KID-Mitglied aus Bernau schildert Weihnachten aus seiner Sicht

Die einen feiern, andere eilen von einer Tragödie zur nächsten

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Horst Henke vom BRK-Krisenintenventionsdienst.
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Bernau/Landkreis - Horst Henke kommt aus Bernau und ist Teamleiter beim BRK-Kriseninterventionsdienst Rosenheim. In dieser Reportage schildert er, was er und seine Kollegen an Weihnachten so alles erleben (müssen). Die Erlebnisse sind ebenso emotional wie traurig:

Am 23. Dezember um 20 Uhr begann mein 48-Stunden-Dienst. An Heiligabend wachte ich ganz normal auf. Kein Einsatz in der Nacht. Ich konnte gemütlich mit meiner Frau frühstücken. Mein Sohn schlief noch. Er hatte am Vorabend lange fern gesehen. Die Zeitung danach konnte ich aber nicht mehr ganz fertig lesen. 

Um 9.40 Uhr ging der Fernmeldeempfänger. "Das KID Rosenheim über Telefon die Leitstelle rufen", war die Meldung. Beim Anruf erfuhr ich, dass nach einer erfolglosen Reanimation die Ehefrau und die Tochter zu betreuen sind. Schnell verständigte ich meinen Teampartner und schon war ich unterwegs. Dort war der Rettungswagen noch vor Ort. 

"Immer wieder wurde geweint!"

"Frohe Weihnachten" begrüßte ich die Kollegen und wusste gleich, dass das die falschen Grußworte waren. "Erfolglose Reanimation, die Angehörigen sind in der Küche", war die knappe Antwort. In der Zwischenzeit war auch mein Teampartner eingetroffen. Die Angehörigen waren sehr aufgelöst und traurig. "Er war schon 10 Tage schlecht beieinander. Ich habe immer wieder gesagt, er soll zum Arzt gehen. Erst dachte ich, er schläft, aber er hat nicht reagiert. Sofort habe ich die 112 angerufen. Die sind dann schnell da gewesen. Die haben Schläuche und Kabel angeschlossen und dann haben sie gesagt, er ist tot. Wir wollten doch nachher in die Kirche gehen. Es ist doch Weihnachten.

Viel ging den Betroffenen durch den Kopf. Immer wieder wurde geweint. Nur langsam wurde die Situation klarer und der Tod begreifbar. Die Rettungsassistenten hatten den Toten auf dem Sofa aufgebahrt. Gemeinsam zündeten wir eine Kerze an und sprachen ein Gebet. Die Ehefrau und die Tochter verabschiedeten sich liebevoll von dem Verstorbenen. An solchen Tagen, wie familiäre Feiern oder kirchlichen Feiertagen dauert die Betreuung oft länger. Meist sind eineinhalb bis zweieinhalb Stunden notwendig um die Betroffenen wieder handlungsfähig zu machen, ihre Reaktionen zu erklären und auf die weiteren Schritte hinzuweisen. Um 13.40 Uhr verabschiedeten wir uns.  Eine kurze Nachbesprechung mit dem Partner, eine Butterbreze und ein Cappuccino beim nächsten Bäcker. Dort hieß es: "Um 14 Uhr machen wir aber zu!" 

Eltern von Drogentoten machen sich Vorwürfe

So lange hatten wir gar nicht Zeit. Um 13.57 Uhr alarmierte die Rettungsleitstelle uns erneut. Im Telefonat wurde uns erklärt, dass es einen Toten nach einer Wohnungsöffnung gibt. Die Eltern und die Polizei sind vor Ort. Als wir ankamen, standen die Eltern des Toten im Treppenhaus. Die Wohnung wurde aufgrund einer unnatürlichen Todesfolge zum Tatort erklärt. Von der Polizei erfuhr ich, der Tod könnte durch Drogen erfolgt sein. Die Auffinde-Situation und die Umstände erfordern umfangreiche Ermittlungen. Der Tote ist beschlagnahmt. Eine Verabschiedung ist hier und heute nicht möglich. Nun standen wir mit den verzweifelten Eltern im kalten Treppenhaus. 

Wie wünschte ich mir da wieder einen Einsatzbus mit Sichtschutzfolien an den Fenstern, mit einem Besprechungsraum, um die Betroffenen aus dem Geschehen zu nehmen und von der Öffentlichkeit abzuschirmen. Im Winter sollte er auch eine Standheizung haben. Leider fehlt dafür das Geld. Die Krisenintervention der Hilfsorganisationen und der Notfallseelsorge ist zum Großteil ehrenamtlich und für die Betroffenen auf jeden Fall kostenfrei. Vielleicht findet sich ja irgendwann einmal ein Sponsor. 

Die Eltern machten sich große Vorwürfe. Der Sohn war drogenabhängig und hatte sich schon länger nicht mehr gemeldet. Die Mutter wollte ihn gerne noch einmal sehen. Wir erklärten den Eltern, wie es jetzt weiter geht und dass eine Verabschiedung auch später beim Bestatter am offenen Sarg im würdigen Rahmen möglich ist. Nach einiger Zeit einigten wir uns darauf das Treppenhaus zu verlassen und die weitere Betreuung in der Wohnung der Eltern fortzuführen. Die Schwester des Toten musste noch verständigt werden. "Wie sag ich ihr das denn bloß?" Die klaren Worte, er ist gestorben, fallen so schwer, sind aber am einfachsten zu verstehen. Um 18.30 Uhr konnten wir die Familie wieder verlassen. Wir wurden von der Mutter fest gedrückt. "Vielen Dank, dass sie da waren!" Das sind die für uns emotionalen Momente, die mir dann auch eine Träne entweichen lassen. 

Laufende Reanimation mitten in Familienfeier

Als wir ins Auto einsteigen wollten, alarmierte uns die Leitstelle wieder. Eine laufende Reanimation bei einer Familienfeier. Als wir vor Ort waren, war die Reanimation abgebrochen worden. Der Patient war verstorben. Fünf Erwachsene und vier kleine Kinder waren in der Wohnung. Der Arzt hatte aufgrund einer Herzerkrankung einen natürlichen Tod festgestellt. Das bedeutet, es kommt keine Polizei. Aber der Totenschein kann erst in etwa vier Stunden durch einen anderen Arzt ausgestellt werden. 

Ich half dem Rettungsdienst den Verstorbenen im Schlafzimmer würdig aufzubahren. Unter den Erwachsenen herrschte große Trauer und Entsetzen. Die Kinder spielten schon wieder mit den Geschenken. Die Reanimation hatten die Kinder nicht mit angesehen. "Wie sollen die Kinder das begreifen?", stand im Raum. Wir erklärten den Erwachsenen, wie Kinder das verarbeiten. Dass die Kinder in dem einen Moment nicht daran denken und spielen, danach könnten sie wieder eine Frage haben oder weinen. Eine Verabschiedung kann hier hilfreich sein. Noch einmal den Verstorbenen anfassen und spüren, dass sich etwas verändert hat. Sehr junge Kinder sehen, dass die Mimik fehlt und können dadurch begreifen, dass etwas anders ist. 

Wir haben uns mit der ganzen Familie ums Bett gestellt. Eine Kerze wurde angezündet, ein Gebet gesprochen und ein Weihnachtslied wurde von der Familie für den Toten gesungen. Nachdem der Arzt da gewesen war und den Totenschein ausgefüllt hatte, konnte der Bestatter den Leichnam abholen. Um 23.15 Uhr verabschiedeten wir uns von der Familie. Es folgte eine kurze Besprechung mit dem Partner im Auto. 

Nächster Alarm nur Minuten später

Kurz bevor ich zu Hause war, ging schon wieder ein Alarm ein. Treffen bei der Polizeidienststelle zu einer Überbringung einer Todesnachricht. Eine Frau hatte sich Sorgen um ihre Schwester gemacht und die dortige Polizei verständigt. Die Schwester war seit 14 Tagen krank und meldete sich seit dem Vortag nicht. Die Polizei hatte die Tür öffnen lassen und die tote Schwester vorgefunden. Wir fuhren mit der Polizei zu der Frau. Was erwartet uns da? Eine Frau im Nachthemd? Eine Familie nach der Weihnachtsfeier? Die Frau war alleine und noch auf. Sie hatte noch auf eine Nachricht von ihrer Schwester gewartet. 

Die Polizisten überbrachten ihr sehr einfühlsam die Todesnachricht. Sie beschrieben die Situation, die ihre Kollegen vorgefunden hatten. Als alle Fragen beantworteten waren, verabschiedeten sie sich. Die Frau war sehr gefasst. Sie bot uns Tee und Plätzchen an und erzählte von ihrer Schwester. Sie hatte mit der Nachricht gerechnet und war vorbereitet. Auch mit ihren Angehörigen hatte sie schon telefoniert. Ihr Sohn war im Ausland und komme morgen zu ihr. 

"Feierabend" mitten in der Nacht

Um 1 Uhr war ich dann zu Hause. Meine Familie schlief schon fest. Der Baum war geschmückt, die LED-Kerzen am Christbaum waren noch an. Unter dem Baum lag ein Geschenkpaket. Ob das für mich ist? Leider war kein Name dran, also ließ ich es liegen. Im Kühlschrank stand noch Kartoffelsalat. Dazu gönnte ich mir ein kleines Bier. Am Morgen freute sich mein Sohn, dass ich das Geschenk in seinem Beisein öffnete und ich bis 20 Uhr keinen Einsatz mehr hatte. Dieses Jahr habe ich wieder Bereitschaftsdienst. Hoffentlich geht kein Alarm ein und ich kann ohne Probleme mit "frohe Weihnachten" grüßen...

Horst Henke/BRK Rosenheim, mw

Quelle: rosenheim24.de

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