Mannheim geht in die Offensive

Lauter als die Polizei erlaubt: Kampf gegen PS-Protzer

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Polizeibeamte kontrollieren in Mannheim sogenannte Autoposer. Foto: Uwe Anspach
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Polizeibeamte kontrollieren in Mannheim sogenannte Autoposer. 
"Autoposer" fahren mit ihren oft getunten Fahrzeugen vor allem in den Abendstunden durch die Innenstädte und zeigen lautstark, wie viel PS ihr Wagen hat. Foto: Uwe Anspach
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"Autoposer" fahren mit ihren oft getunten Fahrzeugen vor allem in den Abendstunden durch die Innenstädte und zeigen lautstark, wie viel PS ihr Wagen hat. 
Kontrolle von Autoposern: Ein Lautstärke-Messgerät zeigt 65,4 Dezibel an. Foto: Uwe Anspach
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Kontrolle von Autoposern: Ein Lautstärke-Messgerät zeigt 65,4 Dezibel an. 
Sind da auch Schalldämpfer drin? Ein Polizeibeamter schaut sich bei der Kontrolle von Autoposern den Auspuff an. Foto: Uwe Anspach
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Sind da auch Schalldämpfer drin? Ein Polizeibeamter schaut sich bei der Kontrolle von Autoposern den Auspuff an. 
Breit und laut: In Mannheim machen die Autoposer den Anwohnern das Leben zur Hölle. Foto: Uwe Anspach
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Breit und laut: In Mannheim machen die Autoposer den Anwohnern das Leben zur Hölle. 
Gemessen wird die Lautstärke in einem Abstand von 50 Zentimetern. Foto: Uwe Anspach
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Gemessen wird die Lautstärke in einem Abstand von 50 Zentimetern.

Mannheim - Dicker Auspuff, heulender Motor: Viele Menschen leiden unter lärmenden Autos in den Innenstädten. In Mannheim gehen Polizei und Stadt in die Offensive - und ziehen PS-Protzer aus dem Verkehr.

Der viel befahrene Mannheimer Kaiserring, kurz vor Sonnenuntergang: Ein junger Mann lässt seinen Motor aufheulen, erst zaghaft, dann immer lauter. Der Spaß ist diesmal aber gleich null: Hinter dem Auto hockt ein Polizist und hält ein Messgerät 50 Zentimeter vor den dicken Auspuff.

Fazit: Viel zu laut - die Fahrt des PS-Protzers ist hier zu Ende. Wenige Minuten später baumelt der Schlitten über dem Abschleppwagen.

In jeder größeren Stadt und auch in kleineren Orten kennt man sie: Autoposer, die mit ihrem Gefährt protzen und lärmend durch die Straßen brausen - gern immer und immer wieder. "Es gibt offensichtlich Menschen, meist maskulin, die glauben, sich darstellen zu müssen", sagt Mannheims Verkehrspolizeichef Dieter Schäfer. Neu sei das nicht, aber zuletzt wieder massiv. "Wir kämpfen schon seit zehn Jahren immer wieder gegen das Phänomen."

Jetzt greifen Stadt und Polizei härter durch. Mehr als 30 Autos von Lärmsündern hat Schäfers Team in den vergangenen drei Wochen schon aus dem Verkehr gezogen. Mannheims Sicherheitsdezernent Christian Specht (CDU) sagt, die Fahrer lachten über die normalen Verwarnungsgelder nur.

Anwohner in der Mannheimer Innenstadt schrecken an Wochenenden teils mehrmals in der Nacht wegen Autolärms aus dem Schlaf hoch. Viele wollten sich das nicht mehr gefallen lassen und haben eine Unterschriftensammlung bei der Stadt eingereicht. Sie notieren auch Nummernschilder besonders dreister Autoposer.

Wolffried Wenneis ist einer der geplagten Anwohner. "Das Problem ist, dass diese Fahrzeuge eine Ringstrecke fahren", sagt der 78-Jährige. "Diese Krachmacher kommen in einer Stunde fünfmal bei mir am Haus vorbei." An einen erholsamen Schlaf sei nicht zu denken. Verkehrspolizeichef Schäfer erzählt, seit Beginn der Kontrollen sei es bereits deutlich ruhiger geworden. 

Ein Experte für Fahrzeugtechnik vom Tüv Nord sagt: "Die Szene, die in Mannheim die Umgebung kirre macht, wird nachträglich manipulierte Auspuffanlagen haben." Der ADAC nennt das Gehabe der Autoposer blödsinnig. Es sei eine Unsitte, wenn jemand etwa an der roten Ampel den Motor aufheulen lasse, sagt ein Sprecher des Verkehrsclubs. "Das ist ein vorpubertäres Verhalten und kein verantwortungsbewusstes Verhalten im Straßenverkehr." 

Die Mannheimer sind nicht nur genervt von den Lärmsündern - sie fürchten auch um ihre Gesundheit. "Lärm ist ein Stressfaktor", schreibt das Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau in Sachsen-Anhalt. "Er aktiviert das autonome Nervensystem und das hormonelle System." Die Folge seien Veränderungen bei Blutdruck, Herzfrequenz und anderen Kreislauffaktoren. Der Körper schütte vermehrt Stresshormone aus. Mögliche Langzeitfolgen chronischer Lärmbelastung könnten zum Beispiel Herzkrankheiten sein. 

Für den jungen Mann in der Mannheimer Kontrolle wird es teuer: Für Dinge wie Abschleppen, Gutachten, Rückbau des Tunings und spätere neue Zulassung kämen locker 1000 Euro zusammen, sagt Schäfer. Er ist an diesem Abend mit 30 Mann angerückt - und die Großkontrolle zeigt die gewünschte Wirkung: Schaulustige versammeln sich an der Absperrung, machen Handybilder. In den sozialen Netzwerken werde sich das hier rasend schnell verbreiten, sagt Schäfer. Bestenfalls schrecke es Fahrer auch an anderen Abenden vom PS-Protzen ab.

Gesundheitliche Folgen von Verkehrslärm

Lärm gilt als eines der gravierendsten Umweltprobleme in der heutigen Zeit. Besonders der Verkehrslärm wird als störend empfunden. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland fühlt sich einer repräsentativen Umfrage des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2012 zufolge von Straßenverkehrslärm gestört oder belästigt.

Lärm kann das körperliche und seelische Wohlbefinden beeinträchtigen. Das Ohr ist die natürliche „Alarmanlage“ des Menschen. Laute und unerwartete Geräusche werden vom Gehirn als Zeichen von Gefahr gewertet. Der Organismus wird aktiviert, der Körper schüttet vermehrt Stresshormone aus. Mögliche Langzeitfolgen von chronischer Lärmbelastung können Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck oder gar ein Herzinfarkt sein.

Der Schall wird auch im Schlaf aufgenommen und verarbeitet. Forschungsergebnisse zeigen, dass der menschliche Organismus während der Nachtruhe auf Lärm empfindlicher reagiert als am Tag. Schon Geräuschpegel ab 30 Dezibel - zum Beispiel Flüstern - können den Schlaf stören, wenn sie gleichmäßig andauern. Darauf wird in einer Broschüre der Deutschen Gesellschaft für Akustik hingewiesen. Mit steigendem Dauerschallpegel nimmt demnach die Traumschlafzeit ab und die Einschlafzeit sowie die Anzahl und Dauer der Wachphasen nehmen zu.

Wie laut darf ein Auto sein?

Nicht jeder Autolärm ist legal: Der Grenzwert für Fahrzeuge, die heute in den Verkehr kommen, liegt laut Tüv Nord bei 74 Dezibel im zweiten und dritten Gang. Bei sportlichen Wagen seien bis zu 75 Dezibel erlaubt. Wenn Autos diese Grenzen überschreiten, sind laut einem Tüv-Experten häufig nachträglich manipulierte Auspuffanlagen die Ursache: Mit eingebauter Auspuffklappe werde der Großteil der Abgase an der Schalldämpferanlage vorbeigeführt.

dpa

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