Betreuungsstreit in Rosenheim

"Zählt der eigene Wille im Alter gar nichts mehr?"

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Rosenheim – Jahrelang kümmerte sich ein Ehepaar aus dem Stadtgebiet um das Wohlergehen einer schwer dementen Nachbarin. Dann wurde ihnen die Betreuung entzogen, der Nachbarin alles weggenommen!

Lisa (Name von der Redaktion geändert) wohnt schon ihr ganzes Leben lang in Rosenheim. Nach dem Tod ihrer Eltern vor knapp 30 Jahren lebte die heute 80-jährige Dame alleine in einer Doppelhaushälfte. Lisas Vater spielte zu Lebzeiten mit dem bekannten, österreichischen Dirigenten Herbert von Karajan. Zumindest was ihre finanzielle Sicherheit betraf, musste sie sich lange Zeit keine Sorgen machen. Dann aber erkrankte Lisa schwer...

Betreuung einer Unbekannten in der Nachbarschaft

"Vor sieben Jahren haben wir Lisa kennengelernt, kurz nachdem wir neben ihr eingezogen sind", berichten die beiden Nachbarn Natalie und Paul (Namen von der Redaktion geändert). Sie beschreiben die alte Dame als "schwierigen Menschen". Sie sei trotz ihres Alters "recht fit", soziales Verhalten zeige sie hingegen nur bedingt. "Trotzdem hat Lisa Paul von Beginn an in ihr Herz geschlossen, er war für sie wie ein Vater- und Partner-Ersatz zugleich", erklärt Natalie. So habe es nicht lange gedauert, bis sich ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis zwischen den beiden Parteien entwickelt hatte. Sogar einen Haustürschlüssel habe die Rentnerin ihrem Nachbarn für Notfälle anvertraut.

"Noch im ersten Winter haben wir dann zum ersten Mal ihr Haus betreten", erinnert sich das Ehepaar. "Wir hatten sie eine Zeit lang nicht gesehen und haben uns Sorgen gemacht", erklärt Natalie. Nachdem sie die Wohnungstür ihrer Nachbarin geöffnet hatten, habe die beiden ein surrealer Anblick erwartet. "Es sah fast aus wie ein Warenlager, überall standen Kisten und Tüten mit irgendwelchen Sachen, wir sind kaum durchgekommen", erinnert sich Natalie: "Über 100 leere Getränketräger, dutzende Kisten mit identischen Wörterbüchern, mehrere absolut gleiche Leitern, Werkzeuge in verschiedenen Ausführungen, unzählige Kleidungsstücke und Besteck-Sets, Pelze, Schmuck und noch vieles mehr, alles fein säuberlich verpackt, gestapelt und gelagert." Zwischen den Stapeln seien nur noch wenige, schmale Gänge frei gewesen. "Wir haben Lisa dann gefunden, sie war fast verhungert und verdurstet", berichtet Paul: "Wir haben Lisa sofort ins Krankenhaus gebracht."

"Sie gehört mittlerweile zur Familie. Sie war einverstanden, dass ich ihre Pflege übernehme, sonst hatte sie niemanden, keine Familie, keine Angehörigen", erklärt Paul. Noch während ihrem Aufenthalt im Krankenhaus habe die alte Dame dann eine Vorsorgevollmacht unterschrieben, nachdem der Sozialdienst des Krankenhauses Paul und Natalie vorgeschlagen habe die Vollmacht zu übernehmen. Obwohl wegen dieser Vollmacht die Einschaltung des Betreuungsgerichts gar nicht erforderlich gewesen sei, habe sich Paul an die Stelle gewandt, um nichts falsch zu machen. Nach dem Einverständnis der zuständigen Behörden und Gerichte habe er dann schließlich die volle Betreuung inklusive der Vermögensverwaltung übernommen.

"In vier Jahren haben wir alles mitgemacht. Lisa gehörte einfach zur Familie", lacht Natalie. Auch im Haus der alten Dame soll es schrittweise zu Verbesserungen gekommen sein. "Es war wirklich schwierig, bis sie einsah, dass wir Platz schaffen müssen. Doch als sie es verstanden hatte, konnten wir ganz langsam und kontinuierlich Fortschritte machen und die wertlosen Sachen entsorgen", erklärt das Ehepaar. Trotzdem habe man besonders in dieser Zeit immer wieder viel über die Nachbarin selbst und auch für den Umgang mit ihr dazugelernt. Lisa sei dabei in alle Entscheidungen miteinbezogen worden, weshalb auch ein Großteil ihrer gesammelten Waren sowie teurere Erinnerungsstücke weiterhin im Haus aufbewahrt wurden. "Lisa wollte sich von den Gegenständen nicht trennen", so Natalie und Paul.

Vormittags übernahm der Pflegedienst die Betreuung, zum Mittagessen ging Lisa ins nahegelegene Altenheim, nachmittags, zum Abendessen und an den Wochenende sollen sich Natalie und Paul gekümmert haben, auch die verordnete Medikamentengabe wurde stets eingehalten.

Höhere Pflegekosten nach verheerender Diagnose

"Eines Tages klagte Lisa dann über schwere Atemnot. Wir haben sie direkt wieder ins Krankenhaus gebracht", erinnert sich Paul. Die Spezialisten auf der Inneren Station hätten eine Herzinsuffizienz, Rhythmus-Störungen und ein Aneurysma am Herzen von Lisa festgestellt. Eine Verlegung und damit einhergehende Operation durch einen Chirurgen in Vogtareuth sei empfohlen worden, der Chirurg in der Spezialklinik soll den Eingriff wegen der schweren Skoliose-Erkrankung von Lisa jedoch nicht befürwortet haben. "Wir haben ihr alles erklärt, sie traute sich aber nicht, die Operation durchführen zu lassen", erklärt Natalie. Deshalb habe man sich gegen den Eingriff ausgesprochen.

Eine Entscheidung, die jedoch eine noch intensivere Betreuung mit ständiger Aufsicht nötig gemacht habe, erklärt das Ehepaar. Lisa sei deshalb werktags ins nahegelegene Altenheim gekommen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten habe sich Lisa dort ganz gut eingelebt. Der gestiegene Aufwand habe aber die Kosten binnen kürzester Zeit so groß werden lassen, dass die Rente der alten Dame nicht mehr zur Deckung ausgereicht habe, erklärt Paul. Rund 3.000 Euro pro Monat sollen zu diesem Zeitpunkt für Pflegestufe 1 fällig gewesen sein.

Kosten decken, aber wie?

Der Verkauf von Lisas Haus schien unausweichlich, um die Kosten für die Pflege langfristig decken zu können, erklärt Paul. "Wir wollten ihr das Haus aber auf jeden Fall erhalten", schildert er seinen damaligen Zwiespalt weiter. "Das Betreuungsgericht hat uns dann empfohlen, das Haus doch selbst zu kaufen", berichtet Natalie. Man sei zu dem Schluss gekommen, dass man so der alten Dame einen möglichst angenehmen Lebensabend ermöglichen könnte, indem man ihr den Nießbrauch im Elternhaus bis zu ihrem Lebensende zusichert.

Dem Ehepaar sei dann durch das Gericht mitgeteilt worden, dass hier einige Regularien zu beachten seien, um den Verkauf des Hauses gesetzeskonform abwickeln zu können. Zunächst müsse zur Ermittlung des Wertes ein Gutachten durch einen öffentlich vereidigten und bestellten Sachverständigen erstellt werden, dann könnten Natalie und Paul das Haus zu diesem Wert erwerben. Anschließend müsse der Kauf noch durch einen Ergänzungsbetreuer bearbeitet werden, erinnern sich Natalie und Paul. Sie hätten daher auf eigene Kosten ein entsprechendes Wertgutachten erstellen lassen. Als Ergänzungsbetreuerin wurde eine Rosenheimer Anwältin vom Amtsgericht eingesetzt. "Wir haben dann mehrfach versucht mit der Rechtsanwältin in Kontakt zu treten", erklärt Natalie, leider ohne Erfolg.

Zweifelhaftes Gutachten? Betreuerwechsel!

Kurze Zeit habe das Ehepaar die Antwort der Anwältin wie ein Hammer getroffen: Sie hätte das Gutachten über den Wert des Hauses angezweifelt, sei sich sogar sicher, dass sie auf dem angespannten Rosenheimer Wohnungsmarkt einen besseren Preis für die Immobilie erzielen könne. Anschließend sei ein Schreiben vom Betreuungsgericht gefolgt. Darin habe es unter anderem geheißen, dass es bei einer Überprüfung zu Unstimmigkeiten bei den Abrechnungen und Quittungen gekommen sei. Zudem habe das Gericht bemängelt, dass weitere, unnötige Kosten für Strom, Wasser, Zeitung und auch den Fernsehanschluss im Haus der alten Dame zu verhindern gewesen wären.

Die Rosenheimer Rechtsanwältin habe daraufhin beantragt, einen Betreuerwechsel aufgrund von Eigeninteresse durch Natalie und Paul zu vollziehen. Nach einem Gespräch mit der betreuten Lisa selbst habe das Gericht dann schließlich Paul die Betreuung für Vermögensangelegenheiten entzogen. "Ich kann mir das nicht erklären. Was haben wir bloß falsch gemacht?", fragt sich Natalie zu Tränen gerührt im Gespräch mit rosenheim24.de. "Wir wollten Lisa heimholen, dahin, wo sie 80 Jahre ihres Lebens gewohnt hat - in ihr eigenes Haus", ergänzt Paul. Die beiden können die Vorwürfe, die ihnen gemacht werden, nicht nachvollziehen. Man habe Lisa an den Wochenenden und auch abends unter der Woche ja wieder aus dem Altersheim geholt, um sie zu Hause, in ihrem Elternhaus zu pflegen. "Welchen Sinn macht es dann, alles abzuschalten und abzubestellen", fragt Paul fassungslos.

Räumung und Verkauf des Elternhauses

Nachdem die Rosenheimer Anwältin das Ehepaar dann sehr kurzfristig dazu aufgefordert habe, die Schlüssel zu Lisas Haus zu übergeben, sei dann alles sehr schnell gegangen, erinnert sich die beiden. Bereits zwei Tage später hätten sie am späten Abend dann Licht in Lisas Haus bemerkt. Während der Herbstfest-Zeit hätten zwei Männer in Lederhosen damit begonnen, das Haus der alten Dame auszuräumen und die Sachen in ihre privaten Autos zu verladen. Sie seien von der Rosenheimer Anwältin beauftragt, den Verkauf des Hauses vorzubereiten, so die angebliche Auskunft gegenüber Paul. "Das war wie ein Stich ins Herz", berichtet Natalie, "Lisa hatte nicht einmal mehr die Zeit, sich von ihrem Haus zu verabschieden und für sie wichtige, persönliche Dinge zu retten. Auch uns wurde der Zutritt damals verweigert"

Insgesamt knapp sechs Wochen lang sollen die Räumer damit beschäftigt gewesen sein, das Haus komplett zu entleeren. Der Großteil soll dabei in Plastiksäcken verschnürt weggebracht worden sein. Der Großteil der Möbel soll zerhackt und arglos aus dem Fenster geworfen worden sein. Ein Umstand, den Paul mit großer Skepsis beobachtet habe. So schätze er den Wert der sich ehemals im Haus befindlichen Gegenstände auf rund 100.000 Euro.

Eine Schätzung, die die Ergänzungsbetreuerin nicht bestätigen kann. "Für eine komplette Aufstellung des Inventars ist der Erstbetreuer zuständig. Er ist dieser Verpflichtung auch nachgekommen. Derzeit wird geprüft, was aus dem Haushalt noch verwertbar ist", erklärt die Rosenheimer Anwältin auf Nachfrage von rosenheim24.de. Konkrete Angaben zum Fall könne die Ergänzungsbetreuerin aufgrund ihrer anwaltlichen Schweigepflicht gegenüber der Betreuten jedoch nicht tätigen.

Sie gab jedoch an, "alle Details mit dem zuständigen Gericht abgestimmt" zu haben. Ob das Haus mittlerweile verkauft wurde, wollte die Anwältin nicht beantworten. Das Ehepaar soll aber auf jeden Fall über die Ausschreibung informiert gewesen sein.

Schwere Vorwürfe oder doch Routine?

"Das Haus steht seit dem 23. Oktober leer, zwei Tage später war es zum ersten und einzigen Mal inseriert", berichtet Natalie. Als man sich kurze Zeit später erkundigt habe, habe man die Auskunft erhalten, dass das Haus bereits verkauft sei. Paul und Natalie soll dabei keine Gelegenheit gegeben worden sein, das Haus sogar zu einem höheren Preis als im Gutachten angegeben, zu erwerben. Es werde ihnen vielmehr unterstellt, zum Nachteil der Interessen von Lisa gehandelt zu haben, erklärt Rechtsanwältin Andrea Ducka aus München, die der Familie in diesem Fall zur Seite steht. "Man muss kein großer Psychologe sein, um zu erkennen, dass eine Verwertung, wie sie hier stattgefunden hat, Auswirkungen auf den Zustand der Betreuten gehabt hat."

Obwohl die Betroffene an Demenz erkrankt sei, könne davon ausgegangen werden, dass sie die Veränderungen in ihrem ehemals häuslichen Umfeld trotzdem spüre. Ein Handeln im Sinne der Menschenwürde sei damit nicht gegeben. Auch wenn das Erhalten eines zweiten Wohnsitzes auf den ersten Blick wirtschaftlich nicht vernünftig erscheine, könne es in Hinblick auf den stark angeschlagenen Gesundheitszustand eben schon sinnvoll sein, so Andrea Ducka weiter. Denn bei einer angemessenen Betreuung müsse es soweit schon möglich sein, den Wünschen der Betreuten Rechnung zu tragen. Für die Betreute ergebe sich aus diesem Vorgang, der mit "brachialer Gewalt" vonstatten ging, ein sehr großer Verlust, so die Rechtsanwältin: "Schonend war das für die Betreute sicher nicht, in Hinblick auf ihre medizinische Vorgeschichte schlicht auch nicht sinnvoll."

Weiter bemängelt die Münchner Rechtsanwältin die fehlende Transparenz beim vermeintlichen Verkauf des Hauses: "Wir wissen es einfach nicht. Wir können nicht sagen, ob das Haus bereits verkauft wurde." Eine Möglichkeit für Natalie und Paul das Grundstück selbst zu erwerben, habe nicht bestanden, man müsse davon ausgehen, dass die Abwicklung bereits vollzogen wurde, so Ducka.

"Eine Ohrfeige für alle Betreuer"

In ihrer Argumentation stellt die Münchner Rechtsanwältin Ducka im Gespräch mit rosenheim24.de immer wieder den Willen der Betreuten in den Mittelpunkt, der ihrer Meinung nach im Fall von Natalie, Paul und Lisa vollkommen ausgeklammert wurde. Das Ehepaar habe stets nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, aber aus Unwissenheit einfach auch kleine Fehler gemacht. Dass nun auch noch gegen die beiden vorgegangen werde, komme einer "Ohrfeige für alle, die Personen im Umfeld oder der Nachbarshaft betreuen" gleich. Primäres Ziel müsse nun sein, den Ruf der Familie wieder herzustellen und aufzuzeigen, dass ein Eigeninteresse von Seiten des Ehepaars niemals gegeben war.

Nach all dem Aufwand und der Kleinarbeit, die Natalie und Paul neben ihrem privaten Vermögen in das Wohlergehen ihrer Nachbarin über Jahre hinweg investiert hätten, dürfe es nicht sein, dass die Wünsche der Person, um die es eigentlich geht, nicht berücksichtigt werden, so Ducka: "Warum nehme ich einer alten Frau alles weg? Zählt denn der eigene Wille gar nichts mehr im Alter? Muss ein Mensch denn nicht zu seinem besten Wohl betreut werden?" Fragen, die sich Natalie und Paul seither jeden Tag stellen...

Entscheidung des Landgerichts steht noch aus

In einem Aktenprozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit entscheidet das Landgericht in Traunstein aktuell noch, wie es mit der Betreuung der an Demenz erkrankten Lisa weitergehen soll. Nach einer Beschwerde der betreuten, alten Dame selbst gegen den Entzug der Betreuungsvollmacht ihres Nachbarn hatte das Amtsgericht den Fall an das zuständige Landgericht in Traunstein abgegeben. Wann es dort zu einem Urteil kommt, ist noch völlig offen.

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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