So erleben unsere Leser die Coronakrise

Mitarbeiter der Notaufnahme: "Wünsche mir mehr Menschlichkeit in unserem Gesundheitswesen"

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Zahlreiche Leser haben der OVB24-Redaktion ihre persönlichen Geschichten in der Coronakrise erzählt. 

Landkreis - Es ist eine Ausnahmesituation, wie sie bisher fast noch niemand erlebt hat. Doch wie geht ihr mit der aktuellen Coronakrise um? Zahlreiche Leser/-innen haben der Redaktion ihre persönlichen Erlebnisse geschildert.

Die Corona-Pandemie schränkt zunehmend den Alltag der Menschen ein und bringt das öffentliche Leben allmählich zum Erliegen. Doch wie erlebt Ihr die Coronakrise? Wir haben Euch gefragt und gebeten, uns Eure positiven oder negativen Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen zu erzählen. Zahlreiche Leser/-innen haben sich auf unseren Aufruf gemeldet:


Wir haben Eure Geschichten gesammelt

Anna aus dem Landkreis Rottal-Inn

Ich bin 62 Jahre alt und arbeite in einem Behindertenwohnheim. Unseren Schützlingen kann man nur sehr schwer beibringen, den erforderlichen Abstand zu halten. Einige Kollegen, vor allem jüngere, haben sich bereits krankschreiben lassen. Letztens hatte ich einen 9-Stunden-Dienst ohne Pause und in Minimalbesetzung. Die Krönung war dann, als ich völlig fertig heimfuhr, dass ich auch noch geblitzt wurde. Hat die Polizei in diesen Tagen nichts Besseres zu tun, als erschöpfte Pfleger zu schikanieren? Dann könnten sie ja für mich arbeiten, das wäre bestimmt sinnvoller, und sie hätten Einblicke in unsere schwierige Arbeit.


Manuela aus dem Chiemgau

Am vergangenen Wochenende gab es hier im Chiemgau Sonne satt. Es war erstaunlich und rücksichtslos, wie viele mit Rosenheimer- und Münchner-Kennzeichen bei uns geparkt haben, um sich ganz gemütlich auf Wanderungen auf die Berge zu begeben. Reicht es nicht, was in den Nachrichten gebracht wird? Muss man erst eine Strafe erhalten um zu kapieren, dass zur Zeit eine Ausgangsbegrenzung vorliegt? 

Klaus aus Kolbermoor

Meine Frau und ich sind auch von den Betriebsschließungen betroffen und nicht begeistert über die Ausgangsbegrenzung. Aber nach den Erfahrungen aus China sollten wir Herrn Söder dankbar sein, für seinen Willen uns zu schützen und vor allem auch an die denken, die zur Risikogruppe gehören. 

Wir halten uns beide seit Samstag, 21. März, daran und bleiben zuhause. Nur zum Einkaufen und spazieren gehen, verlassen wir das Haus. Was ich jedoch überhaupt nicht verstehen kann, ist die Dreistigkeit derer, die jetzt noch in die Berge fahren und ausgerechnet jetzt wandern gehen müssen. Ich weiß nicht, ob diese ignoranten und rücksichtslosen Menschen den Warnschuss nicht gehört haben. Was muss denn noch kommen? Soll Herr Söder jetzt zum letzten Mittel greifen und wirklich eine Ausgangssperre verhängen?

"Ich wünsche mir von allen, bleiben Sie zuhause. Denken Sie einmal in Ihrem Leben nicht nur an sich, sondern auch mal an Ihren Nachbarn oder an Ihre Eltern oder Großeltern. Und Sie müssen sofort daran denken und nicht erst morgen, das kann doch nicht so schwer sein. Alle die vernünftig sind, werden dann mit einer Ausgangssperre bestraft, nur weil Sie sich nicht an die noch lockeren Vorgaben halten wollen." Ich bin in Gedanken bei allen, die das Virus bereits in eine Klinik gebracht hat und denke an alle Ärzte, Pfleger und an die, die uns alle mit Lebensmitteln versorgen. "Ich danke Ihnen - halten Sie für uns durch", ihr Klaus. 

Weitere Geschichten unserer Leser, Reportagen und Service-Artikel zum Coronavirus findet Ihr in unserem großen Wegweiser durch die Berichterstattung

Markus aus dem Landkreis Mühldorf

Ich arbeite seit 20 Jahren in der Pflege und erlebe die Pandemie als Mitarbeiter in der Notaufnahme hautnah mit. Meine Klinik wurde zum COVID-Zentrum ausgerufen und wir alle sind sehr froh über diese Entscheidung. Die Trennung von Verdachtsfällen vom übrigen Patientengut war unumgänglich, um einen unkontrollierten Ausbruch in unserer Region zu verhindern. Es geht ja schließlich darum, die ohnehin geschwächten, älteren Patienten mit zahlreichen Vorerkrankungen vor einer Infektion zu bewahren.

Wir haben die Klinik Mühldorf nun gänzlich auf Corona-Patienten umgestellt, die eine intensivmedizinische oder sonst stationäre Aufnahme benötigen und auch bereits viele Verdachtsfälle diesbezüglich aufgenommen. Ich und meine Kollegen machen unsere Arbeit sehr gern und sind auch in dieser Krise hoch motiviert. An dieser Stelle möchte ich zum Ausdruck bringen, dass es uns nicht um bessere Bezahlung geht oder eine kurzfristige Anhebung des Personalschlüssels, denn ich bin mit meinem Lohn durchaus zufrieden.

Viel, viel wichtiger ist es die Anerkennung unseres Berufstandes in der Gesellschaft zu erhöhen und wieder mehr junge Menschen dazu zu bewegen diesen Beruf zu erlernen. Dabei ist es nicht allein mit einem höheren Nettoverdienst getan, sondern es erfordert gegenüber unserem Berufsstand auch eine gesteigerte Akzeptanz sowie Wertschätzung in unserer Gesellschaft. Was mich und meine Kollegen auch sehr schmerzt, ist die Kommerzialisierung und Profitmaximierung in unserem Gesundheitssystem. Seit Beginn dieses Jahrhunderts erfolgte die zunehmende Privatisierung und der „Ausverkauf“ des Gesundheitssektors. Dies geschah immer unter dem Vorzeichen der Kostenreduzierung und Gewinnoptimierung.

Wir hatten einmal von den Kommunen geleitete Kreiskliniken, deren Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst beschäftigt waren. Damals stand der Patient und die Wiederherstellung seiner Gesundheit im Vordergrund. Diese Zeiten sind leider lange vorbei und es scheint, dass auch die Genesung und der Heilungsprozess nicht mehr im Mittelpunkt stehen, wenn man sich die durchschnittlich mittlere Verweildauer der Patienten in den letzten Jahren zum Vergleich ansieht. Diese wird nämlich immer kürzer, weil jeder weitere Tag kostet. Auf die individuellen Bedürfnisse und die Tatsache, dass es immer ältere Patienten gibt, deren Gesundung naturgemäß länger dauert, wird dabei kaum Rechnung getragen.

Der Dienst am Menschen ist für mich nicht nur Beruf, sondern auch tatsächliche Berufung, deswegen wünsche ich mir für die Zukunft wieder mehr "Menschlichkeit" und weniger "Marktorientierung" in unserem Gesundheitswesen! Ich appelliere abschließend an die Bevölkerung der Landkreise Altötting und Mühldorf, die Ausgangsbeschränkungen weiter so vorbildlich wie bisher zu befolgen, soziale Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren und auch sonst von Patientenbesuchen in unserer Klinik bis auf weiteres abzusehen.

Wir müssen nämlich die Kapazität des COVID-Zentrums weiterhin gewährleisten und können dieses Ziel nur mit der Einsicht sowie dem Verständnis der gesamten Bevölkerung erreichen. Intensivbetten und Beatmungsplätze müssen für die kommenden Monate weiterhin für alle diejenigen freigehalten werden, die diese Betten auch benötigen. Das ist oberstes Gebot um italienische Verhältnisse zu verhindern. "Wir bleiben für euch da, bleibt ihr bitte daheim."

Roland aus Piding

Ich wohne in einem Neun-Parteien-Haus. Viele meiner Nachbarn sind über 65 Jahre alt und gehören dadurch zur Risikogruppe. Unsere jüngeren Nachbarn sind ganz nett und helfen überall, wo sie nur können. In unser Treppenhaus haben zwei nun diesen Aushang gehängt. Wir sind alle sehr froh, dass wir sie haben. 

Unser Leser Roland freut sich sehr über die Hilfsbereitschaft seiner Nachbarn. 

Die nächsten persönlichen Geschichten werden am Freitag, 3. April, in einem neuen Artikel veröffentlicht.  

Wie erlebt Ihr die Coronakrise? Erzählt uns Eure Geschichte

Erzählt uns, was Euch bewegt und schickt eine Mail an termine@ovb24.de (Kennwort: "Corona" im Betreff). Die OVB24-Redaktion freut sich über Eure Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen. 

Natürlich könnt Ihr uns auch mitteilen, was Euch sorgt und ängstigt in diesen Tagen und gerne auch, was Euch in dieser Zeit Freude macht. Bitte sendet uns neben Euren Zeilen, Fotos oder Videos auch unbedingt Euren kompletten Namen und Euren Wohnort.

Wir wollen unsere Reichweite aber auch nutzen, um Menschen miteinander zu verbinden und zur Nachbarschaftshilfe aufrufen. Deswegen haben wir sechs Facebook-Gruppen ins Leben gerufen: #rosenheim24 / #chiemgauhältzusammen / #innsalzachhältzusammen / #bglandhältzusammen / #wasserburghältzusammen / #mangfallhältzusammen

Coronavirus im Freistaat Bayern

Das Coronavirus breitet sich rasant aus. Im Freistaat Bayern hat das Virus 277 Todesfälle (Stand: Donnerstag, 2. April, 16 Uhr) gefordert. Auch in den Landkreisen Rosenheim, Traunstein, Berchtesgadener Land, Mühldorf und Altötting gibt es bereits mehrere Todesfälle. Restaurants bleiben geschlossen, ausgenommen ist die Lieferung und Ausgabe von Speisen für zu Hause. 

Zudem hat Ministerpräsident Markus Söder, die am Freitag, 20. März, beschlossene weitreichende Ausgangsbeschränkung in Bayern, am Montag, 30. März verlängert. Die Maßnahmen gelten nun bis mindestens Sonntag, 19. April. Das Verlassen der eigenen Wohnung ist also nur bei Vorliegen triftiger Gründe erlaubt. Dazu zählen unter anderem der Weg zur Arbeit, notwendige Einkäufe, Arzt- und Apothekenbesuche, Hilfe für andere, Besuche von Lebenspartnern, aber auch Sport und Bewegung an der frischen Luft - dies aber nur alleine oder mit den Personen, mit denen man zusammenlebt.

Bleibt gesund! #wirhaltenzusammen

jg

Quelle: rosenheim24.de

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