Michael Stürzer hat den Krebs besiegt und spielt wieder Fußball

Totgesagte kicken länger

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Michael Stürzer (r.) scheut trotz seiner Vergangenheit auch kein Kopfball-Duell.
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Tuntenhausen - Vor mehr als drei Jahren wurde bei Michael Stürzer ein aggressiver Tumor im Gehirn entdeckt. Die Ärzte gaben ihm nicht mehr lange zu leben. Heute hat er sich wieder zurück ins Leben gekämpft. Kürzlich feierte er sogar sein Comeback für den TSV Hohenthann/Beyharting.

Es läuft die 47. Minute in der C-Klassen-Partie zwischen dem SV Schechen II und dem TSV Hohenthann/Beyharting II: Auf Höhe des Mittelkreises kommt es zum Zweikampf in der Luft. Michale Stürzer, von allen nur „Stuzi“ genannt, steigt zum Kopfball hoch und trifft den Ball mit der rechten Stirnseite mit voller Wucht. Auch sein Gegenspieler hält wuchtig mit dem Kopf dagegen und drückt den Arm gegen Stürzers Brust. Schweißperlen spritzen von den Köpfen der Spieler.

Wer die Geschichte des 24-Jährigen kennt, dem stockt bei dieser Kopfball-Szene erst einmal der Atem. Anfang des Jahres 2013 wurde bei Stürzer ein aggressiver Tumor im Gehirn entdeckt. „Mir war immer schwindlig. Wenn ich beim Skifahren gebremst habe, hat sich alles gedreht. Dann bin ich zur Kernspintomografie“, erinnert er sich zurück. Nachdem seine Schädel-Decke das erste Mal angebohrt und Proben des Tumors untersucht wurden, bekam der junge Mann die Horror-Diagnose: Ein Lymphom im zentralen Nervensystem – eine seltene Form von Krebs im Gehirn.

Horror-Diagnose: Aggressiver Tumor im Gehirn

„Da ein Lymphom, auf eine Blutbildungsstörung der Lymphozyten zurückzuführen ist, kann man es nicht einfach aus dem Gehirn rausschneiden, wie beispielsweise bei einem Befall der Lymphknoten“, erklärt Stürzer. Die Ärzte beginnen sofort mit der Chemo-Therapie, um eine sogenannte Eigenstammzellen-Transplantation durchzuführen. Doch dieser Versuch scheitert. „Im Hirn gibt es eine Schutzschicht, die verhindert, dass Bakterien dorthin gelangen. Allerdings hat diese Schicht auch die Medikamente zurückgehalten, die mir eigentlich hätten helfen sollen“, sagt Stürzer.

Nachdem klar ist, dass der Krebs nach wie vor im Körper des Studenten sitzt, versuchen es die Ärzte mit einer Strahlen-Therapie. „Das war zumindest angenehmer als die Chemo“, meint der junge Mann aus der Gemeinde Tuntenhausen. Nach diesem Eingriff ist der Krebs für fünf Monate zurückgedrängt, dann bricht er wieder aus. Die Ärzte wussten zu diesem Zeitpunkt nicht mehr weiter. „Aber Totgesagte leben bekanntlich länger“, sagt Stürzer heute. Zum Glück entscheidet sich eine sehr erfahrene Ärztin am Klinikum Großhadern dazu, eine Transplantation mit fremden Stammzellen durchzuführen. Die Methode gilt bei dieser Krebserkrankung als bisher unerprobt.

Stammzellentransplantation als letzte Chance

Die Stammzelltransplantation ist Stürzers letzte Chance. Dabei wird mit einer Chemotherapie versucht, alle Zellen zu töten um eine Abstoß-Reaktion zu vermeiden, bevor der Patient gesunde Stammzellen von einem fremden Spender erhält. Ein Spender ist in Stürzers Fall schnell gefunden: Sein Vater hat die passenden Stammzellen und zögert keine Minute, seinem Sohn diese zu spenden.

Doch zuerst muss er die extrem starke Chemotherapie über sich ergehen lassen. „Ich war am Ende meiner Kräfte, konnte nur noch sitzen und liegen. Ich war so schwach, dass ich mich nur im Rollstuhl fortbewegen konnte“, erinnert er sich. Das war für ihn die schwerste Zeit seiner Erkrankung. Vor allem, weil er fast vier Monate im Isolationszimmer lag, um eine Infektion zu vermeiden.

Vier Monate im Isolationszimmer

„Wegen der Transplantation mussten die Ärzte mein Immunsystem quasi auf null herunterfahren. Darum war ich so schwach und habe viel Gewicht verloren“, erklärt Stürzer. Aufgeben war für ihn nie ein Thema: „Mit Anfang 20 will man einfach noch nicht sterben. Wenn du am Boden liegst, gibt es nur eine richtige Entscheidung: Wieder aufstehen! Ich habe mir geschworen, irgendwann wieder auf einem Fußballplatz zu stehen.“

Seine Familie gibt ihm die nötige Kraft in dieser Zeit. Seine Eltern besuchen ihn täglich, sein Bruder und seine Freunde kommen so oft wie möglich in die Klinik. Seine Freundin Magdalena hält trotz der tödlichen Krankheit immer zu ihm, gibt die Beziehung trotz der schwierigen Umstände zu keinem Zeitpunkt auf. „Ich bin ihnen allen so unendlich dankbar, dass sie mir durch diese schwere Zeit geholfen haben“, sagt Stürzer.

Ab Oktober 2014 geht es bergauf

Besonders dankbar ist er auch seinem „persönlichen Schutzengel“. Der Onkel seiner Freundin ist Pfarrer und hat eine Bekannte, die kranken Leuten durch intensive Betreuung in ausweglosen Situationen hilft. „Wenn mir früher jemand davon erzählt hätte, hätte ich nur mit dem Kopf geschüttelt. Aber wenn du gesagt bekommst, dass die Chancen auf Genesung schlecht stehen, nimmst du jede Hilfe an. Sie hat mir in psychischer und körperlicher Hinsicht gegen die extremen Torturen sehr geholfen“ meint Stürzer.

Im Oktober 2014 wird er schließlich transplantiert. Von dort an geht es bergauf. Sein Körper nimmt die Zellen seines Vaters gut an, Weihnachten feiert er schon wieder daheim und im Frühjahr 2015 steigt er wieder in sein Wirtschaftsingenieurs-Studium an der Hochschule Rosenheim ein: „Den Stoff für zwei Klausuren habe ich mir selber beigebracht und die Prüfungen bestanden. Die Hochschule ist mir während meiner Krankheit immer entgegengekommen.“

Punktspiel-Comeback Anfang April

Im Sommer trainiert Stürzer das erste Mal mit seiner Mannschaft, beschränkt sich auf Kraft- und Stabilitätsübungen. „Ich habe immer noch ein bisschen Probleme mit dem Gleichgewicht. Darum war ich im Sommer auf Reha“, sagt er. Dann steigt der Hobby-Fußballer ins Mannschaftstraining ein. „Meine Mitspieler passen schon auf, wenn sie einen Zweikampf mit mir haben. Wenn es sein muss, gehe ich im Zweikampf auch mit vollem Körpereinsatz dazwischen.“ In der vergangenen Wintervorbereitung zieht Stürzer voll mit, steht zweimal in der Woche beim Training auf dem Platz.

Anfang April feiert er sein Punktspiel-Comeback und steht in der Partie daheim gegen den TuS Großkarolinenfeld in der Start-Elf. „Nach einer halben Stunde ging mir die Luft aus. Ich habe immer noch wenig Sauerstoff im Blut, darum ist meine Kondition noch nicht die allerbeste“, lacht Stürzer. Es sei ein unglaubliches Gefühl, wieder auf dem Platz stehen zu dürfen. „Darum ist es mir egal, ob ich C-Klasse oder Bezirksliga spiele, Hauptsache wieder einen Ball am Fuß.“

Stammplatz in der ersten Mannschaft als Ziel

Sportliche Ziele hat sich der Mittelfeldspieler schon gesetzt: Er möchte sich wieder seinen alten Stammplatz in der ersten Mannschaft des TSV Hohenthann/Beyharting erkämpfen. Darum scheut Stürzer auch in seinem zweiten Spiel in Schechen keinen Zweikampf und auch kein Kopfball-Duell. „Manchmal muss ich mich bremsen. Es geht nach meiner Erkrankung nur Schritt für Schritt“, gesteht er.

 Ob seine Krankheit vielleicht wieder ausbricht, kann Stürzer noch nicht endgültig ausschließen. Die Art und Weise, wie er von seiner Krankheit geheilt wurde, ist laut seinen Ärzten einzigartig. „Normalerweise spricht man von einer Heilung, wenn der Krebs nach fünf bis zehn Jahren nicht mehr ausgebrochen ist. Von meiner Behandlungsmethode gibt es aber noch keine Erfahrungswerte“, sagt er. Stürzer ist aber davon überzeugt, dass Totgesagte nicht nur länger leben, sondern auch länger kicken.

Quelle: rosenheim24.de

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