Deutschkurs auf der Theaterbühne

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Koch Alex Nippert wird von seinen Schauspieler-Kolleginnen von "Tschungulung" bei den Proben bedrängt.

Würzburg - Eine Fremdsprache lernt man meist mit Büchern und CDs. Es geht aber auch praktischer: auf der Theaterbühne. Das Würzburger Projekt „Tschungulung“ bekommt dafür den Bayerischen Integrationspreis.

Als Vladlena Vakhovska das erste Mal auf der Theaterbühne in Würzburg stand, konnte sie kaum ein Wort Deutsch. Sie mogelte sich mit ihrem auswendig gelernten Text durch. Die Ukrainerin wollte hier als Musiklehrerin arbeiten. Um schnell Deutsch zu lernen, besuchte sie einen Sprachkurs der Kolping-Akademie. Bald machte sie auch beim akademie-eigenen Theaterprojekt „Tschungulung“ mit.

Ein Projekt, bei dem Ausländer selbst erdachte Stücke in deutscher Sprache auf die Bühne bringen. Heute spricht Vakhovska fast fehlerfreies Deutsch, nur der leichte Akzent erinnert noch an ihre Herkunft. Die außergewöhnliche Theatergruppe schafft spielerisch einen Zugang zu einer zunächst fremden Sprache. Am Donnerstagabend erhält „Tschungulung“ - eine Verballhornung des Wortes „Entschuldigung“ - in München dafür den ersten Bayerischen Integrationspreis des Integrationsbeauftragten Martin Neumeyer (CSU).

Das Projekt ist in Bayern einzigartig

Bayernweit hatten sich mehr als 50 Projekte für den neuen Preis beworben, darunter Kochprojekte, Integrations-Netzwerke und deutsch-türkische Musikgruppen. „Tschungulung“ war das einzige Theaterprojekt. Die elfköpfige Jury lobt, dass die ehrenamtlich engagierte Truppe ihr Augenmerk auf die Chance des interkulturellen Zusammenlebens wirft. Zudem zeigt sie sich begeistert von der „enormen Breitenwirkung“ des Projektes, bei dem jeder Ausländer mitmachen und mitgestalten kann. In Bayern leben der Staatsregierung zufolge rund 2,5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund.

„Wir waren ganz überrascht von dem Preis, wir haben uns nicht einmal darauf beworben“, sagt Theaterleiterin Sigrid Mahsberg. Sie gibt tagsüber Deutschkurse an der Akademie, ist für den Bereich Sprachen an der Schule zuständig. Für sie sind kleine Rollenspiele Teil des praktischen Unterrichts. „Es war beeindruckend, wie sich kleine Gedanken zu großen Geschichten entwickelt haben“, erinnert sich Mahsberg. 2003 gründete sie das Ensemble. Das Projekt ist eigenen Angaben zufolge in Bayern einzigartig.

"Tschungulung" erhält Integrationspreis

"Tschungulung" erhält Integrationspreis

„Es liegen Chancen darin, wenn viele verschiedene Kulturen aufeinandertreffen“, sagt Mahsberg. Sie und Alex Nippert sind die einzigen Deutschen der Theatergruppe. Die anderen kommen aus allen Teilen der Welt - Japan, Bulgarien, Bolivien, Italien, Iran. Sie alle verbinden die Spielfreude und mittlerweile auch enge Freundschaften. Auch nach Abschluss der halbjährlichen Sprachkurse bleiben sie Teil von „Tschungulung“.

Geprobt und gespielt wird natürlich auf Deutsch. Oft ist das die einzige Sprache, die alle Ensemblemitglieder verstehen. Hier und da mischen sich spanische oder russische Wortfetzen in die Konversationen. Die Schauspieler verbessern sich gegenseitig. „Das heißt die Suppe, nicht der Suppe“, sagt der Tunesier Majdi Ben Hassine zu einer Mitspielerin. Sie lächelt dankbar. Die bunt gemischte Gruppe hat die Theaterstücke selbst entwickelt. „Wir geben ein Oberthema vor. Und der Rest kommt von allein“, erklärt Mahsberg das „Tschungulung“-Konzept. Die verschiedenen Stücke werden schließlich wie Puzzleteile zu einem großen Ganzen zusammengefügt.

Theater spielen gegen die Einsamkeit fern der Heimat

In diesem Jahr geht es ums Essen. „Spezialitäten“, heißt das Stück passenderweise. Die deutschen Essgewohnheiten und diejenigen aus den Heimatländern der Schauspieler fließen in die Stücke ein, sie werden liebevoll auf die Schippe genommen. „Wir lassen keine Klischees aus“, sagt Mahsberg.

Die 33 Jahre alte Griechin und Augenärztin Ermioni Panidou ist im Januar neu nach Würzburg gekommen. Sie ist nach Rathaus-Angaben eine von fast 12 000 Ausländern mit Erst- oder Zweitwohnsitz in der Residenzstadt. „Jeder von uns hat seine Einsamkeit fern von der Heimat. Aber zusammen ist es leichter“, sagt die junge Frau, die seit fünf Jahren in Deutschland arbeitet. Und der Iraner und angehende Sportlehrer Amir Tabrizi ergänzt: „Am Anfang fehlt die soziale Gesellschaft, wenn man neu nach Deutschland kommt. Mit "Tschungulung" aber lernt man die Sprache und findet schnell Freunde.“

dpa

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