Nürnberg prüft Heroin-Ausgabe

Nürnberg - Heroin für Drogensüchtige: Nürnberg prüft die kontrollierte Abgabe des Stoffes. Erreicht werden sollen damit uneinsichtige Abhängige.

Nach rund achtjähriger Erfahrung in München könnte demnächst auch in Nürnberg unter strenger ärztlicher Kontrolle Heroin an Schwerstabhängige ausgegeben werden. Ärzte und Drogenberater wollten damit vor allem jene Heroinsüchtigen erreichen, die sich einer Behandlung mit sogenannten Ersatzdrogen verweigerten, erläuterte der Nürnberger Suchtmediziner Wolf-Dietrich Braunwarth, am Mittwoch anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Substitutionsambulanz am Klinikum Nürnberg. “Viele Drogentote könnten mit einem solchen Programm vermieden werden“, betonte er.

Ärzte und Drogenexperten ermittelten derzeit, wie viele Heroinabhängige für ein solches Programm infrage kommen, berichtete der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Wegen der hohen Investitionen und dem großen Personalbedarf seien dafür mindestens 50 Patienten erforderlich. Ihnen werde dreimal täglich unter ärztlicher Aufsicht das sogenannte Diamorphin, ein synthetisch hergestelltes Heroin, verabreicht. Zugleich erhielten diese Heroinabhängigen weitere Hilfs- und Ausstiegsangebote, die ihnen andernfalls verwehrt blieben, betonte Braunwarth.

“Wir sind im Moment noch sehr skeptisch, ob es in Nürnberg 50 Heroinabhängige gibt, die die strengen gesetzlichen Voraussetzungen für ein solches Programm erfüllen“, sagte der Suchtmediziner. So müssten die Bewerber zwei Therapieversuche absolviert haben und mindestens ein halbes Jahr lang an einem Ersatzdrogen-Programm teilgenommen haben. Ein Problem sei auch, dass die kontrollierte Heroinabgabe mit Kosten von 18 000 Euro pro Patient und Jahr dreimal so teuer sei wie das Methadon-Programm.

Mit dem Heroinersatz Diamorphin werden seit 2002 in sieben Großstädten Abhängige versorgt, bei denen andere Therapien wie eine Methadon-Behandlung nicht erfolgreich waren. Die finanzielle Förderung durch den Bund war Ende Februar 2008 ausgelaufen, eine weitere Unterstützung scheiterte am Widerstand der Union. Danach waren die Programme zunächst weiter gelaufen.

Fest etabliert hat sich dagegen inzwischen die kontrollierte Abgabe von Ersatzdrogen, wie Methadon, L-Polamidon und Buprenorphin. Allein in Bayern böten derzeit 230 Ärzte oder Kliniken die sogenannte Drogensubstitution an, berichtete Suchtmediziner Braunwarth. Allerdings sinke die Zahl der dafür speziell ausgebildeten Ärzte. “Das Ganze ist so bürokratisch und für den Arzt rechtlich so riskant, dass schon viel Idealismus dazu gehört“, sagte Braunwarth. Er bedauerte zudem, dass es auf dem flachen Land in Sachen Substitutionsambulanz noch viele weiße Flecken gebe. Betroffene aus den dortigen Regionen müssten daher täglich nach Nürnberg oder Ansbach pendeln.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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