Wirbel um kostenloses Heft "150 Jahre Stadt Rosenheim"

Ärger um die Jubiläums-Broschüre

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Das schnelle Geld mit dem Jubiläumsmagazin in Rosenheim
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Rosenheim - Zum 150. Jubiläum der Stadt Rosenheim konnten Anzeigenkunden Werbung in einem Magazin schalten. Nicht nur ein Nazi-Passus im redaktionellen Teil bereitet dabei jetzt Ärger.

"Nach Beendigung des 1. Weltkrieges waren Inflation, Arbeitslosigkeit und schlechte Versorgung die ständigen Wegbegleiter. Diese Situation änderte sich erst wieder entscheidenend, nachdem die NSDAP an die Macht kam. Danach ging es wieder bergauf. Die Arbeitslosigkeit schwand und die Talsole schien überwunden. Die Stadt Rosenheim erholte sich im Laufe dieser Zeit und fand zu ihrer wirtschaftlichen Stärke zurück."

Dieser Auszug aus dem Jubiläumsmagazin "150 Jahre Stadt Rosenheim" sorgte jüngst für Aufregung. Die Stadt Rosenheim distanzierte sich umgehend von den Äußerungen. Schon im Vorfeld hatte sie mehrfach darauf hingewiesen, mit dem Magazin nichts zu tun zu haben. Laut Christian Schwalm, Pressesprecher der Stadt Rosenheim, habe es mit dem "Media-Verlag", dem Herausgeber der Gratiszeitung, keinerlei inhaltliche Abstimmung gegeben.

Die Stadt war erst nach der Anfrage eines Rosenheimer Unternehmens auf das Blatt aufmerksam geworden. Dieser hatte sich erkundigt, ob der Media-Verlag im Auftrag der Stadt handele. "Da das nicht der Fall war, nahm die Stadt Kontakt mit dem Verlag auf. In einem Telefonat forderte die Stadt Rosenheim den Verlag auf, bei Abschluss eines Anzeigenvertrags einen Vertragszusatz aufzunehmen, der klarmache, dass es sich bei dem „Jubiläumsmagazin“ um keine amtliche Broschüre der Stadt Rosenheim handle", so Schwalm. Nach diesem Telefonat habe es keinen weiteren Kontakt mit dem Verlag mehr gegeben.

Fader Beigeschmack

Beim "Jubiläumsmagazin" handelt es sich um ein zwölfseitiges Heft mit laut Impressum 8.000 Stück Auflage. Im redaktionellen Teil erzählt es die Stadtgeschichte nach und auf zwei Halbseiten finden sich Veranstaltungskalender mit Rosenheimer Terminen des Jahres 2014. Auf den Seiten sind außerdem auch mehrere Fotografien der Stadt Rosenheim zu sehen. Fast 50 Prozent aller Seiten sind mit Werbeanzeigen bestückt. Soweit nichts ungewöhnliches für ein Magazin, das für die Leser kostenlos erhältlich ist. Fragt man nun aber bei den werbenden Firmen nach, zeichnet sich schnell ein Bild, das einen faden Beigeschmack hinterlässt.

Die von rosenheim24.de befragten Firmen gaben an, 300 Euro für eine Anzeige in der Größenordnung einer Achtel-Seite und zwischen 500 und 1.000 Euro für eine halbe Seite bezahlt zu haben. Die Firmen wurden dabei laut eigenen Aussagen im Glauben gelassen, dass es sich bei dem Magazin um ein offizielles Produkt der Stadt Rosenheim handle

Zum Vergleich: In der kostenlosen Event-Zeitung "LUDWIG" mit einer Auflage von über 25.000 Stück sind vergleichbare Anzeigen bereits für die Hälfte zu haben.

Rechnerisch ergäben sich somit Werbe-Einnahmen in Höhe von ca. 10.000 Euro für den Herausgeber des Jubiläumsmagazins. Der Druck eines vergleichbaren Magazins über Anbieter im Internet schlüge mit knapp 1.000 Euro für die angegebene Auflage von 8.000 Stück zu Buche.

Keine Stellungnahme vom Media-Verlag

Eine schriftliche Nachfrage mit der Bitte um Stellungnahme an den Herausgeber des Jubiläumsmagazins von rosenheim24.de blieb bis zum heutigen Tag ohne Antwort. Ein Telefongespräch mit dem für den Inhalt verantwortlichen Herausgeber, wurde nach kurzer Unterhaltung abrupt und mit gegen die Stadt Rosenheim gerichteten Beleidigungen ohne die Beantwortung der Sachfragen beendet.

Media-Verlag einschlägig bekannt

Der Herausgeber des Jubiläumsmagazins tritt unter zwei verschiedenen Geschäftsanschriften in Nürnberg und einer dritten Adresse in Puchheim bei München auf. Auf seiner Internetseite wirbt der Verlag mit Magazin-Titelseiten zu weiteren großen Geburtstagen anderer deutscher Städte.

Auf Nachfrage bei der Stadt Erlangen, die im Jahr 2002 ihr 1.000. Jubiläum feierte, konnte dort niemand sagen, ob es ein solches Magazin, wie es auf der Internet-Seite des Media-Verlags zu sehen ist, je gegeben hat. Der Sachverhalt sei der Stadt hingegen bekannt, man habe sich sogar die Mühe gemacht, bei den Nürnberger Adressen persönlich anzufragen. Laut dem Pressereferat Erlangen habe man bei der angegebenen Hausnummer lediglich ein Türschild und einen Briefkasten vorgefungen. Ein mehrmaliges Klingeln sei ohne Reaktion geblieben.

Die Stadt Bonn  ist ebenfalls auf der Internetseite des "Media-Verlags" mit einem Magazin-Cover vertreten. Auch hier hat es laut Angaben der damaligen Projektbetreuerin kein Jubiläumsmagazin eines externen Verlages gegeben.

Die Stadt Amberg machte im Jahr 2008 Bekanntschaft mit dem Media-Verlag. Ähnlich wie die Stadt Rosenheim gab die Stadtverwaltung eine Meldung an die örtlichen Medien heraus, um darauf hinzuweisen, dass es sich hier nicht um ein Projekt der Stadt handle. Von seiten der Verantwortlichen heißt es, dass Amberg selbst an einer Ausgabe zur 975-Jahr-Feier gearbeitet habe. Auch in diesem Fall habe es keinerlei Kontakt oder Abstimmung zwischen dem Media-Verlag und der Stadt gegeben.

Das Gewerbeamt der Stadt Nürnberg teilte rosenheim24.de nun mit, dass die Firma "Media-Verlag" keine Eintragung im Register der Stadt besitze. Somit entsprächen die Angaben im Impressum des Magazins und auf dessen Internetseite nicht den Tatsachen. Hier könne ein Verstoß gegen das Presserecht und das Telemediengesetz in Betracht kommen, so der Sprecher des Gewerbeamtes.  

Die Rechte der Anzeigenkunden

Peter Dürr, Fachanwalt für Strafrecht der Rosenheimer Kanzlei Dr. Herzog, rät den Anzeigenkunden im Zweifel zu einer Anzeige. "Betrug ist im Strafrecht aber ein weit gefasstes Feld und einer der kompliziertesten Delikte überhaupt", erklärt der Rechtsbeistand. Trotzdem könne jeder, der sich hier über den Tisch gezogen fühlt, bei der Staatsanwaltschaft oder der Polizei eine Anzeige erstatten. Dort gelte jedoch der Grundsatz "ohne Vermögensschaden kein Betrug".

"Betrüger sind meist sehr intelligente Täter, sie suchen sich gezielt Geschäftskunden aus und loten ganz bewusst die Grenzen der Legalität aus", so Peter Dürr. Eine Anfechtung wegen Täuschung könne in diesem Fall möglicherweise in Betracht kommen.

Aber: Der Beweis, dass ein finanzieller Schaden vorliegt, könne schwierig werden. Er liege, so Rechtsanwalt Dürr, nur dann vor, wenn der Herausgeber die vereinbarte Auflage bewusst unterschritten habe. Nur in diesem Fall habe der Anzeigenkunde "nicht die Gegenleistung erhalten, die er auch erwartet" habe.

Rosenheim24.de hat stichprobenartig bei einigen Örtlichkeiten angefragt, an denen auch andere Gratis-Magazine ausliegen. An diesen Orten war das Magazin jedoch zu keinem Zeitpunkt erhältlich. Ob und wo die 8.000 Broschüren in Rosenheim ausgelegt worden sind oder noch werden, ist bislang unklar. Bestätigt ist nur eine Anfrage beim Stadtmuseum mit der Bitte um Auslage. Diese hatte die Stadt Rosenheim jedoch abgelehnt. Versprochene Belegexemplare und weitere Ausgaben zum Auslegen in den Geschäften der Werbekunden, wurden bis heute nicht geliefert.

Update zur Verteilung: Laut User JohannS und Markus Pointner wurde die Broschüre auf dem real-Parkplatz in Rosenheim bei parkenden Autos unter die Scheibenwischer geklemmt sowie in der Gießereistraße vor die Haustüren gelegt.

Quelle: rosenheim24.de

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