„Die Zeit der Ordensschwestern ist vorbei“

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Pfarrer Peter Demmelmair beim Abschied von Schwester Lambertis aus Berchtesgaden.

Berchtesgaden - Nun ist die Akte "Lambertis" hoffentlich geschlossen. Das wünschen sich zumindest Pfarrer Peter Demmelmair sowie Berchtesgadens Bürgermeister Franz Rasp, die beide auf ein ereignisreiches halbes Jahr zurückblicken.

„Ich möchte, dass jetzt endlich Ruhe einkehrt“, sagt der Pfarrer, dessen einziger Wunsch es ist, dass es gut weitergehe – in der Gemeinde Berchtesgaden und bei den Mallersdorfer Schwestern, zu welchen Schwester Lambertis nach einem Leben in Berchtesgaden zurückgekehrt ist.

Hohe Wogen hat die Causa Schwester Lambertis in der Vergangenheit geschlagen. Die Ordensschwester war in die Kritik geraten, Beschäftigungsverbot, ein Verfahren wegen angeblich schwerer Dienstverfehlungen im Bürgerheim Berchtesgaden wurde eingeleitet. Nun wurde nach Prüfung aller Vorwürfe das Verfahren gegen sie eingestellt. „Vielleicht kann man es am besten mit einem großen Räderwerk vergleichen“, sagt Pfarrer Peter Demmelmair, „wenn ein kleines Rädchen verschoben wird, kommt das gesamte Konstrukt aus dem Gefüge.“

„Dokumentationswut“, „Papierflut und „Vorschriftenwahn“

Vielleicht ist die Sache mit einer bilderreichen Sprache etwas einfacher zu verstehen, das Thema hat getroffen, mitten in das Herz, betroffen gemacht wie kaum eine Sache zuvor. „Damit muss nun ein Ende sein“, sagt auch der Bürgermeister, der nun, im Nachhinein, einiges hätte anders machen wollen. „Wir hätten besser kommunizieren sollen“. Dafür hat er sich mehrfach entschuldigt. Verstehen kann Pfarrer Demmelmair das, was sich hier zugetragen hat, nur bedingt. Er spricht von „Dokumentationswut“, von „Papierflut“, von einem „Vorschriftenwahn“ – Dinge, die sich zu Lasten von Schwester Lambertis entwickeln haben, gegen ihre Art zu pflegen, die „menschliche Nähe, ihre liebevolle, zeitintensive Pflege“.

Gottesdienst für Schwester Lambertis

Beinahe alle medizinischen Einrichtungen jammerten über dieses Joch, sagt Demmelmair, der ein Herz für Lambertis zeigt, so wie viele Bürger Berchtesgadens, die sich für die Schwester eingesetzt hatten. Mit den „übertriebenen Erfordernissen“ der heutigen Zeit ist die Ordensfrau nicht mehr zurechtgekommen – so muss es gewesen sein, anderenfalls wäre die Causa nicht zur Staatsanwaltschaft übergegangen. „Wir müssen uns im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften bewegen und trotzdem eine bewohnerzugewandte Pflege organisieren“, sagt Berchtesgadens Bürgermeister, der den Träger des Bürgerheims Berchtesgaden, den Markt Berchtesgaden, in Person repräsentiert. Man kann also noch so viel über erdrückende „Dokumentationswut“ klagen – sie ist Gesetz, „und seit 1. Januar 2011 nochmals verschärft worden“, bestätigt Rasp.

Die Frage des „Muss-das-denn-seins“ stehe einem nicht zu. Als Träger habe der Markt Berchtesgaden das Interesse, das Bürgerheim weiterhin selbst zu betreiben: „Ich glaube, dass das das Beste für die Bewohner in Berchtesgaden ist“, sagt Rasp. Schwester Lambertis habe über Jahrzehnte hervorragende Arbeit geleistet, dann haben sich die Erfordernisse an die heutige Pflege verschärft, die Ordensfrau sei aber bei ihrer bewährten Arbeit geblieben, jene eingeschlagene Richtung samt aller Änderungen nicht mitgegangen.

Ein Schuldzugeständnis?

„Wir hätten besser kommunizieren sollen“, räumte Berchtesgadens Bürgermeister Franz Rasp Fehler im Fall Lambertis ein.

„Ihre Vorstellungen unter den neuen Bedingungen der neuen Heimleitung konnte sie so nicht mehr verwirklichen“, sagt Pfarrer Demmelmair. Pflegerische Verfehlungen habe die Schwester keine gemacht – das bestätigten auch ausnahmslos alle befragten Hausärzte, die mit der für ihre Menschennähe bekannten Ordensfrau zusammengearbeitet hatten. „Ich bin froh, dass die Sache nun eingestellt ist“, sagt Bürgermeister Rasp. Gegen die Zahlung eines Geldbetrages. Ein Schuldzugeständnis? „Die Zahlung erfolgte zugunsten eines schnellen Endes“, sagt der Pfarrer. Sodass die Schwester nun endlich damit abschließen könne.

Der Fall nage an der Schwester, die eine starke Bindung zu Berchtesgaden hatte, noch immer hat. Ein halbes Jahrhundert habe sich ein „hingebungsvoller, praktisch veranlagter“ Mensch in hervorragender Weise um pflegebedürftige Menschen gekümmert – mit einem solchen Abschluss könne man sich nicht zufrieden zeigen, sagt der Pfarrer, der auf jene Verabschiedung zurückblickt, die auf große Resonanz gestoßen waren. Über Konkretes, was vorgefallen war, könne und wolle man nichts sagen, weder über Vorwürfe noch Verfehlungen, „das sind wir der Schwester schuldig, diesen Vertrauensschutz erwartet man auch von seinem ehemaligen Arbeitgeber“, sagt Rasp.

Eine geistig-spirituelle Ausrichtung habe die Schwester gehabt, sagt Demmelmair, „handfest und zupackend, sie ist eine starke Persönlichkeit gewesen“, so Rasp. Woher sie nur all die Kraft genommen habe, fragte sich Pfarrer Demmelmair immer wieder. Die Antwort sei im Glauben und der Liebe zu den Menschen zu finden. Mehrfach habe sich Bürgermeister Rasp für die Schwester eingesetzt, bestätigt er. Auch nachdem eine neue Heimleitung die Führung im Bürgerheim übernommen hatte, war es der Wunsch der Ordensfrau, der Wunsch des Marktes, an ihrer Tätigkeit im Bürgerheim schließlich festzuhalten. Er fuhr zu den Mallersdorfer Schwestern, es gab Gespräche, Schwester Lambertis kam zurück nach Berchtesgaden. Bis zum bitteren Ende vor einem halben Jahr.

Tränenreicher Abschied von Schwester Lambertis

„Die Zeit der sich selbst aufopfernden, pflegenden Ordensschwestern ist unwiderruflich vorbei“

Weitergehen wird es nun ohne Schwester Lambertis. „Die Zeit der sich selbst aufopfernden, pflegenden Ordensschwestern ist unwiderruflich vorbei“, sagt Demmelmair. Ihm tut das im Herzen weh, das spürt man. Die Welt ist um ein Stück ärmer geworden. Er muss sich zurückhalten, wenig Spielraum, eine weitere Debatte anzuzetteln. „Wir haben das alleinige Interesse, dass es nun gut weitergeht“, sagen der Pfarrer und der Bürgermeister, „dass das Bürgerheim erhalten bleibt, beste Dienste gemacht werden“. Das Fehlen der Ordensschwestern hat dennoch eine große Lücke in das Bürgerheim gerissen. Welchen Ausmaßes? „Schwester Lambertis war einzigartig, aber ich möchte keinen Vergleich“, erwidert der Pfarrer, „wir müssen jetzt nach vorne schauen, wir durchlaufen derzeit einen Prozess der Umstellung, auch unsere Pfleger geben das Beste.“

Der Blick nach vorne, es ist alles gesagt, Schwester Lambertis geht es in Eisenerz gut, den Umständen entsprechend. Der Neuanfang im Bürgerheim ist erfolgt. Keine Zeit für den Blick zurück. Es muss und es wird weitergehen – der Wunsch Schwester Lambertis‘ – die Akte zu schließen.

Archivvideo - "Fall Lambertis": Eine Video-Umfrage

Quelle: rosenheim24.de

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