Wlan ist Infrastruktur

Flüchtlingshilfe Isen: Ohne Internet sind Asylsuchende von der Bildung abgeschnitten

Büffeln für die Berufsschule: Ridwan B. ist froh, im Büro der Flüchtlingshilfe dafür die Möglichkeit zu haben.
+
Büffeln für die Berufsschule: Ridwan B. ist froh, im Büro der Flüchtlingshilfe dafür die Möglichkeit zu haben.

Die Flüchtlingshilfe Isen bietet in ihrem Büro Ruhe und einen Internetanschluss für virtuellen Unterricht. Ein besonderer Service, denn noch immer gibt es in bayerischen Flüchtlingsunterkünften in der Regel kein Wlan.

Von Anne Huber

Isen – Nach Isen können auch während des Corona-Lockdowns geflüchtete Menschen, Auszubildende und Schüler kommen, um im Gebäude an der Münchner Straße am Online-Unterricht der Berufsschule teilzunehmen oder mit Ehrenamtlichen zu lernen.

Keine Wohnung auf dem freien Markt

Ohne die Möglichkeit, „im Büro“, wie Ehrenamtliche und geflüchtete Menschen die beiden Räume nennen, zu lernen, wäre Ridwan B. vom Unterricht der Staatlichen Berufsschule in Altötting abgeschnitten. Der 24-Jährige, der seit Herbst bei einem Isener Bauunternehmen das Maurerhandwerk lernt, lebt als sogenannter Fehlbeleger in einer Asylunterkunft.

„Fehlbeleger“, das bedeutet, dass er zwar als Flüchtling anerkannt ist, aber weiterhin in einer Gemeinschaftsunterkunft leben darf, weil er keine Wohnung auf dem freien Markt findet.

Das könnte Sie auch interessieren: 15 junge Flüchtlinge aus Eritrea in Winden bei Haag: Die Geschichte einer geglückten Integration (Plus-Artikel)

Zwar dürfen laut einer Bekanntmachung des Innenministeriums seit Kurzem Asylunterkünfte Wlan-Anschlüsse erhalten. In B.s Unterkunft gibt es jedoch noch kein schnelles Internet für alle. Der Blockunterricht, den er jetzt online erhält, ist aber ohne Internetanschluss und Endgerät nicht möglich.

Ungestört lernen bei der Flüchtlingshilfe

Auch Alidad E., der Feinwerkmechaniker werden will, ist auf die Räume der Flüchtlingshilfe angewiesen. Hier herrscht die nötige Ruhe, um ungestört lernen zu können. „In der Gemeinschaftsunterkunft ist in den Zimmern oft kein Platz für einen Schreibtisch, im Grunde wird alles auf dem Bett erledigt“, beschreibt Stefanie Prauser, Sprecherin der Isener Flüchtlingshelfer, die Situation. „Außerdem wohnen in den Zimmern immer mehr Leute, da kommt es natürlich vor, dass der Online-Unterricht durch Mitbewohner gestört wird.“

Doch das Büro bietet nicht nur Raum und Ruhe für den Distanzunterricht. Vier Ehrenamtliche lernen auch während des Lockdowns mit vier jungen Männern, die entweder eine Ausbildung machen oder wegen ihres Alters der Berufsschulpflicht unterliegen.

Hilfe für Schüler musste angepasst werden

Für erwachsene Asylbewerber und Flüchtlinge ist ohnehin Eins-zu-Eins-Nachhilfe obligatorisch. Doch die Hilfe für Schüler musste nach den neuesten Beschränkungen grundlegend angepasst werden. Während des ersten Lockdowns konnte noch mit mehreren Schülern gleichzeitig gelernt werden. Inzwischen darf nur ein Ehrenamtlicher mit einem Schüler Arbeitsblätter der Schule bearbeiten. „Wir sind momentan in der Lage, dass die Erst- und Zweitklässer vier Mal wöchentlich für je eine Stunde zu uns kommen können. Mehr ist personell nicht möglich“, heißt es bei der Flüchtlingshilfe.

Lesen Sie auch: Sea-Watch wartet mit 455 Geretteten an Bord auf Ziel-Hafen

„Für die Notbetreuung, die die Schulen anbieten, kommen unsere Kinder ja leider nicht in Frage.“

Auch interessant: Jugendhilfe in Attl beendet ambulantes Betreuungsangebot für junge Geflüchtete erfolgreich (Plus-Artikel OVB-Online)

Voraussetzung für Einzelnachhilfe sei ein strenges Hygienekonzept. „Die Kinder waschen sich gleich die Hände und tragen Masken.“ Wichtigste Voraussetzung, um Auszubildende und Schüler unterstützen zu können, sind allerdings die Räume an der Münchner Straße. „In der Beziehung sind wir wirklich gut dran“, sagen die Helfer. Seit 2016 können sie die Räume nutzen, für die die Gemeinde Miete und Betriebskosten bezahlt.

Vor Corona fanden im „Büro“ neben Nachhilfe und den wöchentlichen Sprechstunden auch Feste und lockere Treffen statt. Gemeinsam wurden Filme angeschaut oder gefrühstückt. Als abzusehen war, dass weniger geflüchtete Menschen nach Deutschland kommen, verkleinerte sich die Flüchtlingshilfe von vier auf zwei Zimmer: Ende 2018 hat der gemeindliche Jugendtreff die vorderen Räume bezogen.

Es fehlt an guter Ausstattung

Auch wenn die räumliche Situation als privilegiert empfunden wird, gibt es einige Probleme. Neuwertige Laptops würden gebraucht – maximal zwei bis drei Jahre alt. „Sonst haben wir Probleme mit den Schulen und müssen Geld für die Ertüchtigung aufwenden.“ Diese Laptops würde Prauser gern für Computerkurse nutzen. „Auch nach der Zeit des Online-Unterrichts brauchen die Schüler Möglichkeiten, ihre IT-Kompetenzen zu stärken. Vor allem könnten wir dadurch auch Zugang zu Deutschkursen bieten, die ja für Nichtanerkannte im Landkreis Erding nicht mehr angeboten werden.“ Deswegen würden auch Kursleiter für Office, MS Teams oder Zoom gesucht. Auch Büromaterial würde gebraucht.

Weitere Artikel und Nachrichten aus der Region Wasserburg finden Sie hier.

Helfer gesucht:

Stefanie Prauser, Sprecherin der Flüchtlingsunterkunft, beklagt die personelle Situation: „Wir sind momentan nur noch ein paar Leute, die aktiv mitarbeiten“, sagt sie. Neben Unterstützung unter anderem bei Ausbildung, Bewerbungen, Kommunikation mit Behörden und Wohnungssuche sei man noch immer mit Fahrdiensten beschäftigt, gehe mit den geflüchteten Menschen zum Arzt oder unterstütze sie im Asylverfahren. Denn neben den Menschen, die in Gemeinschaftsunterkünften wohnen, gibt es mehrere Flüchtlingsfamilien, die in eigenen Wohnungen leben. „Wir suchen dringend Leute, die ehrenamtlich mitarbeiten wollen“, sagt Prauser. Wer bei der Flüchtlingshilfe Isen mitmachen will, kann sich unter Telefon 08124/ 910771 oder per E-Mail an info@fluechtlingshilfe-isen.de melden.

Aktuelles Interview:

Bislang war es den Bewohnern in den Gemeinschaftsunterkünften verboten, Wlan auf eigene Kosten zu installieren, inzwischen hat es das Bayerische Innenministerium erlaubt. Wir wollten von Bettina Riep, eine der Vorsitzenden von „Unser Veto Bayern“ in Isen, einem Zusammenschluss ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer, wissen, was sie von der Regelung hält.

-

Sind Sie zufrieden mit der Regelung oder gibt es Kritikpunkte?

Bettina Riep: Leider ist das Schreiben des Innenministeriums nicht eindeutig, wir hatten uns mehr erhofft. Schon der erste Absatz ist verheerend: „Grundsätzlich können und müssen die Bewohner sich selbst um den Anschluss von kabelgebundenen Internetanschlüssen kümmern oder auf Alternativen … zurückgreifen“. Wir hätten uns gewünscht, das die Verwaltungen der Unterkünfte verpflichtet worden wären, dort Internetanschlüsse zu stellen, egal ob in einer Mietwohnung oder einem Container.

Was meinen Sie mit „nicht eindeutig“?

Riep:Bisher ist das nur eine Absichtserklärung der Staatsregierung. Zudem erwartet das Innenministerium, dass der Abschluss der Internetverträge über Dritte oder die Bewohner selbst erfolgt.

Was spricht dagegen, dass die Bewohner selbst die Verträge abschließen?

Riep: Über die Bewohner macht das keinen Sinn, da diese nicht dauerhaft in den Unterkünften leben. Als Dritte sind Personen vor Ort genannt: Einzelpersonen aus Helferkreisen, Kirchengemeinden, Kommune, Bildungsträger. Diese müssen sich vorab die Genehmigung der Unterkunftsverwaltung einholen.

Warum brauchen die Menschen in den Gemeinschaftsunterkünften Wlan? Genügen nicht private Handyverträge?

Riep: Private Handyverträge sind im Vergleich mit einem Provider sehr kostspielig – gerade jetzt, wo alle Schulen auf Online-Unterricht umgestiegen sind und viele Daten heruntergeladen werden müssen. Kabelgebundene Anschlüsse könnten mit einer Full-Service-Pauschale von fünf bis sieben Euro gut finanziert werden. Ich bin zudem der Meinung, dass Internet wie Waschmaschine oder Kühlschrank zum Leben gehört. Ich frage mich wirklich: Warum gehört Internet nicht zur Standardausstattung jeder Unterkunft?

Die Flüchtlingshilfe Isen ist eine der Organisationen, die Asylbewerbern und Flüchtlingen ermöglicht, Internet in ihren Räumen zu nutzen. Sollte das Schule machen?

Riep:Ich finde das vorbildlich. So können die Schüler am Online-Unterricht teilnehmen, ohne den sie den Anschluss vollständig verlieren würden. Positiv ist auch, dass in den Räumen der Flüchtlingshilfe mehr Ruhe herrscht als in den beengten Unterkünften, und der Lernerfolg damit besser ist. Aber das kann nicht den Internetzugang in den Unterkünften ersetzen. Die Umstände der Unterbringung dürfen die weltweite Vernetzung nicht verhindern – das ist diskriminierend.

Kommentare