Gewaltvideos an Rosenheimer Schulen

Ohne Grund verprügelt und dabei gefilmt

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Für einen Schnappschuß verprügelt: Gewaltvideos in Rosenheim
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Rosenheim - Eine kleine Menschentraube drängt sich um zwei schlagende Jugendliche, Anfeuerungsrufe werden laut. Dass einer der Beiden auf dem Boden liegt, interessiert nicht.

Kerstin H. ist 32 Jahre alt und die Mutter von Pascal. Ihr Sohn geht in Rosenheim zur Schule und fährt in seiner Freizeit gerne mit dem Skateboard. Doch seit geraumer Zeit, geht der 14-Jährige nur noch ganz ungern vor die Haustür. "Ich habe eine massive Wesensveränderung bei meinem Sohn festgestellt, oft reagiert er sehr patzig mir gegenüber," berichtet Kerstin. Dass diese Verhaltensänderung nichts mit der Pubertät ihres Sohnes zu tun hat, davon ist die Mutter überzeugt.

Auf offener Straße verprügelt und gefilmt 

Der Auslöser für das Verhalten des jungen Erwachsenen liegt bereits einige Monate zurück. Im November vergangenen Jahres, wurde Pascal auf der Straße von einem ihm bis dahin unbekannten 16-Jährigen angesprochen. "Was schaust denn so blöd", soll der vermeintliche Angreifer zu ihm gesagt haben, bevor er auch schon mit Fäusten auf ihn eingeschlagen hat. Pascal war zu diesem Zeitpunkt so überrascht, berichtet seine Mutter, dass er sich nur noch gegen die Schläge und Tritte wehren konnte, indem er sich auf dem Boden liegend zusammengerollt hat. "Doch selbst dann hat der Andere nicht aufgehört", ergänzt Kerstin H. "Während Pascal den Angriff über sich ergehen ließ, feuerten die knapp 15 Zuschauer den Schläger sogar noch an und machten Handyvideo von dem Treiben". Die Aufnahmen sollen die Freunde des Schläger dann in ihrem Bekanntenkreis per "facebook" und "WhatsApp" weiter verbreitet haben.

Die Verletzungen, die Pascal von dem Angriff davongetragen hat, waren, zumindest äußerlich, nicht besonders groß. Neben einer offenen Lippe und ein paar Schürfwunden, wiegen die psychologischen Folgen für die Mutter viel schwerer. "Seitdem die Sache im Januar bekannt wurde, trifft sich mein Sohn einmal die Woche mit einer Sozialpädagogin um das Erlebnis aufzuarbeiten," weiß Kerstin H. Dass es überhaupt solange gedauert hat, bis die Tat öffentlich wurde, führt die Mutter auf teilweise massive Drohungen zurück. "Besonders im Schulbus waren die Worte deutlich." Erst als ihr Sohn in der Schule schlechtere Noten kassierte und sich nicht mehr richtig nach Draußen traute, merkte die Mutter, dass irgendetwas nicht in Ordnung war.

Ausgleichsgespräche und Wiedergutmachung

"In erster Linie versuchen wir den Täter und das Opfer zusammenzubringen und im Gespräch die Folgen einer solchen Tat bewusst zu machen," erklärt Michael Hannover, der fachliche Leiter des Vereins "Pro Arbeit" in Rosenheim. Eine seiner Mitarbeiterinnen kümmert sich seit dem Zwischenfall um Pascal. In wöchentlichen Gesprächen versucht die Sozialpädogogin dem jungen Opfer Tipps an die Hand zu geben, wie er sich wieder frei und ohne Angst bewegen kann. "Ein Ausgleichsgespräch muss immer von beiden Seiten freiwillig erfolgen, nur so macht es einen Sinn", erklärt Hannover. Sollte dieses Gespräch nicht zustande kommen, wird versucht, den Täter im Einzelgespräch zu entmachten und dem Opfer zu verdeutlichen, dass der Angreifer mittlerweile "enttarnt" wurde. Er sei schließlich bei der Polizei bekannt und "schlichtweg dumm, eine solche Tat zu wiederholen", zumal er mit mehr als 14 Jahren sowieso schon strafmündig sei. Weiter werde den Opfern auch geraten, sich zumindest in der Übergangszeit, viel mit Freunden in der Öffentlichkeit zu bewegen.

Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft

Die Mutter hat den Vorfall mittlerweile bei der Polizei in Rosenheim angezeigt. Wie die Pressestelle des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd bestätigte, wurden die betreffenden Unterlagen bereits an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, die nun weitere Ermittlungen durchführt. Die Handyvideos seien bei den Ermittlungen sehr hilfreich, um bei der Täterbestimmung konkrete Aussagen treffen zu können, so ein Sprecher der Polizei. Eine Straftat in Form einer Urheberrechtsverletzung könne erst dann in Betracht gezogen werden, wenn die Aufnahmen auch wirklich der breiten Öffentlichkeit nachweislich zugänglich gemacht wurden. Auch eine Bewertung, ob es sich bei diesem Fall um Körperverletzung handele, könne nur durch die zuständige Staatsanwaltschaft erfolgen. Aussagen, ob es sich bei der Tat um einen Einzelfall handelte oder ob der Täter mehrere Opfer in Rosenheim verprügelte und dabei filmen ließ, konnte die Polizei in Rosenheim nicht treffen.

Weitere Opfer in Rosenheim?

Kerstin H. war nach Bekanntwerden des Vorfalls dermaßen in Rage, dass sie selbst den jugendlichen Schläger mit seiner Tat konfrontiert hat. "Ich habe mich damals als Mutter eines seiner Opfer vorgestellt", erinnert sich die 32-Jährige, als sie ihn zur Rede gestellt hat. Der Jugendliche wollte wissen, wessen Mutter sie sei und zählte daraufhin eine "lange Liste" an Namen auf, unter denen sich auch der ihres Sohnes befunden habe. Von einer Einsicht oder Reue soll an dieser Stelle jedoch keine Spur gewesen sein.

Noch erschreckender empfindet Kerstin H. jedoch die Tatsache, dass zum Tatzeitpunkt, "um die Mittagszeit, am helllichten Tag", keiner der Anwohner oder Fußgänger die Polizei verständigt habe.

Quelle: rosenheim24.de

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