Japan-Katastrophe heizt Diskussionen an

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Fukushima ist Tausende Kilometer von Rosenheim entfernt - andere Kernkraftwerke nicht. Vor allem die Standorte Isar I bei Landshut und Temelin in Tschechien (kleines Bild) - nur 80 beziehungsweise 225 Kilometer von der Innstadt gelegen - stehen in der Kritik.

Rosenheim/Traunstein -Die Reaktorkatastrophe von Fukushima heizt die Diskussionen um die Kernkraft an, nachdem sich zuletzt mehrere Stadt- und Gemeinderäte gegen eine Laufzeitverlängerung von Isar I ausgesprochen haben.

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Mit großer Betroffenheit und Sorge blicken auch die fast 500.000 Menschen im Raum Rosenheim/Traunstein seit Tagen nach Japan. Gerade in Rosenheim ist die Bestürzung groß. Dort pflegt man seit Jahren enge Kontakte mit der Partnerstadt Ichikawa. Gleichzeitig heizt die Reaktorkatastrophe von Fukushima die Diskussionen um die Kernkraft an, nachdem sich zuletzt mehrere Stadt- und Gemeinderäte gegen eine Laufzeitverlängerung von Isar I ausgesprochen haben. Viele Menschen erinnern sich auch an den Mai 1986, als die Strahlenwerte nach dem Super-GAU von Tschernobyl in der Region in die Höhe schossen.

Sonderseiten zur Katastrophe in Japan:

Naoto Ishii, Fußballer in den Reihen des Sportbund DJK Rosenheim, fällt es in diesen Tagen schwer, sich aufs Kicken zu konzentrieren. Seine Gedanken sind daheim - bei den Angehörigen und Freunden in Tokio. "Der Kontakt ist teilweise abgerissen. Das ist sehr beunruhigend", sagt er.

Die Tragödie Japans lässt auch die heimische Sportwelt mit Bestürzung innehalten. Gespenstisch still war es am Sonntagnachmittag im Rosenheimer Eisstadion, als sich beim Finale um die deutsche Nachwuchs-Meisterschaft zwischen den Starbulls und Landshut fast 3000 Zuschauer von ihren Plätzen erhoben, um schweigend der Opfer zu gedenken.

Atom-Mahnwache in Traunstein:

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Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer bot Rosenheims Partnerstadt Ichikawa Hilfe an. Die 500.000-Einwohner-Stadt nahe Tokio blieb zwar von Zerstörungen verschont, die Folgen der Dreifach-Katastrophe - Erdbeben, Tsunami, Reaktor-Explosionen - treffen aber auch Ichikawa mit voller Wucht. Bei einer möglichen Hilfsaktion will sich Rosenheim mit anderen Partnerstädten zusammenschließen. Der erste Japan-Wirtschaftstag, der am 24. März in Rosenheim stattfinden sollte, wird um ein Jahr verschoben. Stattdessen wird im Hochhaus der Sparkasse Rosenheim-Bad Aibling vermutlich eine humanitäre Aktion gestartet.

Anti-Atom-Kundgebung in Rosenheim:

Anti-Atom-Kundgebung in Rosenheim

Die Sorgen um ihr Land, das sich seit dem Mega-Erdbeben im Ausnahmezustand befindet, ließen sich junge Studenten aus Japan, seit Samstag zu Gast in Amerang, bei einem Rundgang durch den Ort nicht anmerken. Ihre Heimat im Südwesten Japans liegt über 1000 Kilometer vom Zentrum der Zerstörung entfernt.

Schon vor Fukushima: Lokalpolitik kritisiert Isar I und Temelin

Über das Thema Kernkraft hatten heimische Kommunalpolitiker bereits vor Fukushima heftig debattiert. So sprachen sich mehrere Stadt- und Gemeinderäte - unter anderem in Traunstein, Prien, Bernau, Grassau und Rimsting - trotz einer CSU-Mehrheit im jeweiligen Gremium gegen die schwarz-gelbe Atompolitik aus und forderten in Resolutionen, die Laufzeitverlängerung für das Kernkraftwerk Isar I in Niederbayern zurückzunehmen.

Fukushima: Das AKW, vor dem die Welt zittert:

Fukushima: Das AKW, vor dem die Welt zittert

Mahnwache in Rosenheim: Rund 100 Menschen zeigten gestern Abend auf dem Max-Josefs-Platz ihre Anteilnahme.

"Das Kernkraftwerk Isar I/Ohu wurde 1977 beziehungsweise 1979 in Betrieb genommen; es gehört damit zu den ältesten und bauartbedingt zu den unsichersten Atomkraftwerken Deutschlands", heißt es beispielsweise in der Resolution, die der Rimstinger Rat mit nur einer Gegenstimme absegnete. Mit einer Entfernung von 82 Kilometern Luftlinie liege Rimsting "im engeren Gefahrenbereich dieses Atomkraftwerks, ein möglicher Unfall würde in ganz erheblichem Maße unsere Bürger betreffen", heißt es weiter.

In Rosenheim hatte der Hauptausschuss im Oktober 2010 einen ähnlichen Antrag mit 6:5 Stimmen zwar abgelehnt, die Stadt richtete aber eine Resolution an Kanzlerin Angela Merkel mit der Forderung, bei der Prüfung von Isar I höchste Sicherheitsstandards anzulegen. OB Bauer damals: "Ich verstehe jeden, der sich vor dem Hintergrund der Laufzeitverlängerung älterer Kernkraftwerke Sorgen macht, zumal Rosenheim nur 85 Kilometer vom Standort Isar I in Ohu entfernt liegt." Noch stärkeres Verständnis habe sie für die Sorgen wegen des Baus zweier Reaktorblöcke im rund 220 Kilometer entfernten Temelin mit bisher nicht im Betrieb erprobten Reaktorbaulinien. Gegen das Atomkraftwerk im südböhmischen Temelin, das die Landesregierung von Oberösterreich als "Krisenreaktor" bezeichnet, regt sich im kernkraftwerkfreien Österreich (siehe Grafik) schon seit Jahren massiver Widerstand.

Rosenheim wäre ein Aufnahme-Landkreis

In Bayern wäre bei einem möglichen Reaktor-Störfall zunächst nicht der Landkreis Rosenheim, sondern das Innenministerium am Zug - im Unterschied zu lokalen Katastrophen wie etwa bei einem Hochwasser oder Flugzeugabsturz. Der Notfallplan würde dann in Zusammenarbeit mit den Katastrophenschutzbehörden in der Region umgesetzt.

Bei einer Evakuierung der Bevölkerung im Umkreis von Ohu wäre Rosenheim ein sogenannter Aufnahme-Landkreis für unmittelbar Betroffene aus Niederbayern. Jodtabletten, wie sie jetzt in Japan verteilt wurden, könnten auch hier schnell zum Einsatz kommen. Sie würden aus einem Zentrallager herbeigeschafft und über Apotheken verteilt werden, teilte das Landratsamt Rosenheim gestern auf Anfrage unserer Zeitung mit.

1986: Rosenheimer hamsterten Tabletten

Die Gedanken sind in der Heimat: SBR-Fußballer Naoto Ishii.

In Sachen Jodtabletten werden sich ältere Apotheker noch gut an den Mai 1986 erinnern. Nach dem Super-GAU von Tschernobyl war die Verunsicherung bei den Menschen in der Region groß. "Offenbar in Scharen haben verängstigte Mitbürger nach dem Reaktorunfall die Apotheken gestürmt und Jodtabletten gehamstert, um gegen erhöhte radioaktive Strahlung gewappnet zu sein", berichtete unsere Zeitung am 2. Mai 1986.

Heute unvorstellbar: Am 2. Mai vor 25 Jahren, also eine Woche nach dem Unglück in der Ukraine, war noch völlig unklar, wie verstrahlt die Region Rosenheim wirklich war - auch weil das Umweltministerium den in Rosenheim stationierten und mit den besten Messgeräten ausgestatteten ABC-Zug zurückgepfiffen hatte. Tage später maßen die Feuerwehrler im ABC-Zug dann auf eigene Faust: In und um Rosenheim stellten sie am Boden die 25-fache Dosis des normalen Strahlenwerts fest.

Kein Frischfutter mehr für die Kühe, Trockenmilch für Säuglinge, die Kinder runter von den Wiesen und raus aus den Sandkästen, hieß es danach. Und auf den Märkten blieben die Händler auf ihrem Frischgemüse sitzen.

Wer die quälenden Wochen der Ungewissheit nach Tschernobyl erlebt hat, der kann nachfühlen, wie groß die Angst in Japan jetzt sein muss - und fühlt mit den Betroffenen.

Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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