Ex-Polizeichef entschuldigt sich

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Beweisfoto: Das mutmaßliche Opfer des Rosenheimer Ex-Polizeichefs zeigt seine Verletzungen nach dem angeblichen Angriff auf dem Herbstfest

Rosenheim - Kein Brief, kein Telefonat: 14 Monate lang herrschte eisiges Schweigen zwischen mutmaßlichem Täter und Opfer. Kurz vor Beginn des Gerichtsprozesses änderte sich das nun.  

Kein Brief, kein Telefongespräch und schon gar keine zweite Begegnung: 14 Monate lang herrschte eisiges Schweigen zwischen mutmaßlichem Täter und Opfer. Kurz vor Beginn des Strafgerichtsprozesses gegen den suspendierten Leiter der Polizeiinspektion Rosenheim hat sich der Angeklagte nun aber bei dem Schüler entschuldigt, dem der Polizist auf der Wiesnwache beim Herbstfest schwere Gesichtsverletzungen zugefügt haben soll.

Ab Montag muss sich der Polizeidirektor - seinen Beamtenstatus hat er nach wie vor inne - wegen Körperverletzung im Amt vor dem Landgericht Traunstein verantworten. Weitere Prozesstermine sind der 20., 27. und 29. November. Beginn ist jeweils um 9 Uhr.

Wer die öffentliche Hauptverhandlung im Gerichtssaal mitverfolgen will, muss früh aufstehen. 140 Sitzplätze gibt es im Schwurgerichtssaal, 50 sind allein für die Medienberichterstatter reserviert, die aus ganz Deutschland anreisen. Aufgrund des großen Interesses könnte sich - ähnlich wie beim Rosenheimer Prozess um den umstrittenen Polizeieinsatz in Pfaffenhofen - am Einlass eine lange Schlange bilden. Wer zu spät kommt, muss draußen bleiben.

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Die Traunsteiner Staatsanwaltschaft wird in der Verhandlung versuchen, dem 51-jährigen Polizisten mehrere Körperverletzungen nachzuweisen: Schon beim Abführen auf dem Freigelände soll er dem mit Handschellen gefesselten Schüler (15) am 3. September 2011 (der zweiten Wiesn-Samstag) fünf Tritte mit dem Knie und zwei Ohrfeigen verpasst haben, obwohl der 15-Jährige keinen erkennbaren Widerstand leistete. Auf der Wiesn-Wache packte der Polizeichef den Buben dann laut Anklage am Kragen und schlug seinen Kopf mindestens zweimal gegen die Wand. Dabei floss nicht nur viel Blut, auch Zähne gingen zu Bruch. Wie berichtet, stützen sich die Vorwürfe nicht nur auf Zeugenaussagen, sondern auch auf die rechtsmedizinische Bewertung der Verletzungs- und Spurenbilder.

Weil der Polizeichef die Verletzungen in seiner eigenen Strafanzeige gegen den Schüler mit einem unglücklichen Sturz erklärt hatte und sich während des Ermittlungsverfahrens nicht zu den Anschuldigungen äußerte, kam es im Vorfeld des Prozesses nicht zum Täter-Opfer-Ausgleich - ein Instrument, das beim Streit um Ansprüche eine außergerichtliche Einigung zwischen den Parteien ermöglichen soll.

Jetzt erreichte den inzwischen 16-jährigen Schüler doch noch ein vom Ex-Polizeichef unterzeichneter Entschuldigungsbrief - allerdings mit einer aus Sicht der Mutter des Schülers und dessen Rechtsanwalt Werner Tröger, Rosenheim, nur halbherzigen Entschuldigung. Denn der Angeklagte bleibt in dem Schreiben dabei, dass er den Schüler "nur herumdrehen" wollte und es nicht seine Absicht gewesen sei, ihn zu verletzen. Dennoch fühle er sich mitverantwortlich für die Verletzungen und entschuldige sich, schreibt er.

E-Mail mit Entwurf für die Strafanzeige an Kollegen verschickt

Den Entwurf für die Strafanzeige wegen Widerstands, versuchter Körperverletzung und Beamtenbeleidigung hatte der Polizist übrigens noch am 4. September - also einen Tag nach dem Vorfall - per E-Mail zur Kenntnisnahme an jene vier Kollegen verschickt, die von der blutigen Auseinandersetzung etwas mitbekommen hatten.

Wollte der Chef damit seine Untergebenen auf seine Version einschwören, weil er befürchten musste, dass die Sache ein Nachspiel hat? Schließlich hatte die Mutter, die sich mit ihrem Sohn wenige Minuten zuvor am Glückshafen treffen wollte, die Attacken teilweise beobachtet und dem Inspektionsleiter noch in der Wache angekündigt, dass man sich im Gerichtssaal wiedersehen werde.

Besonderes Gewicht dürfte dort die Zeugenaussage eines Beamten der Inspektion Trostberg haben. Der 29-jährige Polizist hatte den Schüler an der Wildwasserbahn "Piratenfluss" vorläufig festgenommen und ihm Handschellen angelegt, weil er möglicherweise in eine Keilerei verwickelt war. Wie es heißt, habe der 15-Jährige dabei weder zu flüchten versucht noch soll er sich gewehrt haben oder aggressiv gewesen sein. Dass sich plötzlich der Chef einmischte, den Buben - ein Leichtgewicht mit 54 Kilo - einem Kollegen entriss und dann durch die dichte Menschenmenge am Samstagabend auf die Wache trieb, soll die anderen Polizisten verblüfft haben.

Der Trostberger Polizist, der beim Abführen dabei war, hat nach Erkenntnissen der OVB-Heimatzeitungen zumindest teilweise gesehen, wie der Jugendliche getreten und geohrfeigt wurde und mit dem Kopf gegen die Wand schlug. Diese Beobachtungen beschäftigten ihn offenbar so sehr, dass er 14 Tage später seinem Vorgesetzten in Trostberg in einem vertraulichen Gespräch von den Vorkommnissen auf dem Rosenheimer Herbstfest berichtete.

Andere Polizisten hatten kein Problem mit dem 15-Jährigen

Außer dem Polizeichef hat an dem Abend nach den Informationen der OVB-Heimatzeitungen kein anderer Polizist auch nur die geringsten Schwierigkeiten mit dem 15-Jährigen gehabt. Nur auf den Angeklagten soll der Schüler reagiert haben wie ein Stier auf ein rotes Tuch - allerdings erst nach den Attacken, nicht vorher. Dabei soll sich der Schüler sogar bei mehreren Beamten entschuldigt haben, wenn er - jedesmal, wenn der Polizeichef wieder den Raum betrat - zu schimpfen begann und unabsichtlich deren Uniform verschmutzte, weil er stark aus dem Mund blutete.

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Ludwig Simeth/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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