"Wurde Zeit, dass er mal reingeht"

Boapeng! Deutschland hämmert sich ins Viertelfinale

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Lille - Deutschland steht im Viertelfinale der EM 2016. Im Achtelfinale besiegte die DFB-Elf mit einer starken Leistung die Slowakei. Boateng, Gomez und Draxler trafen.

Schon kurz nach dem souveränen Viertelfinal-Einzug hakte Joachim Löw die bisherigen Europameisterschafts-Auftritte als Aufwärmphase ab. Erst jetzt sieht sich der Fußball-Weltmeister in Frankreich vor echten Herausforderungen. „Bei allem Respekt für den Gegner: Das war nicht der Maßstab, nicht der Gradmesser“, sagte der Bundestrainer ohne jede Euphorie nach dem souveränen 3:0 (2:0)-Sieg gegen hoffnungslos überforderte Slowaken. „Es gibt andere Mannschaften, die sind von der Qualität und Stärke ganz anders anzusiedeln. Wir müssen uns weiter steigern, wenn wir das Turnier gewinnen wollen“, unterstrich Wettkampftrainer Löw.

Auf jeden Fall hat der starke Auftritt am Sonntag auf dem neu verlegten Rasen im Stade Pierre-Mauroy von Lille die Lust im Team und die Euphorie bei den Fans in der Heimat wieder richtig geweckt. Erstmals bei dieser EM verließen die deutschen Spieler gelöst und richtig zufrieden die Wettkampfstätte Richtung EM-Basiscamp am Genfer See. Die Stimmung erinnerte sogar schon ein wenig an die triumphalen WM-Tage vor zwei Jahren. Der immer nach Verbesserungen fahndende Löw sprach nach dem vierten Zu-Null-Spiel von einer „sehr, sehr guten Leistung“. Doch auch da schloss er die klare Warnung an: „Jetzt kommt mit Spanien oder Italien ein anderes Kaliber.“

Das Spiel des Weltmeisters kann sich aber auch sehen lassen. Der rechtzeitig von einer Wadenverhärtung genesene Abwehrchef Boateng mit seinem ersten Länderspiel-Tor (8. Minute), Mario Gomez (43.) und Julian Draxler (63.) sorgten in Lille für klare Verhältnisse. „Das ist so ein schöner Moment, den will ich genießen und gar nicht mehr zurückdenken. Es macht riesigen Spaß in dieser Mannschaft zu spielen“, sagte Gomez und blickte bereits auf das Viertelfinale: „Jetzt kommen die Spiele, auf die wir uns freuen. Deshalb sind wir ja zur Euro gefahren. Wir wollen den Titel ganz klar. Und dafür musst du auch solche Mannschaften schlagen.“

Gomez schwärmte außerdem von den „zwei Zauberfüßen“ Draxlers, der zum „Man of the Match“ gekürt worden war. Draxler selbst sprach von einem „schönen Tag für die Mannschaft und mich“. Auch Boateng war glücklich, dass ihm sein erstes Tor im DFB-Dress gelungen war. „Es wurde auch Zeit, dass er mal reingeht“, sagte der Verteidiger, dessen Wade keine Probleme bereitete. Seine Auswechslung sei eine Vorsichtsmaßnahme gewesen.

Die deutsche Auswahl konnte es diesmal verschmerzen (Der Live-Ticker zum Nachlesen). „Ich liebe K.o.-Spiele über alles“, hatte Löw vor dem Wiedersehen mit den Slowaken angekündigt und wurde mit dem zehnten Sieg in einem Alles-oder-Nichts-Spiel unter seiner Führung belohnt. Nicht nur das Ergebnis, auch die Leistung dürften dem Coach gefallen haben. Die deutsche Elf ließ den Slowaken mit Dauerdruck und tollen Kombinationen kaum Luft zum Verschnaufen. Wieder einmal funktionierte das Gegenpressing im Mittelfeld durch das starke Duo Toni Kroos und Sami Khedira, dazu ließen in der Abwehr Boateng und Mats Hummels auch im vierten Spiel kein Gegentor zu.

EM 2016: Boateng trifft früh für die DFB-Elf

Boateng war es auch, der dem dreimaligen Europameister einen perfekten Start bescherte. Nach einer Ecke von Kroos traf Boateng mit einem satten 18-Meter-Schuss, der von der slowakischen Hintermannschaft leicht abgefälscht wurde. Der Bayern-Verteidiger, der in seinem 63. Länderspiel erstmals traf, rannte nach dem Tor sofort zu Teamarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und Physiotherapeut Klaus Eder. Die medizinische Abteilung hatte Boateng nach einer Wadenverhärtung im Spiel gegen Nordirland (1:0) wieder rechtzeitig fit bekommen.

Auch nach dem schnellsten deutschen Treffer bei einer EM-Endrunde ging das Spiel weiter nur in Richtung des slowakischen Tores. Und nur fünf Minuten später hätte Özil auf 2:0 erhöhen können, doch der Elfmeter des Ausnahmetechnikers war zu unplatziert geschossen.

EM 2016: Harmlose Slowaken bleiben blass

Der vergebene Elfmeter brachte die DFB-Elf aber nicht aus dem Konzept. Özil hatte nach Kopfball-Vorlage von Gomez eine weitere hochkarätige Möglichkeit per Dropkick (24.), dazu vergaben Kroos (16.) und Khedira (26.) aus der Distanz. Eine weitere gute Gelegenheit besaß Julian Draxler mit einem Drehschuss. (39.). Der Wolfsburger war für Mario Götze in die Startelf gerückt und agierte wesentlich agiler als noch bei seinen ersten Auftritten.

Die vielen vergebenen Möglichkeiten hätten sich kurz vor der Pause beinahe gerächt, als Juraj Kucka nach einer Flanke des Berliners Peter Pekarik mit einem Kopfball Manuel Neuer zu einer Parade zwang (41.). Noch vor vier Wochen hatte der EM-Debütant ein Testspiel gegen Deutschland mit 3:1 bei Blitz und Donner in Augsburg gewonnen, was Löw als „Weckruf“ bezeichnete.

Die Hoffnungen auf einen ähnlichen Coup sanken aber schon in der 43. Minute auf ein Minimum. Nach einer feinen Einzelaktion von Draxler traf Gomez aus kurzer Entfernung. Für den Torschützenkönig aus der Türkei war es das 29. Länderspiel-Tor und das fünfte bei einer EM, womit er zum deutschen Rekordschützen Jürgen Klinsmann aufschloss.

Nach dem Hochgeschwindigkeits-Fußball in der ersten Halbzeit schaltete die DFB-Auswahl einen Gang herunter. Entschieden war das Spiel endgültig mit dem Tor von Draxler, der seine starke Leistung mit dem Volleyschuss ins Netz nach Hummels' Kopfball-Vorlage krönte.

Der Treffer war sogleich das Signal an Löw, Kräfte für höhere Aufgaben zu schonen. Draxler und Boateng machten in der 72. Minute für Lukas Podolski und Benedikt Höwedes Platz. Kurz darauf durfte auch Kapitän Bastian Schweinsteiger bei seinem 16. EM-Einsatz weitere Minuten Einsatzzeit sammeln, als er für den gelb-vorbelasteten Khedira eingewechselt wurde.

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