Kommentar zur süchtig machenden Erfolgs-App

Pokémon Go: Ist der Hype bald schon wieder vorbei?

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Rosenheim - "Schnapp sie dir alle!" Seit dem Release von Pokémon Go geht gefühlt der ganze Globus dem Leitspruch des erfolgreichen Franchises nach. Doch ob es lange so bleibt, wage ich stark zu bezweifeln. Ein Kommentar von Michael Heymann

Ein Sturm tobt. Der Sommer 2016 zeigt sich wieder einmal von seiner ungemütlichen Seite. Badeseen sind wie leergefegt, Strandbars machen gar nicht erst auf. Die meisten Menschen denken bei diesen äußeren Bedingungen nicht einmal im Traum daran, einen Schritt vor die Haustüre zu setzen. Der Release von Pokémon Go könnte an diesem Fakt jedoch alles ändern.

Mutige Trainer, die sich, trotz Wind und Wetter, mit ihrem Smartphone bewaffnet auf die gefährliche Pokémon-Jagd begeben. Die keine noch so lange Strecke und heftige Gewitter scheuen, um sich ein seltenes Sichlor aus dem hohen Gras zu fangen. "Sind diese Leute verrückt", wird sich der ein oder andere fragen. Vielleicht ein bisschen. Vielleicht sind sie aber auch nur gefesselt von einem Konzept, das schon vor einem Jahr als Erfolgsgarantie von allen Spielredakteuren dieser Welt prophezeit wurde.

Erfolg vorprogrammiert

31 Millionen Aufrufe hat einer der ersten Pokémon-Go-Trailer aus dem Jahre 2015 inzwischen gesammelt. Nachdem durch viele Gerüchte die ersten Visionen, wie denn ein Pokémon-Spiel in der "realen" Welt aussehen könnte, in den Köpfen der unzähligen rollenspielbegeisterten Fans Gestalt annahmen, schien der Trailer alle Wünsche der Trainer restlos zu erfüllen. Pokémon laufen in der Stadt herum, tummeln sich in Seen oder auf großen Bergen. Dargestellt mit tollen Effekten, die nur durch einen leichten farblosen Grafikstil von echten Tieren zu unterscheiden sind. Am Ende des Trailers sah man, wie die Darstellung allerdings auf dem Handy final zu sehen sein wird. Ein krasser Unterschied, der aber für keinerlei Dämpfung des Hypes sorgen sollte. Vielleicht auch deshalb, weil viele wohl mit einer kompatiblen Version für VR-Brillen rechneten oder noch immer rechnen.

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° Wo sind seltene Pokémon in der Region?

Letztendlich war es aber vollkommen egal, was Nintendo und die Entwickler Niantic aus dem Projekt machen würden. Ein Erfolgsgarant würde es in jedem Fall werden. Mit ihrem ersten Spiel Ingrees, das ebenfalls mit dem Smartphone gesteuert wird und mithilfe von GPS und Internet die gleichen Mechaniken nutzt wie Pokémon Go bewiesen die Niantic-Mitarbeiter, dass sie ein solches Mammut-Projekt auf die Beine stellen können. Nintendo brauchte also nur noch den passenden Namen zu liefern: Pokémon! Erfolgsstory seit 1996. Bahnbrechende Verkaufszahlen. Beliebt bei Kindern und Erwachsenen, die sich zwar größtenteils seit Ewigkeiten nicht mit den Monstern beschäftigt haben, aber mit der ersten Generation aufgewachsen sind. Dennoch: Auf einer tragbaren Konsole wie dem 3DS oder dem Gameboy hätte das Projekt dann wahrscheinlich trotzdem nur mittelmäßig funktioniert. Ein Smartphone hat aber inzwischen nahezu jeder in der Tasche.

Ein Planet flippt aus

Und dann war es soweit. Anfang Juli ließ Nintendo die kleinen, bunten Viecher ein weiteres Mal auf die Menschheit los. Die Folge: Serverüberlastung, kein Scrollen in den sozialen Netzwerken, ohne nicht von Pokémon Go verschont zu werden und eine Nintendo-Aktie, die sich auf den höchsten Stand seit etlichen Jahren befindet. Es dauerte nicht lange, bis es zu den ersten kuriosen Fällen kam. Da findet eine Trainerin, die sich auf die Pirsch gemacht hatte, um die Allerbeste zu sein, beim Pokemon suchen eine Leiche. Oder ein Mann fängt seelenruhig ein Taubsi, während seine Frau im Krankenbett daneben gerade ein Kind zur Welt bekommt. Irgendwie gruselig, man weiß nicht so recht ob man weinen, lachen oder einfach die Sache geschehen lassen soll. Immerhin sorgt die App auch für neue Jobs: Jetzt gibt es schon professionelle Pokémon-Trainer!

Fakt ist: Der Hype ist da! Läuft man zum Beispiel durch die Rosenheimer Straßen, trifft man etliche Trainer, die sich über ihre neusten Errungenschaften austauschen, zur nächsten Arena schlendern oder versehentlich gegen ahnungslose Fußgänger laufen, die sich lauthals über die vielen "Smombies" beschweren. In der Münchner Innenstadt konnte ich live erleben, wie sich bestimmt 200 Leute auf einem großen Platz versammelt hatten, um gemeinsam Pokémon zu jagen. In regelmäßigen Abständen wurden Items eingesetzt, die die Pokémon in näherer Umgebung anlocken und für alle Sammelwütigen zugänglich machen. Die positiven Aspekte sind also auch offensichtlich: Kinder gehen wieder raus an die frische Luft zum "spielen", die sozialen Kontakte nehmen deutlich zu, auch wenn Augenkontakt beim Sprechen durch die App natürlich ins Wasser fällt.

Blicke ich unter die Kommentare von unzähligen Artikeln, die die Presse auf der ganzen Welt inzwischen über Pokémon Go veröffentlichte, lese ich zum großen Teil nur Negatives. "Die Welt wird immer verrückter", "Alle geben ihre Daten völlig freiwillig an andere weiter" oder "Es wird nicht lange dauern, bis der erste vor ein Auto rennt!" sind die typischen Kommentare von besorgten Bürgern. Die wenigen Befürworter, die sich die Zeit nehmen, die unschuldigen Pokémon zu verteidigen, antworten meist mit Gelächter oder mit dem Vorurteil, dass sich die Kritiker wohl gar nicht mit der Thematik auseinandergesetzt haben. Doch egal zu welcher Seite man gehört, vielleicht hat der Pokémon-Hype ja schon bald wieder ein Ende.

Da muss noch einiges passieren

Auch ich bin zurzeit wieder den Taschenmonstern verfallen, mit denen ich von der ersten Generation für den Gameboy aufgewachsen bin. Dieses bekannte Gefühl, wenn dir der Pokémon-Professor nach einschalten der App eines der Starter-Pokémon zur Verfügung stellt - fast wie damals! Inzwischen freue ich mich auf den Weg zur Arbeit und zurück, da ich unterwegs nicht nur einige Viecher abgreifen, sondern noch sieben PokéStops, in denen ich wertvolle Items finde, besuchen kann. Auf mein Tauboss, das einen GP-Wert von 630 hat, bin ich auch schon ganz stolz. Und ja, nach zwei Tagen zocken bin ich noch lange nicht gesättigt, möchte wissen wie stark die Gegner in der nächsten Arena sind und ob auf meinem Heimweg endlich ein Dratini im Gras auftaucht. Ich glaube vielen Trainern, die gleich nach Release die App runtergeladen haben, geht es zurzeit genauso.

Allerdings gab es schon einige Menschen, die sich Pokémon Go vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin heruntergeladen haben und schon jetzt über Abnutzungserscheinungen reden. Ständig tauchen die gleichen Pokémon auf, die Arenen werden von Trainergruppen kontrolliert, die mit ihren Level 1000 Pokémon eindeutig zu viel Zeit oder Glück besitzen, und so für den Gelegenheitsspieler eine uneinnehmbare Hürde darstellen. Da es nicht viel mehr bislang gibt, als teils aussichtslose Arenakämpfe zu bestreiten und Monster zu fangen, weiß ich nicht, ob die Langzeitmotivation bleibt oder viele maximal in einer ruhigen Minute die App kurz einschalten, um das nächstgelegene Rattfratz einzufangen.

Klar: Entwickler Niantic verspricht regelmäßige Updates. Bald wird man mit anderen Trainern tauschen und kämpfen können. Die Integration der über 600 anderen Pokémon ist bestimmt auch schon in Planung. Ich kann mich natürlich täuschen, aber in meinen Augen wird das aber maximal für eine weitere Woche fesseln, bis die Pokémon bis zum nächsten Update hinter Facebook- und Youtube-App verstauben. Der hohe Akkuverbrauch spielt dabei natürlich auch eine Rolle. Will man den vollen Spielgenuss erleben, fängt man seine Taschenmonster mit Augmented Reality. Nebenher dudelt die fröhliche Poké-Musik und das Zoomen zum Suchen von neuen Tierchen ist auch ein herber Akkufresser. Keine drei Stunden dauert es, bis das rote Lämpchen dann alarmierend dazu anregt, daheim das Handy zu laden. Ein Spiel für große Ausfahrten ohne Lademöglichkeit ist Pokémon Go also nicht.

Fazit:

Ich konnte mir denken, dass die Pokémon mit der Go-App die Herzen der Menschen erneut im Sturm erobern können. Dass der Erfolg aber so groß wird, hätte ich nicht erwartet. Ich finde es einfach klasse, dass es sich zum Beispiel Michelle Obama über Jahre zur Aufgabe gemacht hatte, dicke amerikanische Kinder zum Abnehmen zu bewegen, aber erst eine simple Spiele-App wie Pokémon Go es mit einfachsten Mitteln augenscheinlich schafft. Der Sammeltrieb der Menschen ist einfach unbestreitbar - das wussten natürlich auch Niantic und Nintendo, die man nur beglückwünschen kann, dass sie genau die richtigen Hebel umlegten.

Pokémon-Go-Abenteuer in Rosenheim 

Ich bleibe trotzdem dabei: Wenn in den nächsten Monaten keine bahnbrechenden Verbesserungen in das Spiel integriert werden, könnte der Hype sehr schnell von einem ähnlichen Game mit anderen reizvollen Konzepten aufgesaugt werden. Weil Pokémon Go eigentlich kein vollwertiges Spiel ist, sondern eher ein Zeitvertreib, der irgendwann langweilig werden könnte.

Quelle: rosenheim24.de

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