"CSI" Ötzi - Die Aufklärung des Attentats

"CSI" Ötzi - Mordfall endgültig aufgeklärt?

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Hämathom im Kopf des Ötzi

Ainring - "Der Auhögl in Ainring". So heißt die Steinzeitsiedlung im Berchtesgadener Land, in der man viele wertvolle Kulturfunde machte. Ein Teil der Funde brachte auch neue Erkenntnisse über den Tod des Ötzi:

Vor 25 Jahren wurde Ötzi gefunden und seitdem rätseln die Forscher, wie er ums Leben gekommen sein kann. Leider gibt es aus dem Zeitraum der Entdeckung nur noch wenige Forscher, die direkt mit der Erforschung der Todesumstände betraut waren und sogar noch sind. 

Der deutsche Geoärchäologe Alexander Binsteiner, der in Wasserburg am Inn geboren wurde, hat ab 1993 unter Konrad Spindler Chefgeologe im Eismann-Projekt an der Universität Innsbruck mitgearbeitet. Er untersuchte die Feuersteingeräte des Ötzi und entdeckte die Abbaugebiete für die Rohstoffe in den Monti Lessini nördlich von Verona

Zum 25. jährigen Jubiläum der Ötz-Entdeckug hat Binsteiner ineinem Exklusiv-Interview mit BGLand24.de über die damaligen Forschungen berichtet. Vergangene Woche hat der Geoarchäologe bereits von spannenden neuen Erkenntnissen rund um die Feuersteine berichtet. Im nachfolgenden Artikel präsentiert der Wasserburger die neuesten Ergebnisse, wie Ötzi ums Leben gekommen sein wird.

Mordwerkzeug Pfeilspitze

Pfeilspitze aus Feuerstein vom Auhögl in Ainring

Mit der gestielten Pfeilspitze aus Ainring, die mit 2,8 cm Länge bis auf den Millimeter der Spitze in der linken Schulter der Eismumie vom Tisenjoch gleicht, besteht die Möglichkeit dass der Mörder des Ötzi auch aus dem Norden kommen kann. Damit erweitert sich der Täterkreis erheblich. Die lange bekannte Steinzeitsiedlung am Auhögl nahe Ainring im Berchtesgadener Land war aus verteidigungstechnischer Sicht eine sehr günstig gelegene Festung am Ausgang des Salzachtales. Man fand mit den vielen Fundstücken auch kistenweise Keramikreste der bayerischen Altheimer Kultur (3800-3400 v. Chr.) und der oberösterreichischen Mondsee-Kultur (3800-3300 v. Chr.). Auch ein Beil aus Arsenkupfer war unter den Funden. Sicher hatte die Siedlung etwas mit dem Kupferhandel am Alpenrand zu tun. Vielleicht war es ein prähistorisches Dawson City, die Goldgräberstadt am Zusammenfluss des Klondike mit dem Yukon River in Kanada. Allerdings ging es in Ainring vor 5500 Jahren nicht um Gold, sondern um Kupfer, das in der Steinzeit erheblich wertvoller war.

Wer war der Ötzi? 

Befunde an der Mumie und Ausrüstung zeigen, dass der Mann im Eis zu Lebzeiten eine besondere Stellung in seiner Gemeinschaft einnahm. Die aus verschiedenfarbigen Fellstreifen genähte Oberkleidung und seine Bärenfellmütze waren Ausdruck der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Elite. 

Als er starb, war er bewaffnet mit Pfeil und Bogen und dem geschäfteten Kupferbeil für den Nahkampf. Sicher war der Ötzi nicht alleine unterwegs in den Bergen. Vielleicht führte er einen der Handelszüge an, die in seiner Zeit über die Alpen gingen. 

Schlüsselfragen im Mordfall Ötzi 

Pfeilspitze aus Feuerstein im Körper des Ötzi

Um den Fall Ötzi lösen zu können, müssen zunächst folgende Fragen beantwortet werden: Wer hat den Pfeil abgeschossen, der zum Tode des Ötzi führte? Wer hat den Pfeilschaft dann aus der Wunde gezogen? Denn das Röntgenbild wie auch das CT zeigen keine Spuren des Schaftes. Warum wurde der Schaft gezogen? Ötzi hat noch gelebt, als das geschah. Sein Herz schlug noch, da sich der Schusskanal noch mit Blut gefüllt hat. Direkt beim Entfernen des Pfeiles oder kurz danach muss er gestorben sein. Das konnte bei der Autopsie in Bozen eindeutig festgestellt werden Und schließlich, warum blieben das wertvolle Kupferbeil und der Rest der Ausrüstung bei der Leiche? 

Überfall auf einen Kupfertransport auf einer Hauptransitroute über die Alpen 

Rekonstruktion - fand so der Überfall statt?

Der Handel mit kostbaren Rohstoffen ist zu allen Zeiten ein brauchbares Tatmotiv, um einen Mord zu begehen. Und so wird es auch in der Steinzeit Menschen gegeben haben, die versuchten, sich das Hab und Gut anderer durch Diebstahl und Raub anzueignen. Man braucht keine großen Verrenkungen zu machen, um sich vorzustellen, dass es am Tisenjoch, einer der Hauptpassagen über den Alpenhauptkamm, zu einem Überfall von Wegelagerern auf einen Kupfertransport gekommen sein kann, der vom Mitterberg im Salzburger Pongau kommend vorbei an Ainring durch das Inntal und das Ötztal hinauf in die Berge unterwegs zurück nach Italien war. Der Ötzi könnte der Anführer einer dieser Expeditionen gewesen sein. Am Pass kam es zum Kampf mit den Räubern. Pfeile schwirrten durch die Luft. 

Ein Pfeil traf den Ötzi in die linke Schulter und verletzte ihn tödlich. Er verlor sofort das Bewusstsein. Beim Sturz nach vorne fiel er ungebremst auf den Kopf. Dabei könnte er sich die schwere Schädelverletzung zugezogen haben, die ebenfalls erst in Bozen diagostiziert wurde. 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Siedlung in Ainring ein Umschlagplatz für den Kupferhandel war. Auf diesem Wege kam die gestielte Pfeilspitze aus Lessinischem Feuerstein der oberitalischen Remedello-Kultur auf den Auhögl. Der Mörder könnte somit auch von Norden her zum Tisenjoch aufgestiegen sein. Bislang wurde behauptet, er könne ausschließlich aus Südtirol stammen.

Bergbestattung unter freiem Himmel

Die Angreifer konnten am Tisenjoch von den Kupferleuten in die Flucht geschlagen werden. Der Todesschütze kam nicht mehr an den Schwerverwundeten heran. Er hätte ansonsten die Ausrüstung und mit Sicherheit das sehr kostbare Kupferbeil mit sich genommen. Die Gefährten des Ötzi wollten ihrem verletzten Anführer noch helfen und zogen den Pfeilschaft aus der Wunde. 

Dabei starb der Eismann. Seine Kameraden bestatteten den Toten mit seiner persönlichen Ausrüstung direkt am Pass. Nur so kann plausibel erklärt werden, warum das kostbare Kupferbeil des Ötzi bei dem Leichnam blieb. 

Die Bergbestattung wurde auch schon von anderen Forschern, so beispielsweise in Rom, in unterschiedlichen Szenarien dargestellt. Nach 25 Jahren kann das Puzzle jetzt endgültig zusammengesetzt werden. Heute steht zweifelfrei fest, dass bereits in der Jungsteinzeit vor 5500 Jahren die Zeitgenossen des Ötzi von Italien aus den Alpenhauptkamm überschritten haben, um sich im nördlichen Alpenvorland Rohkupfer zu beschaffen.

Quelle: Alexander Binsteiner

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