Wasserstoff ist das bessere Öl

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Warum für Mercedes-Chef Dieter Zetsche die Brennstoffzelle die Zukunft ist

Elektroautos sind die Zukunft. Darin sind sich alle einig. Und so ist es kein Wunder, dass es bei der IAA in Frankfurt heuer einen Megatrend gibt...

Dr. Dieter Zetsche.

...der sich durch alle Autotypen vom Kleinwagen in der Stadt (z. B. der Smart electric) bis hin zum Supersportwagen (der i 8 von BWM) hinzieht. Doch woher bekommen wir so viel Energie? Und wie speichern wir Windenergie und Sonnenenergie für die Tage, an denen kein Wind weht und kein Sonnenstrahl durch die Wolken fällt? Dieter Zetsche, Vorstandschef der Daimler AG, hielt dazu ein flammendes Plädoyer für die Brennstoffzelle – wir drucken Auszüge:

BRENNSTOFFZELLE

In der Brennstoffzelle reagieren Wasserstoff und Sauerstoff zu Wasser, dabei wird elektrische trische Energie freigesetzt. Das Problem ist die Speicherung von Wasserstoff, im Augenblick geschieht das unter Druckverhältnissen von 700 bar (in einem Autoreifen sind etwa 2 bar). Jules Vernes schrieb 1870 (32 Jahre nach Erfindung der Brennstoffzelle): „Das Wasser ist die Kohle der Zukunft. DieEnergie von morgen ist Wasser, das durch elektrischen Strom zerlegt worden ist. Die so zerlegten Elemente des Wassers, Wasserstoff und Sauerstoff, werden auf unabsehbare Zeit hinaus die Energieversorgung der Erde sichern!“

„Es darf kein rücksichtsloses Wachstum geben. Wenn wir nach dem Motto „Nach uns die Sintflut“ wirtschaften, dann machen wir diese Sintflut ein gutes Stück wahrscheinlicher... Aber eine nachhaltige Lösung beispielsweise des Zielkonflikts zwischen dem weltweit wachsenden Mobilitätsbedarf und einem wirksamen Umweltschutz liegt nicht im Verzicht oder in Verboten, sondern in neuen, sauberen Technologien … Wir brauchen Wachstum durch Innovation. In diesem Sinne ist „höher, schneller, weiter“ alles andere als passé. Wir müssen höher zielen, schneller handeln und weiter denken... Was wir konkret darunter verstehen, möchte ich Ihnen am Beispiel der Brennstoffzelle erläutern – einer Technologie, mit deren Hilfe Wasserstoff in unserer Wirtschaft eine ähnlich zentrale Rolle übernehmen könnte, wie sie bisher das Öl hat …

Auf dem Weg zum emissionsfreien Fahren können verbrauchsoptimierte Diesel und Benziner letztlich nur eine Durchgangsstation sein. Denn selbst wenn der letzte Verbrennungsmotor optimiert, das letzte Haus gedämmt, und die letzte Glühbirne verboten ist, hätte die Welt bei steigenden Verbraucherzahlen immer noch ein CO2-Problem. Damit wir uns nicht missverstehen: Es geht mir ausdrücklich nicht darum, Energiesparbemühungen zu diskreditieren. Aber so weit können gegebene Technologien gar nicht mehr CO2-optimiert werden, wie es das absehbare Nachfragewachstum allein in China und Indien erfordern würde! Um auch nur das Ziel einer Begrenzung der globalen Erwärmung auf zwei Grad Celsius zu erreichen, müssten wir nach Berechnungen von McKinsey allein im Straßenverkehr die CO2-Emissionen bis 2050 um 95 Prozent senken. Das ist mit konventionellen Antrieben schlicht nicht zu machen!

Mercedes-Benz Forschungsfahrzeug F125

Wir müssen langfristig „höher zielen“ – auf einen echten Paradigmenwechsel. Und im Zentrum eines solchen Wechsels könnte die Brennstoffzelle stehen. Keine andere Technologie vereint so viele Vorzüge. Lassen Sie mich drei davon nennen: Erstens: kurze Tankzeiten. Während der Ladedauer anderer Elektroautos kann man „Krieg und Frieden“ lesen. Bei der Brennstoffzelle ist der Tank nach drei Minuten voll. Zweitens: hohe Reichweiten. Auch hier müssen viele batterie- elektrischen Fahrzeuge im Alltag alle 100 Kilometer wieder an die Steckdose. Unsere B-Klasse F-CELL schafft bis zu 400 Kilometer ohne Tankstopp. Drittens: große Vielfalt. Mit der Brennstoffzelle lassen sich nichtnurKleinwagenbewegen, sondern auch emissionsfreie Limousinen, SUVs, Transporter, Busse und perspektivisch sogar Lkw. Batterie-elektrisch wäre das schwierig:

Allein die Lithium-Ionen-Batterie eines 40-Tonners würde 50 Tonnen wiegen. Kurzum: Die Brennstoffzelle bietet alles, was Sie von herkömmlichen Autos gewohnt sind – außer den Emissionen … Der Weg dorthin muss allerdings auch politisch flankiert werden – auch wenn manche einwenden mögen, dass man im Kanzleramt zurzeit nicht mehr weiß, was man eigentlich zuerst retten soll: das Klima, den Euro oder den Koalitionspartner. Aber wenn es uns ernst ist mit dem Anspruch, Deutschland zum Leitmarkt für Elektromobilität zu machen, dann müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Das gilt auch und gerade für das Thema Infrastruktur. Um diesen Punkt zu unterstreichen haben wir in diesem Jahr drei wasserstoffgetriebene BKlassen um die Welt geschickt. Die Tour führte über 30 000 Kilometer und vier Kontinente – mit einer einzigen Botschaft: Die Technik ist da, jetzt müssen die Tankstellen folgen … Wasserstoff ist das mit Abstand häufigste Element im Universum… Durch die Fortschritte bei Sonnen-, Wind- oder Wasserkraft lässt sich Wasserstoff heute auch CO2-neutral erzeugen. Und ein weiterer Punkt kommt hinzu: Wasserstoff ist eine „demokratische“ Energieform, die in den meisten Regionen der Erde verfügbar ist.

Damit sparen wir uns den aufwendigen und riskanten Transport von Öl rund um den Globus. Verteilungskämpfe um Ölreserven verlieren an Bedeutung. Und auch Spekulationen auf den Ölpreis sind in einer funktionierenden Wasserstoffwirtschaft Geschichte. Plakativ könnte man sagen: Wasserstoff ist das bessere Öl. Und deshalb ist es Zeit für einen Öl-Wechsel …“

 

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