Bruno Jonas im Interview - „Die Wiesn ist eine epische Erzählung“

+
Hat die Wiesn „im Selbstversuch“ erkundet: Der Kabarettist Bruno Jonas heuer beim Wiesn-Aufbau im „Himmel der Bayern“.

München - Mit seiner „Gebrauchsanweisung für das Oktoberfest" hat der Kabarettist Bruno Jonas, 57, das wohl unterhaltsamste Buch zum Jubiläum vorgelegt.

Auf satirische Weise ergründet er, was die Wiesn-Welt im Innersten zusammenhält. Ein Gespräch über sein Talent als Anzapfkönig, Parallelen zur Antike - und darüber, warum zu einem Wiesn-Besuch sechs Mass gehören.

Herr Jonas, was macht die Wiesn so einzigartig?

Die Wiesn ist eine monokulturelle Veranstaltung, man kann sie begreifen als die verdichtete Form alles Bayerischen. Amerikaner, Japaner, Neuseeländer, Ghanaer und Italiener, sie alle ziehen willig Lederhosen und Dirndl an und spielen den Bayern. Was die Wiesn einzigartig macht, ist, dass sich die ganze Welt in den zwei Wochen zur bayerischen Leitkultur bekennt. Ganz bewusst.

Für Ihr Buch haben Sie das Oktoberfest „studiert“. Wie?

Im Erkundungsgang. Ich habe im Selbstversuch alle extremen Erfahrungen über mich ergehen lassen. Und die Wiesn ist eine einzige Extremsituation. Sie bringt Menschen an die Grenzen, was etwa die Bewegungsfreiheit angeht, die Essensportionen, das Angebot an Fahrgeschäften, an Unterhaltung und an Gemütlichkeit.

Dann haben Sie sicher auch die eine oder andere Mass verköstigt?

Ohne das geht’s ja nicht. Das Wiesn-Bier ist ein sehr intensives Getränk. Die erste Mass schmeckt unbandig guad, wie man sagt. Die geht dann relativ schnell auch weg. Dann muss man natürlich sofort die zweite bestellen und überprüfen, ob der Geschmack der zweiten mit dem der ersten mithalten kann - und da stellt man fest, Mensch, die zweite schmeckt ja auch guad. Nach der zweiten sind dann alle Prüfungen abgeschlossen, danach kommt eine dritte Mass, das ist die selbstverständliche. Und da muss man aufpassen, weil wenn man dann die vierte bestellt, das ist wahrscheinlich schon die vorletzte. Dann muss man noch eine trinken, dazwischen vielleicht noch eine Durschtmass. Dann lässt man auch noch eine stehen, also da kommen über die Zeit schon einige zusammen.

Sie gehen jetzt seit Jahrzehnten auf die Wiesn. Wie hat sie sich verändert?

Mei (überlegt). Die Intensitäten haben zugenommen, die Wiesn ist schon mehr zu einer Party geworden. Aber letztlich ist es immer noch die gleiche Wiesn mit vielen traditionellen Elementen wie der Krinoline oder dem Schichtl. Nur, dass es heute weltweit 2000 Oktoberfeste gibt.

Können Sie sich an Ihre erste Wiesn erinnern?

Das erste Mal war während eines Ministrantenausflugs Anfang der 1960er. Wir sind damals mit dem Bus und dem Pfarrer aus Passau angereist, haben zu viert 20 Mark gekriegt und sind einmal hier, einmal dort gefahren, dann noch eine Limo und das war’s. Aber das Erlebnis ist mir in Erinnerung geblieben - weil alles so gigantisch war. Die Wiesn formuliert den Anspruch, das größte, wuchtigste und mächtigste Fest der Welt zu sein.

Warum ist das so?

Das habe ich mich auch gefragt. Ich erkläre es mir so, dass die Bayern unter einem gewissen Minderwertigkeitsempfinden leiden, weil sie geschichtlich häufig auf der Seite der Verlierer standen. Dieses Gefühl wollen sie nun auf dem Gebiet der Gemütlichkeit wieder wettmachen.

Die Wiesn, schreiben Sie, hat Gemeinsamkeiten mit der griechischen Antike. Welche?

Wenn man die Wiesn als große epische Erzählung betrachtet, dann fehlt heute eigentlich nur das große Werk und der Autor. Die Griechen können auf Homer zurückgreifen, sie finden in der Ilias und der Odyssee ihre Identität. Die Ilias zum Beispiel ist ein ständiges Hin und Her, ein großer Kampf - und auch die Wiesn ist ein Hin und Her, ein Kampf um Plätze und um Gemütlichkeit. Und Odysseus ist ein Fremder, der den Weg nach Hause sucht. Die Erfahrung der Orientierungslosigkeit kann man auf der Wiesn sehr gut machen.

Sie sehen auch Parallelen zu Don Quichote . . .

Don Quichote kämpft gegen Windmühlen, weil er glaubt, es seien Riesen. Er nimmt die Wirklichkeit nicht als das wahr, was sie ist. Und das ist auf der Wiesn eine der leichtesten Übungen. Die Wiesn muss man einfach begreifen als große Menschheitserzählung, in der alle Grunderfahrungen des Daseins berührt werden: Die Wiesn kann sowohl Tragödie als auch Komödie sein.

Ist das Rauchverbot Tragödie oder Komödie?

(lacht). Da werden ganz neue Gemütlichkeitserfahrungen auf uns zukommen. Aber das wird relativ geschmeidig und harmlos abgehen. Die Italiener werden das ganz schnell akzeptieren, die kennen das von zuhause. Die Amis sowieso.

Sie machen sich lustig über Ex-OB Thomas Wimmer, der beim Anstich 17 Schläge gebraucht hat. Haben Sie selbst schon mal einen Hirschen erlegt?

Nein (lacht). Aber ich habe mal in der Peschl-Brauerei in Passau gejobbt. Ich würde mir schon zutrauen, den Wimmer zu schlagen, so schwer ist das nicht. Ich denke, ich bräuchte drei, vier Schläge, mehr nicht.

Interview: Thierry Backes

Infos zum Buch

Bruno Jonas: „Gebrauchsanweisung für das Münchner Oktoberfest“. Piper Verlag; 19,95 Euro.

Quelle: Oktoberfest live

Zurück zur Übersicht: Bayern

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser