„Note 6 - Fangt nochmals von vorne an“

TV-Sendung "Jetzt red i" und Public Viewing: Brenner-Nordzulauf war Thema am Mittwoch

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Brannenburg - Der Widerstand gegen das vermeintlich überflüssige Milliardenprojekt ist nun auch in München bekannt geworden. Deshalb kam die bekannte „TV-Arena“ des bayerischen Rundfunks „Jetzt red i“ am Mittwoch den 24. April in die Turnhalle der Grundschule in Brannenburg. Zahlreiche Besucher, die keine Eintrittskarte mehr bekommen hatten, konnten die Sendung im Schulhof per Public Viewing verfolgen.

Unter dem Motto „Aufruhr im Inntal – Der Streit um die Brenner-Bahntrasse“ begrüßte Moderator Tilmann Schöberl am Mittwoch, den 24. April über 100 geladene Bürger sowie Kommunalpolitiker und Verantwortliche der Bürgerinitiativen in der Turnhalle der Grundschule in Brannenburg. Da die Gastkarten für die bekannte „TV-Arena“ des bayerischen Rundfunks „Jetzt red i“ in Minuten vergeben waren, veranstalteten die 16 Bürgerinitiativen vor der Halle gemeinsam ein Public Viewing, damit alle dabei sein konnten, wenn den verantwortlichen Politikern und der Bahn kräftig eingeheizt wurde. 

Leider musste Tilmann Schöberl bekanntgeben, dass die Bahn in der momentanen Phase nicht bereit ist, sich der Diskussion in dieser BR-Sendung zu stellen. Absagen erteilten auch die Verkehrspolitische Sprecherin Daniela Ludwig (MdB) und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer. 

Den Fragen der Bürger stellten sich somit nur der Bayerische Staatsminister für Wohnen, Bau und Verkehr, Dr. Hans Reichhart von der Regierungspartei CSU und der Vertreter der Opposition Martin Hagen (MdL), Fraktionsvorsitzender der FDP im Landtag

TV-Sendung „Jetzt red i“ und Public Viewing: Brenner-Nordzulauf war Thema am Mittwoch - Fotos Arena

Beiträge der Besucher 

Die Beiträge der Besucher kamen von Bauern, Lehrerinnen, einem Spediteur, Bürgermeistern und Vertretern von Bürgerinitiativen. Hier eine Auswahl der Beiträge:

Zwei Landwirtsehepaare, Schmid und Bartl aus Brannenburg stellen dar, dass die Flächenbedarfe von zusätzlichen 200 Hektar für die neuen zwei Gleise auf Kosten von Weideflächen geht, existenzbedrohend ist und nicht ersetzbar sind. Auch finanzielle Entschädigungen für die bevorstehenden Enteignungen sind kein akzeptabler Ersatz, weil offen bleibt, mit welchem schlüssigen Konzept Ausweichverkehr verhindert und Be- und Entladebahnhöfe in der Infrastruktur eingebunden werden. Für ihre nachfolgende Generation mit drei bzw. vier Kindern scheint es so nicht möglich eine lebenswerte Zukunft als Landwirte sichern zu können.

Lehrerin Andrea Baumüller aus Pang stellt die Frage, wie man Kindern „die Liebe zur Heimat vermitteln soll“ (vgl. Bayerische Verfassung, Artikel 31), wenn wir zulassen sollen, dass das Inntal zerstört wird, wobei der Bedarf nicht nachgewiesen ist.

Und Lehrerin Ursula Zirl aus Brannenburg fragt, was sie den Kindern sagen soll, die fragen „Was passiert mit unserer Heimat? Bleibt für uns überhaupt noch Platz? Wo leben wir weiterhin?“ und denen sie nichts sagen kann, weil auch sie auf die Bayerische Verfassung geschworen hat. Deshalb gibt sie die Frage weiter an die Politiker: „Was soll man denn dazu sagen?“ – sie erhält darauf aber in der Sendung keine Antwort mehr.

Uli Richter spricht die Unglaubwürdigkeit der Bahn an. Entgegen der Absicht zu mehr Bahngüterverkehr wird seit Jahrzehnten durch Politik und Deutsche Bahn gegensätzlich agiert (billiger Diesel, billige Maut, indirekte Subventionen der Logistikbranche) und die Bedarfszahlen laut Studie entsprechen nicht der Realität, sind an den Haaren herbeigezogen. Wenn Studenten, deren Bachelor- und Masterarbeiten er betreut, so verfahren würden, würde er diese mit Note Sechs benoten und sagen „Fangt nochmals von vorne an.“.

Uli Schreiber korrigiert Herrn Verkehrsminister Reichhart, dass der Schienengüteranteil in Deutschland nicht nur unter 50 sondern unter 20 Prozent liegt und erklärt, dass der LKW-Verkehr auf der Brennerroute und im Inntal wegen der Verkehrspolitik der CSU für diesen günstigen Korridor (neben geringen Kosten auch keine Grenzkontrollen) so stark geworden ist. Er fordert wirkungsvolle Maßnahmen zur Verringerung des LKW-Straßenverkehrs, nicht solche wie sie Dobrindt in seinem „Masterplan“ aufgestellt hat.

Spediteur Dettendorfer aus Nußdorf weiß, dass die Bahn heute („momentan in einem Tal der Tränen“) über den Brenner nur eine Pünktlichkeitsquote von 70 Prozent hat, was vielen Kunden nicht ausreicht, aber laut Dettendorfer sei die Bahn dabei, Verbesserungen vorzunehmen, „wenn dies auch drei, vier oder fünf Jahre dauern wird“. Und mit den wiederholten Blockabfertigungen, auch rund um den italienischen Feiertag diesen Donnerstag, könnten wir erleben, was Österreich auch in Zukunft tun wird, wenn wir weiterhin den Güterverkehr nicht von der Straße auf die Schiene bringen. Die Bestandstrassen werden mit ihrer Kapazität in weiterer Zukunft nicht ausreichend sein.

Der Brannenburger Bürgermeister Matthias Jokisch zur voraussichtlichen Verknüpfungsstelle zwischen Kufstein und Rosenheim erklärt, dass die Zusatzflächendarfe für neuen Bahnhof mit Parkplatz und Straßen nicht darstellbar sind.

Der Kiefersfeldener Bürgermeister Hajo Gruber, weiß von österreichischen Amtskollegen, dass die Bauphase mit Tunnellösungen zwar sehr belastend war, aber nach Fertigstellung das Optimum bietet. Und politsich muss dafür gesorgt werden, dass Maut- und Grenzkontrollen-Umgehungsverkehr unterbunden wird, weil die Region sonst in diesem Verkehr ertrinkt.

Im Online-Forum wurde die Frage gestellt, ob bei den Bedarfszahlen 2050 nicht der technologische Fortschritt mit selbstfahrenden, emissionslosen LKW übersehen wird.

Antworten der Politiker Reichhart (CSU) und Hagen (FDP)

Reichhart plädierte für ein (zum Amüsement der Besucher) „zweigleisiges“ Vorgehen, einerseits jetzt sofort an den Bestandstrassen Verbesserung des Lärmschutzes und Kapazitätsausbau z. B. durch moderne Elektroniksteuerung, andererseits einen Planungsprozess mit Orientierung an den bis 2030/2050 zu erwartenden Bedarfen. Dabei dürfe der Bahnnahverkehr nicht hintangestellt werden, sondern müsse ebenfalls verbessert werden. 

Hagen (laut Schöberl als Vertreter der wirtschaftsfreundlichen Partei FDP) argumentierte gegen ein „Entweder Wirtschaft oder Heimat“, sondern für ein „Sowohl – als auch“, weil eine europäisch und global betrachtet, wettbewerbsfähige Wirtschaft, auch Voraussetzung ist für den Wohlstand in der Heimat. Er fordert allerhöchste Standards für Lärmschutz an Bestands- und Neubaustrecken sowie Dialog mit der Bevölkerung. Als Oppositionspolitiker sagt er: „Die Tiroler untertunneln 80 Prozent. Warum sollen wir das nicht hinkriegen?“ Dazu die Online-Moderatorin Franziska Eder „Weil‘s Geld kostet, vermutlich.“ Und Hagen sagt, wenn wir den Bahnverkehr nicht wollen, wird dies einen Ausbau der Inntalautobahn zur Folge haben, den er nicht haben will. 

Die Aufzeichnung der Sendung ist online in der BR-Mediathek abrufbar.

Gemeinsames Public Viewing der 16 Bürgerinitiativen vor der Halle 

Tilmann Schöberl begrüßte in der Sendung auch die zahlreichen Bürger, die sich vor der Halle zum gemeinsamen Public Viewing eingefunden hatten, das durch die 16 Bürgerinitiativen organisiert worden war. 

TV-Sendung „Jetzt red i“ und Public Viewing: Brenner-Nordzulauf war Thema am Mittwoch - Fotos Public Viewing

Themenseiten: 

- Brenner-Nordzulauf 

- Brenner-Basistunnel 

Facebook-Seite: 

- Brenner-Nordzulauf

Die Teilnehmer waren von den Bürgerinitiativen mit roten Warnwesten mit der Rückenaufschrift „Brenner DBakel“ ausgestattet worden. Die Fragen und Beiträge der Bürger in der Sendung wurden jeweils mit Beifall bedacht, auch am Ende der Sendung gab es Applaus als Zeichen der Zustimmung zu den vorgebrachten Anliegen.

Klaus Kubitza

Quelle: rosenheim24.de

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