"Zeit ist hier oben keine Zeit"

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Zurück vom dreistündigen Marsch: Rupert Rothmayer vor der Alm. Jetzt heißt es Abschied nehmen.

Hochries - Rupert Rothmayer, ehemaliger Banker, legte eine im wahrsten Sinne steile Karriere hin: Seinen Schreibtisch tauschte er gegen die Riesen-Almen - und bereut nichts.

Einen halben Tag, in der Regel die erste Hälfte, braucht Rupert Rothmayer für das Vieh. Danach ist er gerne für die Besucher da. Am Ende ist er auch nicht traurig und unterbeschäftigt, wenn er wieder alleine ist. Rothmayer war heuer erstmals Almerer auf den Riesen-Almen zwischen Riesenhütte und Hochriesgipfel. Der vormalige Banker von Söllhuben schaut mit großer Dankbarkeit auf seinen ersten Almsommer zurück.

Nur noch ein paar Tage, dann ist Heimkehr, denn laut Almbrief sollen die Tiere spätestens am Michaelitag - 29. September - wieder zurück ins Tal. Bei der Ankunft auf seiner kleinen Alm sieht man gleich, wo sich der Almerer gerade aufhält. Ein rundes Brett an der Tür zeigt an, ob er da, auf der Weide, im Wald, im Tal oder beim Nachbarn ist. Und wenn er da ist, dann geht er nach der Begrüßung zu allererst in den wieder hergerichteten Erdkeller, der sommers wie winters die gleiche Temperatur hat. Von dort bringt er wohltemperierte Getränke, um sich besser mit dem Gast unterhalten zu können - ein festes Almritual.

Die Almhütte gibt es gemäß der ersten urkundlichen Erwähnung seit 1460. Sechs Almrechtler, die eine Almgemeinschaft bilden und einen Vorstand haben, haben verschiedene Auftriebsrechte, früher waren es auf den Riesen-Almen über 20 Almrechtler. Diese wurden heuer von sieben Bauern genutzt, die 81 Stück Jungvieh (keine Kühe) auf die Weiden mit insgesamt 178 Hektar Grund nach oben brachten. Auf dieses Vieh muss der Almerer aufpassen, dazu Weiden und Zäune instand halten.

Sommer auf der Alm

Dahoam, im Wald oder beim Vieh: Der "Brettl-Kompass" zeigt an, wo der Almerer steckt.

Rothmayer braucht nicht zu melken und damit auch nicht käsen und buttern. Täglich drei Stunden Gehzeit sind für die Strecke Riesenberg, Hochries und Spielberg erforderlich, um das Vieh zu zählen und den Bestand in sein Büchlein einzutragen. Auf dem Weg traf er einmal einen Auerhahn, der sich direkt vor ihm erhob, er sah Gemsen, Adler, Rüttelfalken, Birkhühner, Schneehasen oder Murmeltiere. Einmal ließ sich ein Stück Jungvieh nicht mehr blicken. Tagelang war Rothmayer in Sorge. Erst als sich Almleute von den Hochries-Seitenalmen meldeten und sagten, dass ein Stück Vieh zu viel ist, gab es Erleichterung.

Allerdings hatte sich das entlaufene Rind an die neue Herde so gewöhnt, dass es nicht mehr zum Heimgehen zu gewinnen war. "Über den Fall müssen sich die zwei Bauern einigen", so Rothmayer, der noch acht weitere "ausgebüxte" Tiere wieder ausfindig machen und zurückholen musste. Aber von einem Unglück - ein Absturz oder Blitzschlag - blieb "sein" Vieh verschont. Zudem sorgte das abwechslungsreiche Wetter für gutes Wachstum und damit für ausreichend Weidenahrung.

Zum Schreiben keine Zeit: Das Almtagebuch blieb leer.

"Zeit ist hier heroben keine Zeit. Aufgrund fehlender Einflüsse von draußen bleibt das Gesprochene besser im Gedächtnis", philosophiert der Almerer und zeigt sein Almbuch her, das er ausfüllen wollte, wenn er gerade Zeit hat. Doch selbst die erste Seite ist noch leer - trotz eines ereignisreichen Almsommers. "Es war zu keiner Zeit langweilig", sagt Rothmayer, der auch daheim mit seiner Frau, seinen vier Kindern und den Aufgaben als Trachtler bei den "Hochlandlern" Söllhuben und beim Gauverband I keine unausgefüllte Zeit kennt.

Aber es gab auch Dinge, die ihn ärgerten. Zum Beispiel die Rettungsübung mit Bundeswehr-Hubschraubern auf den Riesen-Almen. Der Lärm hat das Vieh versprengt und verängstigt. "Die Übungen könnte man doch auch machen, wenn kein Weidevieh auf den Almen ist", sagt der Almerer. Ein weiteres Ärgernis waren Mountainbiker, die ihre Räder an der Viehtränke abstellten und befestigten, sodass das Vieh nicht mehr zum Wasser konnte. Rothmayer: "Diese Leute denken nur an sich, genauso wie Hundebesitzer, die ihre Hunde im Trinkwasser für Tiere baden lassen."

Wehmütig schaut er auf den Kalender. Nur noch ein paar Tage, dann ist der Abtrieb. Zuvor treffen sich die Almbauern noch einmal miteinander auf der Alm, um Abschied zu nehmen, seine Kinder werden dabei Volksmusik spielen.

Ob Rupert Rothmayer an seinen ersten Almsommer noch einen zweiten dranhängt? Das wird er mit der Familie, mit den Almbauern und mit seiner Bank bereden, für die er nach seiner Pensionierung noch nebenbei tätig ist. Zweimal im Monat ging er ins Tal und dort zur Bank, um den Aufgaben nachzukommen. Gute Vorsätze für den Almsommer 2013? Da würde dem Ex-Banker schon etwas einfallen. Zum Beispiel mehr lesen oder Anleitungen für das Erlernen des Zitherspielens studieren. Aber dafür hat er ja keine Zeit.

Anton Hötzelsperger

Quelle: rosenheim24.de

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