Das Lied von Eis und Schnee

Im Land der Erlkönige - die härtesten Autotests der Welt

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Im Norden von Lappland testen die Autohersteller ihre Modelle unter härtesten Bedingungen.

Eine kleine Gemeinde im Norden von Lappland wird jedes Jahr zum Mekka der Ingenieure und Entwickler. Hier finden die härtesten Wintertests der Automobilbranche statt. Wir waren dabei.

Das Land der Erlkönige liegt 56 Kilometer unter dem Polarkreis. Ein kaltes Land: die Durchschnittstemperatur beträgt durchschnittlich minus 13,1 Grad im Januar. Das Doppelte ist nachts völlig normal. Am 2. Januar 1966 wurde hier in der Gemeinde Arjeplog der immer noch gültige schwedische Temperatur-Negativ-Rekord aufgestellt: minus 52,5 Grad!

Kein Wunder, dass in der Gemeinde nicht mehr als knapp 4.000 Menschen leben. Normalerweise. Von Dezember bis März verzehnfacht sich diese Zahl. Denn dann ist nahezu die ganze Automobilwelt zu Gast. Und dann wird Lappland zum Erlkönig-Land. Hier sieht man mehr Prototypen und Vorserien-Fahrzeuge als sonst wo auf der Welt.

Wer Erlkönige sucht, ist hier genau richtig

Heute zum Beispiel den neuen 911er Porsche Turbo, einen Ferrari mit Tarnkappe, hier ein Hyundai, dort ein BMW – sogar die Lastwagen tragen Tarnfarben. Und das alles, um unter extremen winterlichen Bedingungen zu testen, wie sich Maschine, Material und Elektronik bewähren.

Neben den großen Automarken haben auch die Zulieferer hier ihre Stützpunkte. So wie GKN Automotive, ein Weltmarktführer in Sachen Antriebstechnik. Fast schon jeder Autobauer (genauer gesagt 90 Prozent) haben schon mal GKN gekauft.

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Steckt fast überall drin, doch kaum einer kennt's

Und die Wahrscheinlichkeit, dass Sie als Autofahrer schon Mal unbewusst auf GKN-Technik vertraut haben, ist hoch. Zum Beispiel im Volvo XC90 T8 Twin Engine, im Range Rover Evoque, im Mitsubishi Outlander PHEV, im Fiat 500 X oder im Jeep Renegade.

In zahlreichen Autos kommt Technik von GKN Automotive zum Einsatz.

Vorzeigestück der Briten, die in 27 Staaten weltweit vertreten sind, ist der BMW i8, dessen neuartiger Antrieb zusammen mit den Bayerischen Motorenwerken entwickelt wurde. Lange vorbei sind die Zeiten, als GKN nur auf Antriebswellen gesetzt hat. Heutzutage bietet das Unternehmen ganze Systeme mit Elektromotoren-Komponenten an.

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Top Secret: Im Dezember geht es auf in Arjeplog rund

Das Gelände hoch im Norden ist standesgemäß tief verschneit, über Schranken sind die Zufahrten zum Hornavan-See, mit bis zu 221 Metern das tiefste Binnen-Gewässer Schwedens, geregelt. Ab Mitte Dezember hat sich so eine dicke Eisschicht gebildet, dass der See die Autos trägt. Muss er auch, denn auf dem zum Teil spiegelglatten Eis herrscht mehr Verkehr als im ganzen Ort Arjeplog.

Prototypen, Abschleppfahrzeuge, Schneeräumer – sie alle teilen sich den See. Jeder Hersteller oder Zulieferer hat hier sein abgestecktes Gelände. Top secret – es soll ja nicht jeder sehen, was hier passiert. Für die Journalisten gilt: absolutes Fotografierverbot, Handys in die Taschen!

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Die Technik von morgen wird hier auf den Prüfstand gestellt

GKN testet hier verschiedene Antriebskomponenten in diversen Entwicklungsstadien. Da geht es beispielsweise um Antriebsmodule wie das "eAxle"-System, das schon auf dem Markt ist und mit einemintelligenten Kupplungssystem ausgestattet ist. Der Allradantrieb wir nur einschaltet, wenn er nötig ist. Sonst kommt die Power von der Vorderachse, wenn man auf trockener Straße fährt – und Spirt sparen will.

Auch das sogenannte "Torque Vectoring", schon aus dem Motorsport bekannt, spielt eine große Rolle. Vereinfacht ausgedrückt wird das Drehmoment elektronisch dorthin verteilt, wo es am meisten benötigt wird. Hinter- oder Vorderachse, rechter oder linker Reifen. Das ist wichtig beim Anfahren auf glatter Strecke, wenn ein Rad zum Beispiel im Schnee steht und das andere auf trockenem Asphalt. Mit Drehmomentverschiebung lässt sich einerseits das Fahrverhalten der Autos stabilisieren, andererseits auch die Agilität, gerade in Kurven, verbessern.

Bei den Tests wird natürlich nicht nur im Schnee gespielt, sondern auch wichtige Daten gesammelt.

GKN hat dafür die sogenannte "Twinster"-Technologie. Ohne E-Motor ist sie bereits beim Ford Focus RS im Einsatz, worauf man besonders stolz ist, weil hier unter Motorsport-Bedingungen entwickelt wurde. Der "eTwinster" ist noch im Test-Stadium. Hier wird die Kraft aus einem 82 PS starken E-Motor noch zusätzlich eingesetzt. Mit einem Drehmoment von bis 2.400 Nm, was ganz schön gewaltig ist.

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Testen bis ans Limit und darüber hinaus

Wie gut die Systeme arbeiten kann man auf dem zugefrorenen See bestens testen. Ganz ohne Angst, dass einem ein anderer Verkehrsteilnehmer im wahrsten Sinn des Wortes in die Quere kommt. Ob auf dem Handling-Track mit den hohen Schneewänden oder in einem Kreis-Kurs, der 250 Meter Durchmesser hat.

Gas geben, auf Tempo 80 beschleunigen, Einlenken und dann "hurra die Gams" einfach an die Grenzen gehen. Mit und ohne elektronische Sicherheitssysteme. Dabei arbeitet die variable Drehmomentverteilung so perfekt, dass man den Rundkurs immer hart am Grenzbereich manchmal sogar driftend bewältigt. Man steuert mehr mit dem Gas als mit dem Lenkrad, was wirklich eine Grenzerfahrung ist. Fast schneeblind, vorbei an kleinen Inseln (was für ein seltsames Gefühl, mit einem Auto ein Eiland passieren) fahren wir zurück aufs Festland. Manchmal, so erzählen Techniker, stehen auch Elche am Ufer und schauen zu.

Hier jagen die Prototypen über Rüttelpisten und Co.

Zurück zur Basisstation gibt es noch eine Offroad-Strecke zu bewältigen "Vorsicht, da sind Koreaner, die rasen schon mal den Hügel hoch!", warnt unser Instruktor. Hier geht es zu wie auf dem Stachus an verkaufsoffenen Samstagen. Wir bewältigen Steigungen und Gefälle bis zu 33 Prozent. Es gibt Rüttelpisten und sogar beheizte Asphaltfläche gleich direkt daneben gefrorene Bahnen. Alle Bedingungen, die ein Winter zu bieten hat, sind hier auf wenigen Metern versammelt.

Auch wenn die Teststrecke abgsperrt ist, muss man auf Verkehr achten. Denn hier trifft sich das Who-is-Who der Autobranche.

Es geht vorbei an verschneiten Treibstofftanks, an Containerlagern und großen Hallen. Dazwischen wieder Prototypen von Autos, die man vielleicht erst in Jahren auf der Straße sieht. Manche tragen schwarze schwere Schürzen, so als ob sie bei Mad Max mitgespielt hätten. Irgendwie sieht es hier aus wie auf einem geheimen Testgelände der Militärs. Oder wie in einem Level dieser völlig abgefahrenen und apokalyptische Ego-Shooter-Spiele. Hier knapp unter dem Polarkreis im Land der Erlkönige.

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Rudolf Bögel

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