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In Rosenheim und anderswo

Gegen was wird noch protestiert? Corona-Mahnwachen werden zum Happening gegen „grottige Politik“

Noch immer demonstrieren die Gegner der Corona-Maßnahmen einmal die Woche wie hier im Januar.
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Noch immer demonstrieren die Gegner der Corona-Maßnahmen einmal die Woche wie hier im Januar.

Die Corona-Maßnahmen sind zum Großteil gefallen und dennoch demonstrierten am vergangenen Sonntag hunderte Menschen bei der Mahnwache in Rosenheim. Deren Charakter hat sich gewandelt, denn längst geht es nicht mehr nur um Politik und Corona.

Rosenheim – Peggy Galic spricht zunächst wenig über 3G-Regelungen oder Masken, wenn man sie fragt, warum sie noch demonstriert. Peggy Galic spricht viel lieber über „das fehlende Miteinander“: „Herr Erdogan oder Frau Riedel sprechen ja nicht mal mit mir.“

Aber ist das ein Grund, warum 400 Menschen (laut Galic) oder gar bis zu 600 Menschen (Polizeiangaben) am Sonntag in Rosenheim demonstrieren? Weil zwei Menschen nicht mit Peggy Galic, Initiatorin der Rosenheimer Mahnwache und Vorsitzende der Partei „Die Basis“, sprechen?

„Die Politik ist einfach grottig“

Man könnte meinen, die Mahnwachen hätten ausgedient. Je nach Lesart könnte man sogar meinen, sie hätten sich durchgesetzt. Kaum eine der Corona-Maßnahmen ist noch in Kraft. „Es geht ja um soviel mehr“, sagt Galic, „darum dass die Politik einfach grottig ist.“ Es sei keine Politik für die Bürger, führt sie aus. „Die machen immer Panik, dabei sollten sie uns Hoffnung machen.“

„Ich wüsste nicht, worüber ich mit Peggy Galic sprechen sollte“, erklärt Abuzar Erdogan, Fraktionsvorsitzender der SPD im Rosenheimer Stadtrat, und führt weiter aus: „Ein Dialog setzt gegenseitiges Verständnis voraus und ich habe kein Verständnis für Rechtsextremisten und Verschwörungstheoretiker.“ Immer wieder sprachen auf den Mahnwachen Rechtsextremisten und andere, die Verschwörungsmythen verbreiteten. Ähnlich sieht es in der Telegram-Gruppe aus. Und aus Erdogans Perspektive ist die mangelnde Abgrenzung sowie diesen Menschen eine Bühne zu bieten ein Ausschlusskriterium für einen Dialog.

Auch Barbara Riedel sieht keine Grundlage für ein Gespräch. Sie engagiert sich bei der Initiative „Rückenwind Gesundheitspersonal“, die sich unter anderem eben gegen die Mahnwachen einsetzt. „Das die immer noch demonstrieren, macht mir große Sorgen“, erzählt sie. Viel ist im letzten Jahr über die Spaltung der Gesellschaft geredet worden und diese 500 Demonstranten wirken so als wären sie eben das: Die Spaltung. „Ich weiß nicht“, versucht sich Riedel an einer Erklärung, „aber vielleicht ist da auch ein Gemeinschaftsgefühl entstanden.“

Das würde Peggy Galic wohl sofort unterschreiben. „Wir wollen einfach zusammen gehen, zusammen etwas tun“, sagt sie und erzählt von der Mahnwache als einer Art des gesellschaftlichen Treffens. Wie der sonntägliche Kirchgang oder ein Dorffest ohne kommerzielle Stände.

Abi für den Abschlussball

„Die Freude am Leben fehlt“, sagt sie und spricht über junge Menschen. Die, die Abitur gemacht haben in den Pandemie Jahren, die angefangen haben zu studieren und denen Abipartys und studentisches Leben in Bibliotheken, Kneipen und Cafés geraubt worden sind. „Warum machen denn Kinder Abitur?“, fragt sie rhetorisch, um dann zu antworten, dass sie „einen geilen Abschlussball haben wollen.“ Ähnlich sind laut Galic die Motive fürs Studium: Kneipen, Miteinander sein, studentisches Leben genießen.

Und genau das ist Ihnen geraubt worden in den vergangenen zwei Jahren. Aber jetzt? Jetzt geht doch wieder alles und dann geht es laut Peggy Galic wieder um viel mehr: „Es geht um mehr Licht“, sagt sie dann und es wirkt so, als würde sie den Satz bereuen. Denn in die Esoterik-Ecke will sie ja überhaupt nicht. „Ich bin ja eher in der Realisten-Ecke.“

Irgendwann wird Galic etwas konkreter: „In den Schulen gibt es immer noch Masken“, erzählt sie. Damit konfrontiert, dass es seit dem 3. April keine Maskenpflicht mehr in Schulen und Kindergärten gibt, erklärt sie, es gäbe in bestimmten Bereichen noch Maskenpflicht. Welche wisse sie nicht, sie höre das nur immer wieder von verzweifelten Eltern. Diese würden ob Grund der Situation in Deutschland sogar auswandern wollen. In andere Länder, die freier sein.

Kraft aus den Begegnungen

Auch die einrichtungsbezogene Impfpflicht sei ein großes Thema bei den Demonstrationen, erklärt sie. Dass diese in Bayern bisher nicht umgesetzt wird, streitet sie ab. Sie wisse das, schließlich sei sie ja selbst im Gesundheitssektor tätig. Dass es noch längst nicht so weit ist, dass irgendjemand nicht mehr arbeiten dürfe oder Strafen bekäme, spielt für Galic keine Rolle: „Ich unterstütze die Menschen im Gesundheitswesen.“ Darüber kann Barbara Riedel nur den Kopf schütteln. Sie hat genau gegenteilige Erfahrungen gemacht.

Galic wird wohl noch eine Weile demonstrieren gehen. Sie schöpfe Kraft aus den Begegnungen für anstehende Aufgaben – für die Mahnwache, für ihre Partei und für die knapp ein Dutzend Verfahren wegen Ordnungswidrigkeiten, die gegen sie laufen. „Wir gehen so lange, bis es wieder so ist, wie es sich gehört“, sagt sie.

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