrdorf – Der Blondschopf war Peter Angerer. Er gehörte zu den besten der Welt, sowohl im Einzel, als auch in der Staffel mit Walter Pichler, Ernst Reiter oder Stefan Höck. Und mit Schlussläufer Fritz Fischer.


Der Büchsenmacher war Peter Fortner. Er hatte bei einem Waffen- und Fernsehgeschäft in Rosenheim gelernt und war leicht frustriert, dass bestenfalls Überholungen von Jagd- oder Sportgewehren anfielen. Tüfteln und entwickeln reizte ihn mehr. „Ich war schon am Aussteigen, am Umsatteln zu HiFi-Anlagen, die damals groß aufkamen.“

Mal eben das Repetieren revolutioniert


„Unanständig“ war das Gewehr, weil beim Repetieren umständlich der Hebel hoch, hinter, wieder vor und runter bewegt werden musste. Und das auch noch mit einer Drehung. Nichts für Biathleten am Schießstand. Der eine Peter wollte vom anderen Peter wissen, was denn ein „anständiges“ Gewehr sei. Beim Repetieren hinter - vor - fertig, hieß es. „Das bekomme ich hin“, versprach Fortner.

Eine Woche später hatte Fortner den Bundestrainer am Telefon, der wissen wollte, ob das sein Ernst sei. „Schon, aber ich brauche ein Gewehr“, habe er damals gesagt, erinnert sich Fortner. Er bekam eins.

Lesen Sie auch:

Biathlon: Alle Termine für den Weltcup 2020/21

„Das habe ich dann auf vier Samstage umgebaut.“ Peter Angerer war schon auf der halbstündigen Fahrt von Hammer nach Rohrdorf, da hatte Fortner noch eine Idee. Angerer musste ein paar Minuten warten, bis er die fertige Waffe ausprobieren konnte. Sein Kommentar: „Ned dumm, gar ned dumm.“ Peter Fortner schmunzelt noch heute bei der Erinnerung.

Alle wollten seine Gewehre

Im folgenden Oktober bekam Fortner sechs Waffen, die er umbaute. „Die hat die Mannschaft auf dem Weg zum Flughafen abgeholt.“ Mit diesen ersten Vorserien-Waffen waren Angerer und seine Mannschaftskameraden im Weltcup so erfolgreich, dass die Nachfrage international stieg. Fortner, der Tüftler und Entwickler, gab den Vertrieb an die Firma Anschütz, kümmert sich seitdem ausschließlich um die Technik.

Irgendwann kommen sie alle nach Rohrdorf

Anschütz lieferte zunächst an aussichtsreiche Mannschaften, unter anderem das damalige Team der DDR. Frank-Peter Roetsch und Frank Ullrich schossen mit Gewehren vom „Klassenfeind“, gebaut in Rohrdorf. Ein paar Jahre später, die Mauer war gerade gefallen, schwappte eine Ostalgiewelle durch die Biathleten: Die Bayern schossen mit Fortner-Waffen, die Thüringer stiegen für eine Weile um auf Waffen aus dem südthüringischen Suhl. Irgendwann landeten auch sie wieder in Rohrdorf bei Fortner.

Sonderwünsche werden prompt erfüllt

Knapp 16 000 Biathlon-Waffen hat er seit Mitte der 1980er Jahre gebaut, schätzt Fortner. Im September und Oktober haben Fortner und seine Mitarbeiter alle Hände voll zu tun, geben sich die Biathlon-Stars und ihre Techniker in Rohrdorf die Klinke in die Hand. Der eine will eine besondere Farbe, die andere braucht eine Visiererhöhung, beim Dritten muss der Schaft angepasst werden. „Für die Damen haben wir auch schon passenden Ohrringerl gemacht“, lacht Fortner.

Staffelweltmeisterin Vanessa Hinz in Fortners Werkstatt, wo sich Meister Thomas Wünn um den Service der Waffe kümmert.

Der Weltstar füllt die Magazine auf

Ganz gleich wie erfolgreich, „nett sind sie eigentlich alle“, er habe noch keinen Athleten, keine Athletin erlebt, der oder die unangenehm gewesen sei. Da steht dann ein Superstar wie Martin Fourcade in Rohrdorf und drückt Patronen in Magazine, weil er beim Probeschießen im Fortnerschen Schießstand gerade nicht dran ist.

Lesen Sie auch:

Millimeterarbeit am Gewehr

Magdalena Forsberg, die überragende Biathletin des 20. Jahrhunderts, hat nach dem Karriereende den Kontakt nicht abreißen lassen, war mit ihren zwei Buben bei Fortners zu Besuch. Uschi Disl kam mit ihrer Tochter zu Peter Fortner, als die Juniorin es ihrer Mutter nachmachte und die Scheiben nicht traf.

Bei der österreichischen Biathlon-Familie Eder ist mittlerweile die dritte Generation Kunde bei Fortner. Michael Greis, ein höchst penibler Arbeiter, kam immer wieder mit Verbesserungsvorschlägen, andere – da ist Fortner diskret und nennt keine Namen – putzen ihr Gewehr nicht mal regelmäßig. „Die Läufe sind glücklicherweise beschichtet und rostfrei“ lacht Fortner.

Fortners Logenplatz bleibt meist leer

Natürlich ist Fortner ein gern gesehener Gast bei Weltcup-Rennen. Ruhpolding und meist auch Hochfilzen sind fast schon Pflichttermine. Und eigentlich hat er einen Logenplatz, direkt bei Trainern und Technikern. „Aber meist komme ich aus dem Container gar nicht raus, sehe von den Rennen fast nichts. Denn wenn die Damen laufen, kommen die Männer vorbei und haben etwas und umgedreht ist es genauso“, erzählt Fortner amüsiert.

Das stört ihn aber nur bedingt, der Biathlon-Zirkus in Ruhpolding ist ihm fast schon zu viel. Ein wenig wehmütig erzählt der 66-Jährige von den Anfängen, als Sportler, Techniker, Presse und alle anderen mittags beim Eintopf um einen Tisch herum saßen. „Heute gibt es VIP-Zelte der ersten und zweiten Kategorie...“

Jetzt kommen auch die Sportschützen

Mittlerweile kennen nicht nur die Biathleten Peter Fortners Waffenschmiede. Für die Sportschützen hat er ein Gewehr mit einem ähnlichen System gebaut. „Eine Chinesin pulverisierte damit den Weltrekord im Dreistellungskampf und schon setzte der Run ein.“

Kommentare