Eine Perspektive für unbegleitete Minderjährige

"Jugendhilfe - egal ob schwarz oder weiß"

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Astrid Langenegger und Hans Mitterer, die Geschäftsführer von "junge arbeit" in Rosenheim
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Rosenheim - Die aktuelle Flüchtlingsproblematik beansprucht alle Strukturen im Landkreis stark. Welche praktischen Lösungsansätze jetzt für die Jugendlichen Abhilfe schaffen könnten:

Hans Mitterer ist Geschäftsführer von "junge arbeit". Seit zehn Jahren kümmert er sich in seiner Einrichtung im Südosten von Rosenheim unter anderem darum, Jugendlichen mit einer Behinderung oder einer Lernschwäche für eine Ausbildung und die Anschließende Vermittlung fit zu machen. Im Zuge des aktuellen Flüchtlingsstroms kommt "junge arbeit Rosenheim" nun auch mit minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlingen (umF) in Kontakt. Die Jugendhilfeeinrichtung kümmert sich dabei um das sogenannte "Clearing"-Verfahren, die Überprüfung und das Feststellen der Kriterien, ob ein Asylantrag oder ein Antrag auf subsidiären Schutz gestellt werden muss. Das Verfahren in dem der Gesundheitszustand festgestellt und der Jugendliche nach verschiedenen Kriterien eingestuft wird, geht Hans Mitterer jedoch nicht weit genug.

"Jugendhilfe, egal ob schwarz oder weiß"

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"Wer A sagt, muss auch B sagen", erklärt der Geschäftsführer im Gespräch mit rosenheim24.de. Auf der einen Seite gelte für die minderjährigen Flüchtlinge derselbe Grundsatz, der auch für deutsche Jugendliche gelte. "Wenn ein Minderjähriger von der Polizei aufgegriffen wird, muss er untergebracht werden, das ist Gesetz," so Mitterer, egal ob er Deutscher ist, oder aus einem anderen Land kommt. Dabei finde dann in den meisten Fällen eine Inobhutnahme statt, um eine drohende Obdachlosigkeit zu verhindern. "Deutsche Jugendliche kommen dann in unsere Programme, wo sie auf eine Ausbildung vorbereitet werden," erklärt Mitterer das weitere Vorgehen. Ein Prozess, den unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge aufgrund ihres Status nicht in Anspruch nehmen können. Nach dem Clearingverfahren, das ungefähr drei Monate in Anspruch nimmt, werden die Jugendlichen dann in anderen Einrichtungen, wie zum Beispiel Kinderheimen untergebracht.

Ein Umstand, den Mitterer nicht nachvollziehen kann. "Die Kinderheime in der Region leisten hervorragende Arbeit für schwer erziehbare Kinder," schickt er seiner nächsten Bemerkung voraus. Die Flüchtlinge hätten aber schlicht kein Erziehungsproblem, so der Geschäftsführer. "Ganz im Gegenteil. Die jungen Leute sind top motiviert, zeigen Respekt und Pflichtbewusstsein!" Ein Umstand, der bei der Unterbringung in einem Kinderheim eher zu einer Rückentwicklung der Flüchtlinge führe, so Mitterer. Von Seiten der Gesetzgebung seien die Weichen in dieser Richtung jedoch noch nicht gestellt, Änderungen seien zwar auf dem Weg, so Mitterer, doch auch in der momentanen Übergangszeit könne so noch nicht zielorientiert gearbeitet werden.

Fit für den Job

In der Werkstatt erlernen die Jugendlichen den Umgang mit verschiedenen Werkzeugen. Praxis und Theorie aus einer Hand.

"Wir gehen davon aus, dass ein Großteil der unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge auch langfristig bei uns bleibt," erklärt Astrid Langenegger, ebenfalls Geschäftsführerin der "jungen arbeit" in Rosenheim. Ein Modell zur weiteren Betreuung und Förderung der Jugendlichen haben sich die beiden Leiter der Jugendhilfeeinrichtung auch bereits zurechtgelegt. In einem Zeitraum von einem bis zwei Jahren, je nach Bedarf, sollen die Flüchtlinge entsprechend dem Modell für deutsche Jugendliche auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden. "Die Vorkenntnisse der Jugendlichen sind dabei sehr unterschiedlich," erklärt Astrid Langenegger. So bewegen sich Einige auf dem Niveau von Gymnasiasten, beherrschen komplexe Rechenarten, andere müssen in Deutschland erst lernen, zu lesen und zu schreiben. Das Erlernen der deutschen Sprache bildet dabei für alle die Grundlage.

"Viel wichtiger ist es, sie auch an das Leben in Deutschland heranzuführen", ergänzt Hans Mitterer bei einer Begehung der Unterrichtsräume und der Werkstatt im Gewerbegebiet Ost in Rosenheim. In einem Klassenzimmer lernen die Jugendlichen aus Somalia, Eritrea und Afghanistan die grundlegenden Verhaltensweisen und Gepflogenheiten kennen. "Die grundlegendsten Dinge, wie zum Beispiel der Besuch auf der Toilette, der Straßenverkehr, ein Zebrastreifen, Einkaufen im Supermarkt - das alles müssen diese jungen Menschen erst lernen," erklärt Mitterer weiter. Dabei sei er regelmäßig erstaunt, welche riesigen Fortschritte und Sprünge im Kenntnisstand die Jugendlichen in nur wenigen Wochen leisten würden. Kaum vorzustellen, was sie dann in einem längeren Zeitraum lernen könnten, so der Geschäftsführer.

Deutschland und seine Kultur kennenlernen

Weiter geht die Tour durch die Räumlichkeiten von "junge arbeit" in die angrenzende Werkstatt. "Hier werden sie an die Praxis herangeführt," erklärt Astrid Langenegger. Zusammen mit den deutschen Jugendlichen sägen, schneiden, bohren und malen die Flüchtlinge in verschiedenen Projekten an unterschiedlichen Werkstücken. Neben dem Kennenlernen von Bezeichnungen und Werkzeugen, stelle sich hier meist sehr schnell heraus, auf welchen Gebieten Talente bei dem ein oder anderen vorhanden sind, so Mitterer. Informationen, die wiederum in die Clearing-Dokumentation einfließen.

"Es gibt zwei große Bereiche auf dem Arbeitsmarkt, in denen auf jeden Fall auch in Deutschland nach wie vor Bedarf herrscht", so Mitterer weiter. Sowohl in technischen Berufen - in Lagern und in der Produktion - als auch im Pflegesektor kämpften die Arbeitgeber aktuell mit der Situation, dass nicht genug Jugendliche eine Ausbildung machen wollten. Für diese Bereiche seien die unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge nach einer entsprechenden Vorbereitungsphase durchgängig absolut geeignet.

Zu Problemen untereinander oder auch beispielsweise in Bezug auf die Rolle der Frau in der europäischen Gesellschaft im Vergleich zum Islam, komme es nur in ganz seltenen Fällen. "Deutschland ist anders, und das wissen sie auch," erklärt Astrid Langenegger. In den meisten Fällen ruhe die gesammelte Hoffnung der Familienangehörigen auf den Schultern der Jugendlichen, die ja nur mit dem einen Ziel nach Europa kämen: " Um zu arbeiten. Und dann dürfen sie nicht," so Mitterer. "Das Boot ist voll? Das ist sicher nicht der Fall."

Quelle: rosenheim24.de

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