Wenn Integration durch den Magen geht - Einheimische und Flüchtlinge kochten gemeinsam afghanisch

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Afghanische Männer scheuen sich nicht vor Küchenarbeit und machten sich nach dem Essen an den Abwasch.

Freilassing - Freilassing - Beim Essen kommen d’Leut zam. Diese alte Weisheit bestätigte sich mal wieder bei „Freilassing is(s)t interkulturell, vegan“. Rund 50 Interessierte, jung und alt waren in die Montessori-Schule gekommen, um afghanische Gerichte zu kochen und nicht nur kulinarisch über den eigenen Tellerrand zu schauen. Nebenbei erfuhren sie von den Gastköchen, welche Strapazen ihre Flucht nach Deutschland mit sich brachte und dass afghanische Männer alles andere als Paschas sind.

„Sich begegnen, mal anlächeln, gemeinsam Aufgaben bewältigen. Eben Berührungsängste verlieren“, so beschreibt eine einheimische Teilnehmerin den gemeinsamen Kochabend mit Asylbewerbern aus Afghanistan. Seit mehr als zwei Jahren treffen sich jeden Monat nicht nur Freilassinger mit Wurzeln in mehr als 80 Nationen, um sich beim gemeinsamen kochen und essen besser kennenzulernen. Für die Initiatorinnen Marie-Luise Thierauf, Daniela Fries und Susanne Coenen war es daher selbstverständlich, auch die Neuankömmlinge der Grenzstadt mit offenen Armen zu empfangen. Die Initiatorinnen sind überzeugt davon, dass Sprache, Sport sowie gemeinsames Kochen und Essen die Grundpfeiler gelungener Integration darstellen. „Es war eigentlich der entspannteste Kochabend bisher, die Afghaninnen und vor allem auch die Afghanen legten einfach los. Sorge bereitete uns nur, dass der Nachschub an Öl ausgehen könnte,“ so Thierauf lachend. „In der afghanischen Küche werden Unmengen verwendet.“ Die Organisation übernahm dieses Mal Brigitte Lastovka, die aktiv in der Flüchtlingshilfe arbeitet und Sprachpatin von Zubaida, einer der Köchinnen und deren Familie ist.

Zubaida und ihre beiden Töchter Masume (14) und Zahra (12) erledigten die Einkäufe und brachten von zu Hause einen geschmacklich ungewohnten, überaus leckeren süßen Reis mit, der mit Rosenwasser verfeinert war. „Familienvater Hassan war als erster am schnippseln von Gemüse und auch alle anderen Männer waren keine Anfänger am Herd, das sah man gleich. Außerdem ist uns allen aufgefallen, dass wir Frauen noch beim Essen und Ratschn saßen, als die Männer bereits die Tische abräumten und in der Küche sauber machten“, berichtet Coenen schmunzelnd. Zubaida erzählte ihr, dass die Flucht für Hassan wegen der Verantwortung für seine Kinder eine enorme Belastung war. Heute leben sie in einer kleinen Wohnung in Freilassing. „Die drei ältesten Mädchen gehen zur Schule, das war in Afghanistan nicht möglich und alleine das macht die Eltern schon unendlich glücklich und dankbar. Für die Vierjährige suchen wir gerade einen Kindergartenplatz. Sie würde dann bereits im Sommer deutsch oder womöglich bayerisch plappern,“ erzählt Eugen Tites, der mit Flüchtlingen die Radlwerkstatt betreut.

Marweh, Somayeh und Hamide waren mit ihren Familien als Unterstützung aus Bad Reichenhall gekommen. „Die jungen Frauen haben in den wenigen Monaten seit ihrer Ankunft schon so gut Deutsch gelernt, dass wir uns verständigen konnten.“ erzählt Fries. Nach zwölf bzw. elf Jahren Schule arbeitete Marweh als Schneiderin, Somayeh knüpfte Teppich. „Marwehs größter Wunsch ist eine Nähmaschine.“ vertraute sie Thierauf an: „Es wäre wunderbar, wenn sich eine finden würde.“ Marweh und Somayeh lebten mit ihren Männern zwei Monate lang in Irans Hauptstadt Teheran, „man geht dort nicht gerade zimperlich mit Afghanen um.“ Mehr wollen sie darüber nicht erzählen. Ihre Flucht nach Deutschland dauerte sechs Monate und führte sie über die Türkei nach Bulgarien, wo sie ein großes Gebirge überqueren mussten. Ibrahim, der übersetzt, wirft spontan ein „das war auch mein Weg!“ Im Oktober kamen sie in Deutschland an. In Österreich verlor die Familie den zwölfjährigen Bruder von Marweh, mittlerweile wissen sie, dass er wohlbehalten in München angekommen ist und sich dort wohl fühlt.

Auch Ibrahim und Assad Ullah waren an diesem Abend als geübte Übersetzer gefragt, unter anderem bei der kurzen Ansprache nach dem Kochen. Wie schwer fällt den frischen Deutsch-Schülern der bayerische Dialekt? Eine Übersetzung sei fast nicht nötig, freut sich Marweh. sie könne Bayerisch mittlerweile ganz gut verstehen.

Freilassing isst und kocht jeden 3. Donnerstag im Monat in der Montessorischule in Freilassing ab 17.30 interkulturell vegan. Am 18. Februar steht pakistanisch auf dem Speiseplan. Infos und Anmeldungen unter: freilassing-isst@gmx.de oder https://www.facebook.com/Freilassingisst.interkulturell.vegan oder 08654-773069

Marie-Luise Thierauf

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