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Experte erklärt: Das steckt hinter der Türkei-Offensive in Syrien

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Die türkische Offensive in Syrien begann vor einigen Tagen.
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Die türkische Offensive in Syrien begann vor einigen Tagen.

Damaskus - Die Türkische Armee weitet ihre Offensive „Schutzschild Euphrat“ in Syrien aus – mit großem Erfolg:  In der tz erklärt ein Experte, was hinter der Militäraktion steckt.

Den türkischen Truppen und den mit ihnen verbündeten syrischen Rebellen gelang es, die Kämpfer des Islamischen Staates aus der Grenzstadt Dscharablus zu vertreiben. Die Stadt war drei Jahre lang vom IS kontrolliert worden. Der türkische Verteidigungsminister Fikri Isik betonte, der Einsatz richte sich auch gegen die kurdische PYD, die von den USA unterstützt werden: „Wir werden dafür sorgen, dass die PYD nicht an die Stelle des IS tritt“, so Isik.

Ein UN-Bericht klagt derweil das Assad-Regime und den IS an, Giftgas eingesetzt zu haben. Was tut der Westen, um diesen seit fünfeinhalb Jahren tobenden Bürgerkrieg zu beenden? Wie stehen die USA zu den Attacken der Türken auf ihre kurdischen Verbündeten? In der tz erklärt der Nahost-Experte Prof. Udo Steinbach die veränderte Lage in Syrien.

"Die Türkei wird die nicht-kurdischen Kräfte unterstützen"

Was ist das Ziel der türkischen Offensive?

Prof. Udo Steinbach: Die Türkei will verhindern, dass kurdische Freischärler eine Verbindung zwischen den kurdischen Gebieten im Westen und im Osten schlagen. Falls die Kurden den Islamischen Staat in dieser Region bezwungen hätten, hätten sie einen Zusammenschluss der Kurdengebiete erreicht – für die Türkei wäre das der entscheidende Schritt hin zu einem Kurdenstaat. Deswegen haben die Türken nun begonnen, den Islamischen Staat in dieser Region selbst zu bekämpfen, um nicht den Kurden diesen Erfolg zu überlassen.

Wird die Türkei die eroberten Gebiete dauerhaft besetzen?

Steinbach: Nein, aber sie wird versuchen, dort politische Kräfte zu unterstützen, die nicht kurdisch sind.

Hat Erdogan US-Präsident Obama über diesen Einmarsch in die Türkei vorher informiert?

Steinbach: Nein, die USA sind überrumpelt worden. Weil die USA aber die Türken als Verbündete unbedingt brauchen, haben sie die Kurden als Bauern­opfer fallen lassen. Es erschien den Amerikanern in der jetzigen Situation das kleinere Opfer im vergleich zur Haupt-Forderung der Türkei: den angeblichen Putsch-Drahtzieher Fethullah Gülen auszuliefern.

Es drohen neue Konflikte zwischen der Türkei und den Kurden

Die Türkische Regierung behauptet, die USA hätten versprochen, dass sich die Kurden aus der Region östlich des Euphrats zurückziehen. Kann die USA überhaupt so etwas versprechen? Und warum sollten sich die Kurden daran halten?

Steinbach: Weil die Kurden sonst fertig gemacht werden! Die Kurden könnten sich in diesem Frontabschnitt nie gegen die türkische Armee halten. Bisher konnten sie dort militärisch operieren, weil die Amerikaner einen politischen und militärischen Schirm über sie gehalten haben. Jetzt lassen die USA die Türken gewähren, um eine weitere Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Washington und Ankara zu verhindern.

Aber nimmt Washing­ton dafür nicht in Kauf, das ebenfalls wichtige Verhältnis zu den kurdischen Verbündeten in Syrien zu zerstören?

Steinbach: Die Kurden sehen, wie stark die Widerstände von Seiten der Türkei und nun auch von Seiten der USA gegen ein einheitliches Kurdengebiet in Syrien sind. Deswegen geben sie sich zunächst einmal mit dem zufrieden, was sie in den letzten zwei Jahren schon erreicht haben: nämlich eine sehr beträchtliche Erweiterung ihres Territoriums.

Aber auf lange Sicht drohen da doch wieder neue Konflikte zwischen Türken und Kurden!

Steinbach: Ganz gewiss. Die türkischen Zeitungen machen jeden Tag groß auf mit neuen Opfern des Kampfes der türkischen Armee gegen die PKK. Es ist so klar wie das Amen in der Kirche, dass die aufs engste mit den Kurden in Syrien verbundene PKK ihre Operationen nun ausweiten wird. Es ist sogar vorstellbar, dass die Kurden jetzt die Unterstüzung des Assad-Regimes bekommen werden, der so die Konflikte in der Türkei anheizen kann. Denn die syrischen Kurden waren schon in der Vergangenheit keineswegs eindeutig gegen das Assad-Regime.

"Der Westen hat alles falsch gemacht"

In Aleppo versammelt sich die bisher gemäßigte Opposition zunehmend hinter den Islamisten der Al-Kaida nahestehenden Nusra-Front. Was hat der Westen in Aleppo falsch gemacht?

Steinbach: Der Westen hat in der ganzen Syrien-Frage alles falsch gemacht! Wenn wir heute beobachten, dass die türkischen Truppen innerhalb von Stunden einen durchschlagenden militärischen Erfolg gegen den Islamischen Staat erreichen, dann ahnt man, wie leicht es für eine internationale Allianz gewesen wäre, 2011/2012 militärisch einzugreifen – auch gegen Damaskus. Der türkische Angriff entlarvt das ganze Ausmaß des Versagens der USA, aber auch Europas in der Syrien-Frage. Es wäre 2011, 2012 noch möglich gewesen, eine humanitäre Schutzzone einzurichten.

Wird dieser Krieg je ein Ende finden?

Steinbach: Da die politische Lösung in der letzten Zeit immer weiter in den Hintergrund getreten ist, fürchte ich: Dieser Krieg wird noch lange dauern und noch viele, viele Opfer fordern. Entscheidend ist deshalb, dass nun wenigstens die humanitären Korridore geschaffen werden, von denen der Westen immer wieder redet.

Interview: Klaus Rimpel

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