Brennpunkt Wiesn: Wie die Feuerwehr unsere Sicherheit managt

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Die Feuerwehr ist stets mit zwölf Männern vor Ort. Von den meist nur kleinen Brandeinsätzen (so wie hier im vergangenen Jahr) bekommen die Wiesn-Besucher im Zelt oft gar nichts mit.

München - Auf der Wiesn gibt es verschiedene Brennpunkte, die ganz schnell zur Gefahr werden können. Wie die Feuerwehr unsere Sicherheit regelt, erklärt Brandrat Peter Bachmeier.

Die Wiesn 2010 war noch keine sechs Stunden alt – da geschah genau das, was Peter Bachmeier befürchtet hatte. Beim Reservierungs-Wechsel um 17.30 Uhr steuerten Hunderte Wiesn-Gäste gleichzeitig die Toilettenanlage am Wirtsgarten an.

In Sekundenschnelle wurde die Kloschlange überrannt. Gefährliches Gedrängel. Keiner kam mehr aus oder in die ­Toilette.

Sofort reagierten die geschulten Ordner. Reservierungswechsel ­stoppen, Garten-Zugänge sperren, Toilette räumen und schließen. Situation bereinigt. Alles wieder gut.

Oktoberfest-Rätsel: Wie gut kennen Sie die Wiesn?

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„Das war für uns der Beweis, dass bereits ein Kern von wenigen Hundert Menschen genügt, um eine Paniksituation auszulösen“, erklärt Bachmeier. Seit 1997 und mittlerweile in verantwortlicher Position wacht der Diplom-Ingenieur und Brandrat der Münchner Berufsfeuerwehr mit Argusaugen über die Sicherheit für über sechs Millionen Menschen auf dem größten Volksfest der Welt. Sein Job: Gefahren im Vorfeld erkennen und abstellen – damit erst gar nichts passiert. Und zwar auf, über und hinter der Wiesn. An jedem Festzelt, jedem Karussell, jeder Mandelbude.

Der Teufel steckt oft im Detail, das – zu spät erkannt – zu haarsträubenden Situationen führen kann. Ein Rollcontainer am Eingang zum Festzelt stellt an einem sonnig-entspannten Montag Nachmittag überhaupt keine Gefahr dar. An einem Samstag Nachmittag dagegen wäre genau dieser Rollcontainer ein ernstes Problem. Ein Hindernis, das im Gedränge losgerissen werden, umkippen, jemanden verletzen könnte. Der Auslöser also für eines jener gefürchteten Nadelöhre, in denen Stürze und Panik programmiert sind.

Darum sind neben den zwölf Berufsfeuer-Männern des Wiesn-Löschzuges auch immer zwei bis sechs Beamte der Abteilung „Einsatzvorbeugung-Kontrolle“ unterwegs. Jeder Neuling muss dabei drei Jahre lang mit erfahrenen Kollegen mitlaufen und lernen, einen Blick für Gefahren zu entwickeln.

 An den Wochenenden ist Peter Bachmeier von 7.30 Uhr bis nach Mitternacht da: „Bereits am frühen Morgen wurden manche Zelte derart belagert und das Gedränge wurde so groß, dass wir die Wirte bitten mussten, früher zu öffnen.“ Obwohl Bitten in diesem Fall eine Untertreibung ist. Im Notfall nämlich wäre Peter Bachmeier befugt, die sofortige Öffnung (oder auch Schließung) eines Festzeltes anzuordnen. Zu letzterem ist es noch nie gekommen: „Der Dialog mit Wirten, Schaustellern, Marktkaufleuten, Sicherheitsleuten, KVR und Polizei im Vorfeld funktioniert sehr gut.“

Eine Voraussetzung dafür ist professionelle Distanz: „Ich lasse mich niemals einladen und duze mich mit fast niemandem. Ich kann, darf und will nicht Teil des Systems Wiesn sein. Ich will auch nicht der Bachmeier sein. Ich bin der von der Feuerwehr.“ Nur so kann er die Verantwortung tragen: „Am Anfang reden immer viele mit. Am Ende aber bin ich derjenige, der die Pläne unterschreibt.“ Und niemals gibt es eine Generalprobe, ob auch wirklich alles klappt: „Das Oktoberfest fängt halt jedes Jahr an einem Samstag und damit auf einem Höhepunkt an.“

Die Quellen möglicher Gefahren sind überaus vielfältig. Die Wagenburgen der Schausteller sind jedes Jahr ein Brennpunkt. Im Falle eines Brandes („Alle haben Gas“) oder eines Notarzteinsatzes wird die Rettung schwierig. Auch die kleinen Mandelröster und Würstl­buden haben Bachmeier und seine Kollegen ständig im Auge: „Viele arbeiten mit Flüssiggas. Diese Anschlüsse müssen hundertprozentig fachgerecht verlegt sein.“ Eine Studie über Weihnachtsmärkte besagt nämlich, dass 40 Prozent aller Brände durch technische Mängel ausgelöst werden. Auf der Wiesn 2002 legte eine defekte Stromleitung zum Backofen den Glöckle-Wirt in Schutt und Asche.

Auch das Wetter hat die Feuerwehr ständig im Blick. „Die Ordnungskräfte in den Festzelten müssen auf den Ansturm vorbereitet sein und schneller die Türen schließen, wenn der Regen einsetzt.“ Viel Zeit verwenden die Feuerwehrmänner lange vor der Wiesn darauf, alle Neu- und Umbauten in puncto Brandschutz zu überprüfen, die Breite der Rettungswege auf der Wiesn und hinter den großen Fahrgeschäften zu berechnen und dabei Sackgassen zu verhindern.

Auch der Zelt- und Standl-Aufbau wird im Detail dokumentiert – damit sich keiner heimlich ausbreitet. Dafür wird seit drei Jahren jede laufende Wiesn aus der Vogelperspektive von der Drehleiter fotografiert – drei Tage lang. Schummeln und diskutieren zwecklos. Einen hat’s heuer schon erwischt: „Ein Betreiber musste ein 2,50 Meter breites, neues Vordach wieder abbauen. Es hat ihn viel Geld gekostet, und er war verständlicherweise sauer. Aber der Sicherheitsabstand zum Nachbarn geht vor.“

Nach der Wiesn ist immer auch vor der Wiesn: Die erste Besprechung für den Umbau eines Zeltes für das Oktoberfest 2011 fand bereits am vergangenen Freitag statt.

Dorita Plange

Quelle: Oktoberfest live

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