Hassobjekt Kombi-Klasse

Arzbach - Täglich sortiert der selbstständige Unternehmensberater im idyllischen Arzbach südlich von Bad Tölz eingehende Unterschriftenlisten. Oft sind Begleitschreiben dabei, die ein grelles Licht werfen auf den Schulalltag in Bayern.

Eltern aus Regensburg beglückwünschen ihn zu seinem Mut, gegen „die desaströsen Zustände” etwas zu unternehmen. Aus dem Allgäu kommt ein Bericht über eine mit Dritt- und Viertklässlern bestückte Kombi-Klasse mit 30 Schülern - pädagogisch sinnvoll sind allenfalls 20. Aus Mittelfranken berichten ihm Eltern über eine Realschule, die für 600 Schüler gebaut ist - aber von 930 Schülern besucht wird.

Und Eltern aus Oberfranken haben einen Hilferuf abgeschickt, weil die aus Erst- und Zweitklässlern zusammengesetzte Kombiklasse 29 Schüler hat - „die Lehrerin kämpft sich durch, ist nervlich angespannt und inzwischen sind leider viele Bedenken der Eltern eingetreten”.

Nicht weniger als 31 100 Unterschriften hat Orterer mittlerweile gesammelt. Er hat Verbündete aus kleinen Orten im Tölzer Land - Gaißach, Wackersberg oder Königsdorf, wo sich die Grundschulen nahe an der Existenzkrise befinden. Unterstützung durch den heimischen Gesamt-Elternbeirat Bad Tölz-Wolfratshausen blieb freilich aus - er wird von der Frau eines CSU-Kreisrats geleitet. Trotzdem werden es täglich mehr Unterschriften, die Zielmarke von 50 000 wird wohl bald erreicht sein. Per E-Mail waren über 1200 Schulen angeschrieben und um Mithilfe bei der Aktion „Mehr Lehrer für Bayerns Schulen” gebeten worden. Ein Termin bei Ministerpräsident Edmund Stoiber ist schon angefragt. Er soll die Unterschriftenstapel erhalten. Mit irgendeinem Ministerialdirigenten will sich Orterer, Vater zweier Söhne, nicht abspeisen lassen.

Orterer ist gewiss kein Quertreiber. Er stammt aus der Jachenau, ging dort Ende der 1960er Jahre zur Schule. „Da gab‘s noch regelmäßig Schläge.” Mit dem heutigen bayerischen Schulsystem kann er leben, nur die Anforderungen für die ABC-Schützen findet er zu hoch. Ruhig, fast bedächtig, formuliert er Sätze wie: „Ich glaube, dass an der Grundschule viele ins Hintertreffen geraten”, und er spricht vom „Grundschul-Abitur”, an dem die Schüler zu scheitern drohten. Seine Forderungen sind klar: Die Klassen-Obergrenzen müssten in allen Schularten stark gesenkt werden. Ob Grundschule oder Gymnasium, höchstens 25 Schüler dürften in einer Klasse sitzen.

Ein Blick ins Nachbarland zeige, dass dies keine utopischen Forderungen seien, sagt Orterer. In Niederösterreich, der Steiermark und in Vorarlberg gebe es Klassenobergrenzen.

Dass in den bayerischen Grundschulen ein Klassendurchschnitt von 23,27 existiert, bestreitet Orterer nicht. Die Durchschnittsgröße sei eine abstrakte Zahl, die ihm nicht wichtig sei. Es gehe aber darum, je Landkreis einige zusätzliche Lehrkräfte anzustellen, um die Fusion angeblich zu klein geratener Klassen zu verhindern.

Besonders diese Kombi-Klassen bringen ihn in Rage. Er nennt sie die „von den Eltern am meisten gehasste Unterrichtsform”. Hier billige das Kultusministerium „Sparmodelle”, bei denen wöchentlich lediglich fünf Stunden nach Erst- und Zweitklässlern getrennter Unterricht stattfinde. Verbindlich waren einst zehn Stunden.

Und der Kampf geht weiter: Für das kommende Jahr wird an der Grundschule Wackersberg erstmals eine Kombi-Klasse verordnet trotz energischen Protests vieler Eltern. Die überlegen jetzt, einen Lehrer selbst zu finanzieren - notfalls aus Österreich.

Dir Walter/mm

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

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